![]() |
|
|
|
||
Kronach – In der Kronacher Synagoge haben Anhänger der „Germanischen Neuen Medizin“ (GNM) am Dienstagabend für einen Eklat gesorgt. Auf Einladung des Arbeitskreises Synagoge und der evangelischen Kirche wollte Kirchenrat Bernhard Wolf eigentlich ungestört über antisemitische Tendenzen der GNM aufklären. Allerdings hatten sich rund 20 Anhänger der Bewegung unter die Zuhörer gemischt und meldeten sich nach dem Vortrag mit skandalösen Beiträgen zu Wort. Im Vorfeld war der Referent sogar bedroht worden.
In den letzten 14 Tagen hatte es so ausgesehen, als hätte sich das Thema GNM in Kronach weitgehend erledigt. Dann aber überschlugen sich die Ereignisse: Die Frankenwaldklinik kündigte am Dienstag der Ärztin V. Ihr und ihrem Ehemann wird seit Langem nachgesagt, am Rande der Cranach-Stadt ein GNM-Zentrum errichten zu wollen. Allerdings distanzierte sich das Ehepaar erst vor kurzem mit einer Stellungnahme in der Neuen Presse teilweise von Praktiken der GNM-Jünger, gänzlich von sämtlichen rechtsextremen Tendenzen und ebenso dezidiert von Vorwürfen, sie planten die Errichtung eines GNM-Zentrums.
Die Kündigung
Ihrem Arbeitgeber ging das offensichtlich jedoch nicht weit genug. Jochen Bocklet, Geschäftsführer der Frankenwaldklinik, bestätigte gegenüber der Neuen Presse die Kündigung, wollte sich aber nicht näher dazu äußern. Wie es im Umfeld der Geschäftsführung heißt, soll die Ärztin V. zwar mehrfach beteuert haben, nicht nach den Methoden der GNM zu praktizieren, ihre Einstellung dazu allerdings auch auf Nachfrage offen gelassen haben.
Bei dem Vortrag am Dienstagabend in der Kronacher Synagoge tauchte dann völlig überraschend der neben dem Begründer Ryke Geerd Hamer prominenteste Verfechter der GNM-Ideologie auf: Helmut Pilhar, den der Ehemann der Ärztin im Dezember 2005 zu einem Vortrag nach Kronach geholt hatte. Der Österreicher war vor einigen Jahren in die Schlagzeilen geraten, weil er seiner krebskranken Tochter Olivia eine lebenserhaltende Therapie zugunsten der Lehre Hamers vorenthalten wollte. Erst der Entzug des Sorgerechtes rettete dem Kind mit einer Operation das Leben.
Pilhar behauptete mitten in der Synagoge und zum Entsetzen der meisten Zuhörer, „die jüdische Seite“ sei dafür verantwortlich, dass die „Germanische Neue Medizin“ nicht angewendet werden dürfe. Dadurch würden alle Nicht-Juden dazu gezwungen, „sich von der Chemotherapie töten zu lassen“. Weiterhin sagte Pilhar, dass alle Juden selbst die GNM praktizierten und Ryke Hamer daher als „größter Wohltäter der Juden“ bezeichnet werden müsse. Und so weiter. Für derartige Worte gab es immer wieder Beifall von rund 20 Anhängern der GNM, die teilweise versuchten, die Veranstaltung zu stören, weil ihnen die Ausführungen des Referenten gegen den Strich gingen.
Bernhard Wolf, evangelischer Kirchenrat und Beauftragter für religiöse und geistliche Strömungen unserer Zeit, hatte Ryke Geerd Hamer in seinem Vortrag als Scharlatan bezeichnet, dessen medizinische Ansichten jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehrten. Von der GNM gehe eine große Gefahr aus, weil sie – ebenso wie die Scientology-Sekte – auf einer Allmachtsfantasie beruhe: „Die GNM zeigt, wie Medizin umschlagen kann in eine Weltanschauung, die hochproblematisch ist.“
Referent bedroht
Bereits im Vorfeld hatte die GNM, beziehungsweise ein ihr nahe stehender und Wolf namentlicher bekannter Verschwörungstheoretiker versucht, den Vortrag mit kaum verhohlenen Drohungen zu unterbinden. In einer Mail an den Referenten heißt es: „ . . .Ich möchte Sie bitten, unbedingt vorsichtig zu sein bei Ihren Äußerungen . . . Sollte die GNM den Status der offiziellen Zulassung erlangen, dann wird man alle Personen, die in der Öffentlichkeit vor Zeugen gegen die GNM gewettert haben, zur Verantwortung ziehen. . . . Ich bete für Sie.“
Veranstalter sprachlos
Die Veranstalter äußerten sich gestern entsetzt über den Auftritt der GNM-Jünger. „Wir haben danach noch lange zusammengestanden und überlegt, wie es jetzt weitergeht“, sagt Ingrid Steinhäuser, Kreisrätin der Frauenliste und Mitglied des Arbeitskreises Kronacher Synagoge. „Es darf einfach nicht sein, dass sich solche Leute hier breit machen.“ Dr. Claus Beyerle, ehemaliger Chefarzt der Frankenwaldklinik und ebenfalls in dem Arbeitskreis engagiert, ist „einfach nur sprachlos“. Man brauche jetzt zunächst ein paar Tage, um darüber nachzudenken. Auf keinen Fall werde es sich Kronach gefallen lassen, dass die GNM von hier aus aktiv wird.
Das aber schließen Fachleute inzwischen nicht mehr aus. „Nach allem was wir wissen, liegt die Vermutung nahe, dass Kronach als eines der möglichen GNM-Zentren ins Auge gefasst wurde“, befürchtet Kirchenrat Wolf.
Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, hat Kronach bereits ihre Unterstützung zugesichert. „Gruppierungen wie die GNM, die unter dem Deckmantel der alternativen Medizin antisemitische Weltverschwörungstheorien verbreiten, dürfen in unseren Städten nicht Fuß fassen“, heißt es in einem Brief an den Aktionskreis Synagoge. Es sei ungeheuerlich, mit welcher Dreistigkeit GNM-Begründer Hamer „jüdische Menschen des millionenfachen Mordes bezichtigt. Wir müssen alles Erdenkliche unternehmen, um den Machenschaften dieser Antisemiten das Handwerk zu legen.“ Daher dürfe man es auch nicht zulassen, dass sich „die braunen Wunderheiler“ in Kronach oder anderswo niederlassen, um ihre „bedrohliche Propaganda“ zu verbreiten.












