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So geht Ahnenforschung

Der eigenen Gesichte auf den Grund zu gehen ist spannend - aber oftmals schwierig. Zumindest alte Schriten sollte man lesen können.



 
Meine Ururgroßmutter wäre in diesem Jahr 145 Jahre alt geworden. Sie ist das "älteste" Mitglied meiner Familie, das ich in meinen Stammbaum eintragen konnte.

Mich hat der Forscherdrang gepackt. Ich möchte wissen, wo ich herkomme, welches Leben meine Vorfahren geführt haben, welche Schwierigkeiten sie bestehen mussten und welche Erfolge sie feiern konnten. Ich bin unter die Ahnenforscher gegangen.

Jetzt allerdings komme ich nicht weiter und das ist frustrierend. In einem Zweig der Familie ist schon bei meinen Urgroßeltern Schluss, auf der anderen Seite komme ich immerhin eine Generation weiter. Aber ich habe eine These zu unserer Herkunft, die ich nur bestätigen oder widerlegen kann, wenn ich unsere Familie mindestens bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen kann. Ich möchte nämlich gern glauben, dass wir von den Hugenotten abstammen. Winzige Details, die ich über die früheren Generationen kenne, sprechen zumindest nicht direkt gegen diese These. Doch um sie be- oder widerlegen zu können, fehlen mir noch gut und gern sieben oder acht Generationen, von denen ich bisher nicht mal
ein Fitzelchen eines Anhaltspunktes habe.

"Da helfen nur alte Kirchenbücher", sagt Matthias Bretschneider. Der 69-Jährige war zuletzt Direktor der Musikschule in Meiningen, arbeitet aber schon seit Jahren nebenher auch als professioneller Ahnenforscher. Er versucht also nicht nur, seiner eigenen Familiengeschichte auf die Spur zu kommen, sondern auch der fremder Menschen. Häufig wenden sich zum Beispiel Amerikaner an ihn, deren Vorfahren irgendwann aus Deutschland in die USA ausgewandert sind und die jetzt ihre Wurzeln ergründen wollen.

"Eine Reise nach Deutschland, möglicherweise Unterkünfte in verschiedenen Orten – je nachdem, wo einen die Recherche hinführt – das ist für Amerikaner viel teurer, als hier jemanden mit der weiteren Forschung zu beauftragen", erklärt Matthias Bretschneider. Je nach Aufwand kann so ein Auftrag schon mal ein paar hundert oder auch ein paar tausend Euro kosten. Doch das rechnet sich für viele seiner Kunden immer noch. Außerdem: Die Amerikaner beherrschen die deutsche Sprache nicht und schon gar nicht die alte deutsche Schrift, in der Kirchenbücher geschrieben sind. Selbst, wenn sie die Reise auf sich nähmen, kämen sie ohne Hilfe also vermutlich nicht weiter.

Ich übrigens auch nicht. Denn auch ich habe nie gelernt, wie man die Sütterlin- oder die älteren Kurrentschriften liest. Die Kirchenbücher, in denen ich laut Matthias Bretschneider nach den nächsten Vorfahren in meinem Stammbaum suchen müsste, würden mich also im Zweifel nicht weiterbringen, zumal sie oft so eng und klein beschrieben sind, dass die Buchstaben mit den großen Ober- und Unterlängen in die nächsten Zeilen ragen und die Einträge noch unleserlicher machen. "An diesem Problem scheitern viele Laien-Forscher heute", beruhigt mich Matthias Bretschneider. Doch man könne sich nahezu jede Handschrift erarbeiten, sagt er.

Das bestätigt auch Juliane Ehrsam. Die 34-Jährige erforscht in Altengottern, einem kleinen Ort in Westthüringen, zugleich die Familien- und die Dorfgeschichte. Sie hat sich – auf der Suche nach ihren eigenen Wurzeln – irgendwann die alten Kirchenbücher vorgenommen, die hier bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückreichen. Dabei suchte sie nicht nach einer bestimmten Familie, sondern fand die Einträge insgesamt interessant. Erst später fiel ihr auf, dass einige Namen immer wieder und über einen sehr langen Zeitraum auftauchten. Für diese wichtigen Familien im Dorf erstellte sie anhand der Kirchenbücher Stammbäume – und dokumentiert so sowohl Familien- wie Ortsgeschichte.

"Um die Kirchenbücher lesen zu können, muss man sich manchmal jeden Buchstaben eines Wortes einzeln vornehmen. Man buchstabiert sich die Worte eher zusammen, als dass man sie liest – jedenfalls, solange man mit der Handschrift nicht vertraut ist", erklärt sie.

