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Erschienen am 14.06.2008 00:00
KUNSTVEREIN COBURG
Der Mensch und die ihn umgebende Welt
Von Heidi Höhn
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Der Mensch und Landschaft sind die großen Themen der Ausstellung.
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Falten im Gesicht und kultivierte Landschaft, private Sammelsurien und öffentlicher Raum, das sind „Lebensspuren“ ebenso wie verwitterte Nägel, ein Stück Polsterfolie oder eine von wilder Natur überwucherte Ruine. Unter dem Titel „Lebensspuren“ hat der „Künstlersonderbund in Deutschland e. V. (Realismus der Gegenwart)“ für seine Jahresausstellung 2008 über 180 Werke von 86 Künstler/innen zusammengestellt, die im Kunstverein Coburg und in einer Etage der Herzoglichen Hauptverwaltung (Elsässer Straße 9) ab heute präsentiert werden. Die Schirmherrschaft hat Prinz Andreas von Sachsen Coburg und Gotha übernommen, der sich vor einiger Zeit von Christoph Wetzel, dem Vorsitzenden des Künstlersonderbundes, portraitieren ließ und sich der Vereinigung verbunden fühlt.

Als Sezession vom Deutschen Künstlerbund fanden sich 1990 dem Realismus verpflichtete Künstler/innen zusammen, um in einer gesamtdeutschen Vereinigung ihrem gegenständlich-figurativen Realismus gegenüber der (vorherrschenden) abstrakten oder konzeptuellen Kunst in Deutschland ein neues Gewicht zu geben. Inzwischen gibt es zwar eine Renaissance der gegenständlichen Kunst, doch wird die Vereinigung nicht müde, sich zu positionieren. Erstmals zeigt sich der Künstlersonderbund außerhalb Berlins: nach der Premiere der Ausstellung in Coburg wird sie noch in der Burg Beeskow (Nähe Frankfurt/Oder) zu sehen sein.

Das Coburger Publikum kann sich freuen auf eine beeindruckende, ja spektakuläre Schau, die große Tafelmalerei ebenso präsentiert wie Zeichnung, Druckgrafik und Skulptur. Plakativ, nachdenklich, subtil, kritisch, humorvoll – nahezu jeder Aspekt der Realitätsabbildung ist hier vertreten. Ob (foto)realistische, impressionistische oder expressive Auffassung des Gegenständlichen, die Künstler zeigen hier ihre Ansicht der Welt in faszinierenden Spielarten.

Beim Gang durch die Ausstellung erweist sich, dass sehr viele Künstler beim Thema „Lebensspuren“ an den Menschen selbst denken. Die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper, seiner Physiognomie wird zum zentralen Thema der Ausstellung. Überall zeigen sich Wechselwirkungen und Bezüge: Gisela Breitlings Akt-Gemälde „Früher Morgen oder Sturz aus dem Traum“ und die großartige Bronze-Skulptur einer liegenden Frau („Ebbe II“) von Höpfner thematisieren Körperlichkeit und Bewegung im Raum. Die Auseinandersetzung mit dem Selbst variieren unter anderem Christoph Wetzel, Peter Bradtke, Johannes Grützke oder Roswita Waechter; sie spielen dabei mit Rollen und Perspektiven der Selbst- oder Außenschau.

Das Portrait ist in den verschiedenen Spielarten zu sehen: Als mehrteilige Suite bei Ralf Scherfose, als kontemplative Studie bei Christine Reinckens oder als einer Totenmaske ähnliche Stein-Eisen-Skulptur bei Ludmila Seefried-Matèjková („Ausgelöscht“). Menschen bei ihren Tätigkeiten treten auf: Die Fotografin in Aktion zeigt Karoline Koeppel („Die Bildfängerin“), eine Bananenesserin malt Sooki („Schmeckt gut“), den „Hirten mit Lamm“ gießt Nina Koch in Bronze. Wie Menschen in unserer schnelllebigen Zeit Spuren hinterlassen zeigt Ursula Schwirzer: in den Bildern „Reisezentrum“ und „Am Imbisstisch“ ergeben sich Bewegungsunschärfen wie auf einer Fotografie.

