zuletzt bearbeitet: 07.03.2012 06:03 Uhr
Text
Text
Neue Lust am Leben
Ohne Verlusterfahrungen kann niemand auf Dauer vernünftig leben.
Am heutigen Aschermittwoch beginnt die christliche Fastenzeit, die am Ostersonntag endet. In seinem ursprünglichen Sinn soll Fasten die Menschen nicht nur dazu anregen, weniger zu essen, sondern sich ganz bewusst im Leben zurückzunehmen. In Bayern allerdings wird diese Idee gleich am ersten Fastentag bei den politischen Aschermittwoch-Veranstaltungen ad absurdum geführt: Die Parteiführer pfeifen auf Mäßigung und überschütten ihre Gegner kübelweise mit Häme und Beleidigungen. Fasten, Verzicht? Fehlanzeige!
Beim Fasten macht der Mensch eine Verlusterfahrung. Er nimmt weniger zu sich, leistet also Verzicht - und erlebt am Ende der Fastenzeit in sich seelisches, spirituelles Wachstum. Fasten ist dabei nicht beschränkt auf die reine Essensreduzierung, sondern kann Verzicht in vielerlei Formen bedeuten: auf bestimmte Annehmlichkeiten wie Fernsehen oder Radiohören, auf Rauchen, auf die Erfüllung eines bestimmten Kaufwunsches. Immer häufiger verzichten die Menschen zwischen Aschermittwoch und Ostern auf Fleisch und Alkohol, vielleicht auch auf Süßigkeiten - essen und trinken aber ansonsten ganz normal.
Im Fasten kann der Mensch Verlusterfahrungen einüben, denen er im alltäglichen Leben gerne aus dem Weg geht - von der gescheiterten Beziehung, die man verdrängt, über das an der Börse verlorene Geld bis zur schwindenden Gesundheit. Denn Verlust wird heute meist als Schwäche empfunden, dabei gehört er zum normalen Leben - mehr noch: Ohne Verlusterfahrungen kann sich der Mensch gar nicht entwickeln. In unserer Gesellschaft werden zwar die Wachstumsprozesse sehr aufmerksam registriert - mehr Geld und Erfolg, größeres Ansehen -, aber die Verluste werden gerne übersehen.
Doch jeder Mensch verliert irgendwann seine Kindheit, seine Jugend und sein Erwachsensein. Zähne und Haare fallen aus, die Kraft schwindet, das Berufsleben geht zu Ende. Im Laufe der Jahre erlebt man den Tod der Eltern, Freunde sterben, Beziehungen enden. Das ganze Leben besteht ununterbrochen aus Verlusten - immer wieder muss man sich von lieb gewordenen Menschen, Gewohnheiten und Gegenständen trennen. Merkwürdigerweise redet in einer "modernen" Gesellschaft kaum jemand über diese Verluste. Offenbar werden sie als ein Makel betrachtet, aber das ist falsch.
Ohne Verlusterfahrungen kann niemand auf Dauer vernünftig leben. Es scheint paradox zu sein: Indem der Mensch Verlusterfahrungen von sich fernhält, fördert er sein Leben nicht, sondern zerstört es. Deshalb setzen sich immer mehr Menschen im Fasten ganz bewusst einem Verlust aus - und fühlen sich hinterher gut. Der Verzicht hat ihnen neue Lebenskraft gegeben. Fasten ist ein Reinigungsprozess an Leib und Seele. Viele Menschen schleppen ihren "Müll" mit sich herum - nicht nur im Darm oder an anderen Stellen im Körper, sondern auch in der Seele, weil sie Ärger und Wut, Enttäuschung und Verletzungen oft jahrelang in sich "hineingefressen" haben. Dies alles loszulassen, ist das Ziel des Fastens.
Der Körper gleicht einem Haus, das vor langer Zeit gebaut worden ist: Im Keller, auf dem Dachboden, in Abstellräumen und Schränken hat sich Gerümpel angesammelt, das keiner mehr braucht. Beim Fasten kann man sich davon trennen. Dann wird das Fasten zum "Hausputz" für den eigenen Leib und für die Seele. Danach fühlt sich der Mensch wie neugeboren und bekommt wieder Lust und Freude am Leben.
Diesen Artikel
|
|||||
Die neuesten Kommentare
Ȇbersicht Meinungen
Mit leeren Händen
Es wächst der Pomp, aber nicht der Zusammenhalt. Dieses seit Jahren fundamentale Problem der Nato wird der am Sonntag be... »mehr
Gedankensprünge
Der 1992 gestorbene österreichische Ökonom Friedrich von Hayek zählt zu den Säulenheiligen des Neoliberalismus. »mehr
Das Blatt wendet sich
Es ist erst wenige Jahre her, da haben die meisten Firmen ihre Verkaufsstrategien einseitig auf Konsumenten zwischen 20 ... »mehr
Das könnte Sie auch interessieren
Party
Nachrichten
Sport
Gelesen
Kommentiert
Bewertet
Magazine
Umfrage






