Einen Tag nach diesem Gespräch habe ich mir eine Fibel für alte deutsche Handschriften aus dem Eigenverlag der Sütterlin-Stube Dresden zugelegt. Ein schmales Heft im DIN A4-Format, das mit Schreib- und Leseübungen nicht nur Sütterlin-, sondern auch die für mein Vorhaben wichtigere Kurrentschrift vermittelt. Erste Versuche, mir mit dem Alphabet aus dem Heft Widmungen und handschriftliche Einträge in alten Büchern zu erschließen, machen klar: Das wird ein längeres Projekt. Zwar stellen sich hier und da Erfolge ein, aber einen Text zu "übersetzen", dessen Buchstaben zudem nur selten der Lehrschrift entsprechen, ist harte Arbeit.

Doch Matthias Bretschneider und Juliane Ehrsam haben beide noch einen Tipp für mich, solange die Sache mit den Kirchenbüchern noch keine Option ist: Seit Mitte der 1870er-Jahre gibt es in Deutschland das Personenstandswesen. "Wenn Sie nach Vorfahren suchen, die erst nach dieser Zeit geboren oder gestorben sind oder geheiratet haben, können Sie auch in den Standesämtern der jeweiligen Städte um eine Kopie der jeweiligen Urkunden bitten", sagt Matthias Bretschneider. Für mich ist das ein wertvoller Hinweis, allerdings nur für den Teil der Familie, der seit Generationen in Deutschland lebte.

Das ist aber weniger als die Hälfte meiner Vorfahren. Zwei meiner Großeltern mussten als Kinder aus dem heutigen Polen fliehen. Von ihren Eltern oder Großeltern sind beinahe keine amtlichen Dokumente erhalten, die mir ein Anknüpfungspunkt sein könnten. Eine Recherche vor Ort ist aber noch viel schwieriger als hier in Deutschland, denn weder weiß ich, ob dort Personenstandsregister geführt wurden, noch, ob alte Kirchenbücher erhalten sind – und wo sie heute gelagert werden. "Viele Kirchenbücher sind während des Zweiten Weltkrieges zerstört worden", sagt Matthias Bretschneider, "Ich kenne Geschichten, wonach die Soldaten der Alliierten sie zum Feuern benutzt haben."

Ist das auch mit den Büchern in den Gemeinden passiert, aus denen meine Großeltern kommen, ist meine Ahnenforschung am Ende, bevor sie richtig angefangen hat. Dann brauche ich schon viel Glück, um zufällig andere Dokumente wie Gerichtsbücher oder – für die jüngere Verwandtschaft – vielleicht einen sogenannten Ahnenpass, den "Ariernachweis" aus NS-Zeiten, zu finden, in dem vielleicht auf frühere Generationen verwiesen wird. Den hatten damals allerdings viel weniger Menschen erstellen lassen müssen, als ich ursprünglich annahm. Meine Familie gehörte offenbar nicht dazu.

"Helfen können in solchen Fällen aber vielleicht noch die Mormonen", gibt mir Matthias Bretschneider noch als Tipp mit auf den Weg. Die Glaubensgemeinschaft, die man heute vor allem aus Amerika kenne, habe vor dem Zweiten Weltkrieg große Teile der Kirchenbücher im deutschsprachigen Raum erfasst und archiviert. Diese Datenbanken stehen heute – teilweise sogar online – jedem zur Verfügung, der in seiner Ahnenforschung Hilfe braucht.

"Aber auch abseits der Mormonen-Datenbanken gibt es im Internet hilfreiche Seiten. Mailinglisten zum Beispiel, auf denen sich nur Menschen austauschen, die am selben Ort oder nach demselben Zeitraum forschen, wie man selbst. Aber auch internationale Websites, auf denen sich Ahnenforscher austauschen und man sich vernetzen kann. Auf diese Weise kann man mit etwas Glück auf Menschen aus einem entfernten Zweig der eigenen Familie stoßen, die einem mit ihren Ergebnissen auch bei der eigenen Recherche weiterhelfen können", sagt Matthias Bretschneider.

Und Juliane Ehrsam ergänzt: "Auch in den sozialen Netzwerken wie auf Facebook gibt es Gruppen, die sich mit Ahnenforschung beschäftigen. Und man kann dabei sehr spezialisierte Hilfe finden: So gibt es allgemeine Gruppen, aber auch solche, in denen es nur darum geht, Personen oder Orte auf alten Bildern zu identifizieren oder Hilfe für die Übersetzung alter Handschriften zu bekommen."

