zuletzt bearbeitet: 21.02.2012 14:00 Uhr
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Doch es kam anders
In den Karnevalshochburgen wird der Wulff-Wagen zum Überraschungsei.
Der Mainzer Rosenmontagszugs-Organisator Kay-Uwe Schreiber ist ein erfahrener Narr. Einer, der auch in Sachen Humor nichts dem Zufall überlässt. Deshalb hat Schreiber auch frühzeitig eine E-Mail ans Bundespräsidialamt geschrieben und artig den Wunsch geäußert, der Herr Bundespräsident möge, bitte schön, doch bloß nicht vor dem 22. Februar zurücktreten. Doch Wulff hat nicht mitgespielt. Schlimmer noch für die Narren: Sein Rücktritt kam so kurzfristig, dass viele Umzugswagen eilig umgebaut werden mussten. Auch Tanga-Angies Rettungsschirmladen oder Philipp Röslers gelbe, schlaff von der Wäscheleine hängende "tote Hose" dürften da nur noch ein paar schwache Lacher ernten. Bellevue alaaf!
Der Bundespräsident ist zurückgetreten, und manchen wird das Lachen diesen Montag im Halse steckenbleiben. Aber Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Dabei hatten die Internetnarren den Rosenmontagsjux schon vorweggenommen. Von Schnorri, dem Bundespräsidenten, wurde kindgerecht geschwärmt oder von der Jack-Wulffskin-Jacke, der kein Wetter was anhaben kann. Die Online-Jecken erinnerten sich an Filme wie "Der mit dem Wulff tanzt" oder Streifen mit dem putzigen Titel "Hilfe, ich habe die Zinsen geschrumpft". Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen.
Im Mainzer Rosenmontagszug sollte der Bundespräsident - obwohl längst ausgezählt - mit Pflastern auf der Stirn, Boxhandschuhen und schwarz-rot-goldener Krawatte schwer in den Seilen hängen. Aus und vorbei. Jetzt wird der Wulff-Wagen zum Überraschungsei. Der Kölner Zoch wollte ihn als Etappenhasen zeigen - kurz vor der Schlachtung. Auch dieser Wagen wird nicht fahren. Schwamm drüber! Heile, heile Gänschen, die Zeit heilt alle Wunden. Heile, heile Mausespeck, in hundert Jahrn ist alles weg! Das ist Wulffs Trost. Vorjahresheld Karl-Theodor zu Guttenberg zum Beispiel ist kein Narren-Thema mehr. Der Freiherr ist abgeschrieben. Übrigens: Kennen Sie den? "Was haben Wulff und Guttenberg gemeinsam? Sie hatten beide Probleme mit Bürogeräten. Der eine ist am Kopierer gescheitert, der zweite am Anrufbeantworter." Auch dieses Späßle ist bereits angestaubt.
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Rücktritt hin, Rücktritt her: Wulff steht ein letztes Mal im närrischen Rampenlicht. Die Büttenredner haben ihre Pointen ein letztes Mal umgeschrieben. Sie kennen das Pasteurisieren, Morsen und Röntgen, wo besondere Fähigkeiten und epochale Erfindungen die Namen ihrer Besitzer überlebten. Doch nun spielen sie mit dem Wulffen. Wobei offen ist, welche Bedeutung haftenbleibt: das zornige Vollreden einer Mailbox; die Kunst, nicht direkt die Wahrheit zu sagen, ohne direkt als Lügner dazuzustehen; oder die Kunst, die Hand offenzuhalten, ohne sie schmutzig zu machen? Narri-Narro!
Manches aber hat Bestand. Wie das Kölsche Karnevalslied "Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt, wer hat so viel Pinkepinke, wer hat so viel Geld?" Das bleibt so aktuell, dass am Text nicht herumgebastelt werden muss. Wobei: Nicht nur in Köln verziehen manche Jecken nach Wulffs Rücktritt keine Miene. Sie verstehen nicht, was daran witzig ist. Oder sind im Besitz der Ambiguitätstoleranz, was heißt: Sie können Dinge gut aushalten, die nicht so sind, wie sie sein sollten. Insofern hätte Wulff, ganz früher mal der deutsche John F. Kennedy, am Rosenmontag in die Pappnasen-Republik rufen können: "Ich bin ein Kölner!" - und die Sache wäre geklärt und erledigt gewesen. Doch es kam anders. Für Wulff war schon vor dem Rosenmontag Aschermittwoch. Und in Berlin zieht die Karawane weiter.
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