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Stadtrat: Streit um Mahnmal für Zwangsarbeiterinnen

  • Die ehemalige Neustadter Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald in der Austraße. Hier litten in den letzten Kriegsmonaten über 400 jüdische Frauen aus Ungarn als Zwangsarbeiterinnen für das Siemens Kabel- und Leitungswerk.
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Neustadt - "Der Herr Korn ist erwachsen, das ist seine eigene Meinung. Die muss er äußern dürfen": Stadtrat Jürgen W. Heike, CSU, ist bei der Sitzung am Montag zwar nicht dabei gewesen, aber auch als Kreisvorsitzender der Union hat er eine dezidierte Meinung: "Ich halte viel von tätiger Erinnerung, wenn man die Opfer oder die Hinterbliebenen unterstützt. Aber ich halte überhaupt nichts von Holocaust-Gedenkstätten wie in Berlin, wo Touristen ihr Pausenbrot verzehren."

Es geht um eine Gedenkstätte für das Frauenaußenlager des KZ Buchenwald in Neustadt, in der über 400 Jüdinnen aus Ungarn in den letzten Kriegsmonaten für Siemens als Zwangsarbeiterinnen missbraucht wurden. Bevor der Stadtrat für sie am Montagabend ein Mahnmal beschloss, hatte Gerhard Korn, CSU, für einen Eklat gesorgt. O-Ton Korn: "67 Jahre nachdem das Ganze abgeschlossen ist, sollte man es auf sich beruhen lassen und nicht noch weiter das Büßerhemd anziehen - und von mir aus auch nach werweißwann immer noch einen Kniefall machen ( . . .)."

Jürgen W. Heike teilt die Einschätzung seines Parteifreundes zwar nicht. "Das ist vox populi (Stimme des Volkes, die Red.) und ich habe oft Streit und Ärger deswegen." Aber von einem Mahnmal ausschließlich für die Zwangsarbeiterinnen hält auch er nichts. "Wenn wir etwas machen, dann sollten wir würdevoll an die Opfer beider totalitären Regime in Deutschland erinnern." Heike plädiert für einen Ausbau der Informationsstelle über die Teilung Deutschlands ("Sie ist in einem erbärmlichen Zustand") und die Integration einer Erinnerungs- und Gedenkstätte an die Opfer des Naziregimes. "Viele junge Leute wissen nichts mehr von der DDR und erst recht nichts vom Dritten Reich."

Dies ist eine Lesart, die Oberbürgermeister Frank Rebhan, SPD, in keinster Weise nachvollziehen kann. Allerdings wollte er sich gestern mit Verweis auf seine Worte während der Sitzung noch nicht öffentlich dazu äußern. Im Stadtrat hatte er abschließend gesagt: "Die Stadt ist die, die sie ist, auch durch Dinge, die nicht gut waren, die katastrophal waren und die schlimm waren. Auch das ist Teil unserer Geschichte."

Bei drei Gegenstimmen von Gerhard Korn, Heinz Kiesewetter und Rainer Knauer (alle CSU) beschloss der Stadtrat das Mahnmal. Standort soll der "Schwarze Baum" in der Au-straße sein. Für die gestalterische Umsetzung und Textinhalte werden der Bereich Kultur, Sport und Tourismus sowie Historikerin Isolde Kalter und eventuell Künstler Vorlagen erstellen, erläuterte Julia Zenglein, Mitarbeiterin des Kulturamtes dem Gremium. Die Weihe könnte mit einem kleinen ökumenischen Gottesdienst, unter Beteiligung eines Vertreters der jüdischen Gemeinde Bamberg, umrahmt werden.

Die Gesamtkosten der Maßnahme liegen laut Zenglein bei rund 7500 Euro, "sofern die räumliche Umgestaltung und das künstlerische Element nicht überzogene Priorität genießen sollen", so Zenglein.

In der Ausarbeitungsphase könnten in zielführendem Umfang Kunst- und Geschichtsexperten, beispielsweise aus der Lehrerschaft des Arnoldgymnasiums, hinzugezogen werden. "Als zielführendster Standort" hierfür böte sich der "Schwarze Baum" in der Austraße an. Hier besteht bereits eine kleine Grünanlage mit Sitzgruppe, direkt am Geh- und Radweg gegenüber des ehemaligen Kabel- und Leitungswerkes Neustadt, in dem die Zwangsarbeiterinnen gefangen gehalten wurden.


Lesen Sie auch: "Ohrfeigen, Stockschläge und Todesangst"


 

 


Die Stadt ist die, die sie ist, auch durch Dinge, die nicht gut waren.

OB Frank Rebhan


Herr Korn ist erwachsen, das ist seine eigene Meinung. Die muss er äußern dürfen.

Jürgen W. Heike, CSU


67 Jahre später sollte man nicht noch weiter das Büßerhemd anziehen.

Gerhard Korn, CSU


 


"Eine außerordentliche Schande für Neustadt"

Stadtrat Gerhard Korn: Nachdem das Ganze vor 67 Jahren war und bisher kein Mensch danach gefragt hat, bin ich der Meinung, man sollte das einfach ruhen lassen ... Die Frauen - ich betone - durften im Kabelwerk arbeiten, es war für die (Zwangsarbeiterinnen, die Redaktion) mit Sicherheit besser, als irgendwo anders zu sein in dem Fall, und für das halbe Jahr hatten sie es dort mit Sicherheit besser als woanders. Und ich bin der Meinung, 67 Jahre nachdem das Ganze abgeschlossen ist, sollte man... nicht noch weiter das Büßerhemd anziehen und...immer noch einen Kniefall machen.

 

Oberbürgermeister Frank Rebhan: Ich gehöre einer Generation an, die damit in ihrer Verantwortung außerordentlich viel zu tun hat, außerordentlich viel... Ich habe in meinem Büro mit einer der Überlebenden zusammengesessen, schon vor einigen Jahren; es war ein Herzenswunsch... Dass es die Frauen dort ganz gut gehabt haben, zumindest besser als woanders, das (zu formulieren) fällt mir ziemlich schwer. Ich empfehle, vielleicht auch mal in einen Vortrag unserer Heimatpflegerin zu gehen, wie es den Frauen dort (im Konzentrationslager) ging, was man dort an denen verbrochen hat, auch von Neustadtern, nicht nur von irgendwelchen Weithergereisten... Und das, was da passiert ist, ist eine außerordentliche Schande.

 

Stadträtin Heike Stegner-Kleinknecht: Wenn ich mit so einer kleinen Anlage dazu beitragen kann, dass diejenigen, die diese Zeit nicht mehr selbst erlebt haben, sondern nur noch aus Erzählungen kennen, dazu angehalten werden, darüber nachzudenken, damit so etwas nicht wieder passiert... halte ich diese Anlage für absolut gerechtfertigt und notwendig.

 

Stadtrat Wolfram Salzer: Die Argumentationslinie, die er (Stadtrat Korn) hier vertritt, erinnert mich exakt an die, die seinerzeit Bundeskanzler Kohl vertreten hat, nämlich nach dem Grundsatz "Die Gnade der späten Geburt"... Eigentlich sind wir über diese Argumentation schon 20, 25 Jahre hinweg, und ich muss sagen, es befremdet mich, dass tatsächlich so eine Einwendung hier in dem Kreis gekommen ist.

 

Oberbürgermeister Frank Rebhan: Wir, die wir jetzt leben, sind nicht schuld, aber wir sind verantwortlich, wenigstens dafür, dass wir daran erinnern in dem Sinne, dass es nie mehr geschieht. Das ist der Hintergrund.

Dokumentation:

Peter Tischer

 

    
    

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