Zur Recherche nutzen beide das Internet, zur Aufbereitung und Archivierung ihrer Stammbäume oder Ahnentafeln allerdings arbeiten sie ganz einfach mit einem Textverarbeitungsprogramm. Dabei gibt es sogar spezielle Software – Programme, die entweder online auf einer Website genutzt werden können, oder solche, die man direkt auf dem eigenen Computer installiert. Mit ihnen lässt sich der eigene Stammbaum grafisch darstellen. Einige Programme sind an Datenbanken angebunden und erlauben so den Austausch mit anderen Forschern.

Eine solche Software nutzt zum Beispiel Candy Welz und das Ergebnis ist beeindruckend: "Ich komme verifiziert bis 1660", schreibt er auf eine Umfrage, die ich unter meinen Facebook-Freunden gestartet habe. Diese Vorfahren seien eingewanderte Hugenotten. Ich bin ein bisschen neidisch, hat er doch schon belegt, was bei mir bisher nur ein vages Hirngespinst ist. Doch er hat einen großen Vorteil: Seine Familiengeschichte ist immer dokumentiert worden, er hatte also einige sichere Anhaltspunkte.

Ich muss wohl weitersuchen – und hoffen. Darauf, irgendwo einen kleinen, aber relevanten Anhaltspunkt zu finden. Vielleicht sind es die Mädchennamen von Braut- und Bräutigamsmutter auf der Eheurkunde meiner Urgroßeltern, die ich jetzt lesen kann. Ein Wochenende lang habe ich wie ein Erstklässler reihenweise immer dieselben Buchstaben in ein Heft geschrieben – bis ich diese Buchstaben lesen und sogar schreiben konnte. Es sind die Buchstaben der Kurrentschrift. Nun fehlen mir nur noch die richtigen Kirchenbücher, dann komme ich hoffentlich endlich den nächsten Generationen meiner Familie auf die Spur.

 
Hilfe für Anfänger
Wer sich mit Ahnenforschung beschäftigen will, sollte – so empfiehlt es Matthias Bretschneider – als erstes alle alten Fotos und Urkunden in Familienbesitz sichern und so viele Personen auf den Bildern wie möglich identifizieren. Wer soweit ist, muss externe Quellen nutzen, um weiterzukommen. Die wichtigsten laut Matthias Bretschneider sind:
Personenstandsbücher (in Deutschland seit 1876 flächendeckend): Hier wurden Geburten, Eheschließungen sowie Tode eingetragen und oft auch unter den verschiedenen Standesämtern ausgetauscht.
– Kirchenbücher: Für Matthias Bretschneider die wichtigste Quelle. Aber Vorsicht: Statt Geburt und Tod werden hier meist Taufe und Beerdigung erfasst. Viele Kirchenbücher enthalten darüber hinaus aber auch Nebenbemerkungen der Pfarrer, die viel über das Leben der Ahnen verraten können.
– Gerichtsbücher: Darin wurden etwa Erbfälle oder Verkäufe von Land und Hof verzeichnet.
– Mormonen-Datenbanken: Die Mormonen haben vor dem Zweiten Weltkrieg große Teile der deutschsprachigen Kirchenbücher archiviert. Ein Teil davon ist online einsehbar, zum Beispiel auf www.familysearch.org.
– Internet: Zur Recherche in fremden Stamm-
bäumen empfiehlt Matthias Bretschneider die Seite
www.gedbas.genealogy.net.
Unter www.list.genealogy.net sind Mailinglisten zu finden, in die man sich eintragen kann, um sich mit anderen Forschern auszutauschen. Juliane Ehrsam empfiehlt, auch auf den sozialen Netzwerken nach passenden Gruppen zu suchen, um Unterstützung bei der Recherche zu finden. Eine große Datenbank mit fremden Rechercheergebnissen bietet auch www.ancestry.com. Wer dort aber den vollen Umfang des Angebots nutzen will, muss ein kostenpflichtiges Abonnement abschließen.
 

Bildunterschrift: Ein Großteil der Forschung besteht darin, Einträge in alten Gerichts- und Kirchenbüchern zu "übersetzen".

Bildunterschrift: Je nach Epoche müssen Ahnenforscher auch römische Ziffern und die lateinische Sprache verstehen.

Bildunterschrift: Matthias Bretschneider hilft nicht nur anderen Menschen bei der Erforschung ihrer Familiengeschichte. In seiner Wohnung hat er auch seinen eigenen Stammbaum mit Ahnenbildern dokumentiert, die viele Jahrhunderte zurückreichen.

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Anita Grasse
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Veröffentlicht am:
09. 02. 2017
14:45 Uhr

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14:45 Uhr



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