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So etwas wie den „Speakers‘ Corner“ im Londoner Hyde-Park gibt es jetzt auch im Nordseebad Friedrichskoog. Dort wurde von der Kurverwaltung eine „Klöntonne“ aufgestellt. Wer mag, kann hier über all das sprechen, was ihm auf dem Herzen liegt: Über das wankelmütige Wetter in Schleswig-Holstein, über die mickrige Rentenerhöhung oder über die Mitteilungssucht der Menschen.
Keine Ahnung, wie du dich hierher verirrt hast, aber ich lade dich herzlich ein, zu bleiben und dich umzuschauen. Ich denke, du wirst eine Menge über mich erfahren.“ Stimmt. Man weiß viel über die Zahnarzthelferin Ilona, wenn man ihre Homepage studiert hat. Wir kennen dann Ilonas Geburtstag, Größe, Gewicht und Haarfarbe, wir erfahren aber auch, dass sie aus einem eher strengen Elternhaus stammt, ihr Chemiestudium abgebrochen hat (weil schwanger geworden), dass sie ihren Schatz liebt, gern stundenlang in der Badewanne relaxt, und dass sie es hasst, zu bügeln und Fenster zu putzen. Dass Ilona auf Datenschutz pfeift, darf man bei so viel Freimütigkeit getrost vermuten. Aber will all das wirklich jemand wissen? Fragen Sie nicht mich! Immerhin werden diese „Blogs“ allein in Deutschland von schätzungsweise einer Million Menschen gelesen.
Dem alten Tagebuch und seiner modernen Form, dem Weblog, ist derzeit im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main eine Ausstellung gewidmet. Rund 300 Kladden sind zu sehen – von Goethes „Schreibkalender“ bis hin zu den Aufzeichnungen Kafkas; aber auch Tagebücher gänzlich unbekannter Menschen. Einer hat kurze Mitteilungen auf kleine Holzklötzchen geschrieben, die eigentlich als Brennmaterial dienten. Und der Sozialdemokrat Fritz Solmitz, einer der ersten politisch Verfolgten des Nazi-Regimes, nutzte, weil er sonst nichts hatte, Zigarettenpapier, um 1933 im KZ Fuhlsbüttel seine letzten Lebenstage zu dokumentieren.
Wenn ihm keiner zuhört, hält der Mensch notfalls Selbstgespräche. Ich rede manchmal mit meinem Hund. Der versteht mich zwar nicht, hört aber geduldig zu. Menschen, die sich auf die Kunst des Zuhörens verstehen, sind ja eher selten; die meisten quasseln lieber selbst. Auch die Tagebuch- und Weblog-Autoren schreiben nicht nur für sich selbst, sie haben – wie die Zahnarzthelferin Ilona – durchaus mögliche Leser im Sinn. Jeder Autor will eben Aufmerksamkeit finden, selbst dann oder gerade dann, wenn er dem Internet Intimstes anvertraut. Autoren-Eitelkeit? Vielleicht auch das Bedürfnis, ein Stück von sich selbst zu bewahren, eine Spur zu hinterlassen – wenn möglich über den Tod hinaus. Übrigens: Das Recht, am Speakers‘ Corner Reden zu halten, stammt aus der Zeit, als an der Stelle die Galgen von Tyburn standen und die Verurteilten vor der Hinrichtung ein letztes Mal das Wort ergreifen konnten.












