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Coburg - Ein bisschen Heimweh nach Coburg hat Grazia Zinfollino noch immer. 17 Jahre lang, von 1966 an, hatte die italienische Gastarbeiterfamilie Zinfollino in der Vestestadt gelebt. Grazia und ihre Geschwister sind hier zur Schule gegan- gen. Und an ihre Coburger Jahre hat sie, wie sie sagt, "nur schöne Erinnerungen". Vor allem an ihre Freundinnen, mit denen sie damals in der Kreuz- wehrstraße spielte.
An ihre Kindheit in Coburg wurde Grazia Zinfollino, die heute in Andria (Apulien) lebt, kürzlich wieder erinnert, als sie beim Surfen im Internet-Blog "Vesteblick" auf ein Foto stieß, das ein wegen der HUK-Verwaltungsbauten längst abgerissenes Haus in der Kreuzwehrstraße zeigt.
Kontakt über Foto
Das Foto war dem Autoren Joachim Kortner bei einer Lesung aus seinen unter dem Titel "Raststraße" erschienenen Jugenderinnerungen geschenkt worden. "Da habe ich früher mal gewohnt, in Ihrer Nachbarschaft", hatte ein Zuhörer nur kurz gesagt, hatte Kortner ein Foto überreicht und war gegangen.
Kortner, der gerade Bücher signierte, konnte nicht weiter nachhaken. Deshalb schickte er das gescannte Foto an den "Vesteblick" mit der Frage, ob sich vielleicht ein "Vesteblogger" an das Haus erinnern könne. Die richtige Antwort kam ausgerechnet aus Italien. Von Grazia Zinfollino.
Immer in Kontakt
Es handele sich um das Nachbarhaus des Anwesens in der Kreuzwehrstraße, in dem sie ihre Kindheit und Jugend verbracht habe, teilte sie mit. Grazia Zinfollino, die noch immer ausgezeichnet Deutsch spricht, und Joachim Kortner stehen seither in regem E-Mail- Kontakt. Denn wie gesagt: Ein bisschen Heimweh nach Coburg nagt an der Italienerin noch heute.
Obwohl es 27 Jahre her ist, seit die Familie die Stadt verlassen hat. Im August 1983 ist die Gastarbeiterfamilie, das Rezept für Coburger Klöße im Reisegepäck, nach Andria in Apulien zurückgekehrt. "Wir haben halt immer Sehnsucht nach der Heimat gehabt", sagte Vater Guiseppe Zinfollino damals der Neuen Presse.
1966 war Zinfollino mit sei- ner Frau Maria und zwei klei- nen Töchtern, Maria und Gra- zia, nach Coburg gekommen, wo der gelernte Schreiner all die Jahre als Polsterer arbeitete, zuletzt in einem Betrieb in Scherneck. Es kamen in Coburg dann auch noch zwei weitere Kinder zur Welt. Eigentlich wollten die Zinfollinos, des besseren Verdienstes wegen, in Deutschland bleiben, hier viel- leicht sogar einmal ein Häuschen bauen. Aber das Heimweh blieb. Vor allem Mamma Zin- follino fand in der Fremde nicht so leicht Anschluss wie ihr Mann und die Kinder.
Weil sie kaum Deutsch sprach, fühlte sie sich oft einsam, erst recht, seitdem die Familie aus der Kreuzwehrstraße nach Beiersdorf umgezogen war. Die Menschen in Italien, sagte sie dem NP-Reporter vor der Rückkehr, seien halt doch "aufgeschlossener und temperamentvoller".
Gemischte Gefühle
Es war eine Rückkehr mit "gemischten Gefühlen", denn man fuhr einer Ungewissen Zukunft entgegen. Guiseppe Zinfollino hatte noch keine Arbeit in Aussicht, Tochter Maria hoffte immerhin, sich als Friseurin selbstständig machen zu können, die damals 18-Jährige Grazia musste eine Lehre als Verlagskauffrau abbrechen. Bei den Kindern haperte es zudem mit dem Italienisch. Trotzdem fanden alle einen Job, der Vater als Schreiner, die großen Töchter zunächst als Näherinnen. Grazia, die auch als Dolmetscherin und Zahnarzthelferin gearbeitet hat, ist heute Mutter von drei Kindern und würde gern halbtags arbeiten, findet aber derzeit keine Stelle.
"Die Arbeitskrise ist hier sehr traurig", schreibt sie in einer Mail an die Neue Presse. Ihre große Schwester arbeitet heute als Friseurin. Ihre in Coburg geborene kleine Schwester, eine gelernte Zahnarzthelferin, und ihr Bruder, von Beruf Maler, sind mit ihren Familien wieder nach Deutschland zurückgekehrt, sie leben in Wiesbaden und Mainz.
Coburg nie vergessen
Die Rückkehr in die apulische Heimat, haben die Zinfollinos nie bereut "Wir lieben Italien", schreibt Grazia, "aber wir haben nach 27 Jahren immer noch Heimweh nach Deutschland".
Ihr Vater, heute Rentner, pflege noch Kontakt zu früheren Arbeitskollegen aus Coburg und sie, Grazia, und ihre große Schwester hätten dank Internet ehemalige Schulfreundinnen wiedergefunden. Aber nach Coburg kommen beide nur noch "gaaaanz" selten. Und dann fügt Grazia noch hinzu: "Wir hatten eine schöne Kindheit in Coburg und haben uns nie aus- gegrenzt und als Ausländer gefühlt." Mit den andern Kindern habe man ja ohnehin immer Deutsch gesprochen, nur zu Hause mit den Eltern andriesi-schen Dialekt.
Das ab und zu mal das Wort "Spaghettifresser" fiel, sei nicht schlimm gewesen, findet Grazia. "Wir wussten doch: Auch die Deutschen essen für ihr Leben gern Spaghetti."




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