Dinge, die den Menschen umgeben, und die von ihm gestaltete Welt thematisieren die momentane Abwesenheit des Menschen. Gerade scheint jemand den „Garten einer Malerin“ von Dennis Molchan verlassen zu haben. Alltagsdinge arrangiert Michael Engelhardt zu Stillleben. „Behördenkram“ (Klorollen in schwarzem Eimer) entdeckt Michael Mohr. Leckere Düfte nach „Salami und Rotwurst“ lässt Sabine Kasan ahnen und bei Dieter Kraemer brutzeln noch die Spiegeleier in der Pfanne.

Ein großes Thema ist nach wie vor die Landschaft, ob abstrahierend aufgefasst wie die Fjorde bei Christine Ebersbach oder im High-Speed-Zeitraffer wie die „Vertrauten Alleebäume“ bei Peter Berndt. Oldtimer stellt Joachim Lehrer in die Wüste und seine „Traumlage“ ist ein Häuschen auf einem Felsen vor einer imaginierten Bergkulisse. Im Stil des Flower-Power der 70er erscheint Fritz Kreidts „In den Bergen“. Und in Hinrich Storchs „Traum“ fliegt ein Wein-Stillleben auf einem Tischtuch über eine surreale Landschaft.

Manche Künstler integrieren beide Themen: Spannend zu entdecken ist die „Weibliche Landschaft“ von Ewa Kwasniewska. Polarisieren wird sicher Sigurd Wendlands „Maria im Rosengarten“, wenn die Heilige als ausrangierte Plastiksexpuppe daherkommt. Mit einem tollen Farbholzschnitt begeistert Nikolaus Störtenbecker („Maler im Raps“).

Wer nach dieser Vielfalt immer noch Lust auf mehr Realismus hat (und das dürfte angesichts der Qualität der Ausstellung keine Frage sein), wird sich Teil II der Ausstellung in der Herzoglichen Hauptverwaltung nicht entgehen lassen. Dort stechen besonders die Bild-Combis von Aiga Müller ins Auge, die Schnipsel visueller Erinnerungen in großen Formaten verknüpft. Im Durchblick durch die Raumfluchten setzt sich nochmals Christoph Wetzel mit einem Bild von zwei Schwangeren in Szene. Hintergründige Lebensgeschichten blitzen auf in Philipp H. Steiners Gemälde „Der lange Weg“. Großstadtflair mit greller Note verströmt Axel Gundrums „Hallo Taxi“. Ein thematisch und in seiner Durchführung bemerkenswertes großformatiges Blatt zeigt Reiner Schwarz: auf der „Flucht“ bleiben Kleidungsstücke im Dreck liegen, die der Künstler mit Ölkreiden auf Packpapier als grafische Chiffren tragischer Lebensspuren beschreibt. Weitere Skulpturen in Holz, Stein, Beton und Bronze zeigen auch hier Ausprägungen des Realismus in unterschiedlichsten Künstlerhandschriften. Den Schlusspunkt dieses Ausstellungsteils setzt Hans Stein mit seinem Gemälde „Berlin – Wenn Weihnachten vorbei ist“.

„Lebensspuren“, Ausstellung des Künstlersonderbundes in Deutschland e. V. (Realismus der Gegenwart), im Kunstverein und in der Herzoglichen Hauptverwaltung, Elsässer Str. 9, von 15. Juni bis 16. August, Eröffnung Samstag, 14. Juni, 16 Uhr, Öffnungszeiten: Di. bis Sa. 14 bis 17 Uhr, So. 10 bis 12.30 und 14 bis 17 Uhr.

Podiumsdiskussion „Gegenständlichkeit heute – Gibt es einen neuen Realismus“ u.a. mit Rainer Behrends (Leitung), Prof. Matthias Koeppel, Prof. Johannes Grützke, Peter Berndt, Christoph Wetzel und Joachim Goslar (Kunstverein) am Sonntag, 15. Juni, 15 Uhr.

Führungen durch die Ausstellung: 20., 27. Juli und 3. August jeweils 14 Uhr.

 
 

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