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Coburg - "Geschichten sind ein Lebenszweck, sie sind das einzige was bleibt, wenn alles zu Asche wird." So tiefgründelt Wladimir Kaminer irgendwann. Doch nicht, dass jetzt russische Schwermut im herbstlichen Kongresshaus ausbräche. Gleich zieht der Autor eine neue, noch unveröffentlichte Geschichte aus einem Stapel Manuskripte und veranlasst das Coburger Publikum zu erfrischendem Gelächter - über sture Schwiegermütter, kommunikative nordkaukasische Weinbauern und die russische Wodka-Macke. Zum Auftakt der neuen Literaturreihe "Lesezeichen", die die Neue Presse am Dienstagabend gemeinsam mit der Konzertagentur Friedrich, der Buchhandlung Riemann und dem Kongresshaus Rosengarten aus der Taufe hob, hätte man sich an diesem frostigen Herbstabend keinen besseren Geschichtenerzähler wünschen können. Der gebürtige Moskauer widerlegt in seiner Person das Vorurteil, aus Russland kämen nur eiskalte Luftmassen, vogelgrippeverseuchte Zugvögel und Tiefs namens Natascha.
Kaum hat er seinen Bücherstapel aufs Lesepult gehievt, schiebt er ihn schon beiseite. Wladimir Kaminer liest nicht nur das wohl Durchdachte, kritisch Redigierte und vom Lektor Geschliffene, wie es in einer Vielzahl von Büchern inzwischen einige Regalmeter füllt. Er probiert an seinem Publikum aus, wie die Pointen der neuen Geschichten zünden, und extemporiert darüberhinaus so lebendig, dass die Lesung schnell zum literarischen Kabarett wird. Als Meister in der Beobachtung von Alltagsbegebenheiten und ihrer satirischen Zuspitzung hat er längst eine riesige Fangemeinde. Und wer ihn vielleicht noch nicht gelesen hat, der kennt ihn als Russendisko-Mann oder Mauerparkschützer aus Funk und Fernsehen.
In seinem Berliner Schrebergarten haben ihn die Filmteams in diesem Sommer besonders häufig besucht. "Das war wohl das Sommerloch in Deutschland", grinst Kaminer. Während er als Gartenexperte im Focus stehe, mache seine Frau die Arbeit zwischen Grünfläche und Beet. Wladmir Kaminer ist eher ein Befürworter von "Spontanvegetation" statt Reißbrettrabatte, was natürlich die Leute von der Schrebergartenkommission auf den Plan ruft. Für die Kleingartengesetzeshüter mit ihrer Mission zwischen Zentimetermaß und Gesetzbuch fühlt er sich nur peinlich berührt.
Kaminer, der 1989 eine Reise nach Ostberlin machte - und seitdem hier blieb, nimmt nicht nur als Familienvater immer wieder typisch Deutsches mit Kopfschütteln zur Kenntnis. Die "Einverständniserklärung" ist eine dieser bürokratischen Hervorbringungen: "So etwas gibt es im Russischen nicht, weil Russen nie fragen, ob man einverstanden ist", klärt uns Kaminer auf. Klar hatte er nichts dagegen, dass seine 13-jährige Tochter mit der Familie ihrer Freundin in den Abenteuerpark fährt. Aber eine Einverständniserklärung mit ihrer nicht absehbaren juristischen Reichweite unterschreiben - das geht ihm zu weit. Nur das Lächeln seiner Tochter trotzt ihm schließlich die Unterschrift ab.
Es brachte ihn schließlich auch dazu, beim Schulausflug seinen Mann zu stehen im deutschen Kletterwald. Bestens gesichert durch einen Polizeipapa, der schon afghanische Polizisten (und damit auch die Taliban) ausbildete, und angespornt durch die überaus sportliche Sportlehrerin, die "klettert wie Mowgli", findet sich Kaminer in 20 Meter Höhe auf Schwindel erregenden Drahtseilen wieder, was "nicht einmal der dümmste Makake" tun würde. Während die Klasse unten feixt, ereignet sich oben das "verhängnisvolle Ende der Kletterkarriere eines großen Schriftstellers - eines über 1,60 Meter großen Schriftstellers".
Von Kindern und Nachbarn
Welche Abenteuer man mit kleinen und großen Kindern erleben kann, hat Wladimir Kaminer schon in seinem Buch "Salve Papa" berichtet. Die Episode von Karlfriedrichs Übernachtungsbesuch schienen die glucksenden Mütter und Väter im Publikum auch alle schon durchgemacht zu haben.
Im Jahr 20 nach dem Mauerfall liegt es natürlich nahe, über den Fortgang der ost-westlichen Annäherungen zu reflektieren. Wladimir Kaminers russische Nachbarn in der WG im vierten Stock jedenfalls sind mit der Beschallung der deutschen Mitbewohner durch deutsche Schlagermusik jedenfalls nicht wirklich vorangekommen. Der für Friede und Völkerverständigung zuständige Hausmeister hat die Sache eindeutig geklärt - und fortan hört Nachbar Andrej nur noch Naturgeräusche von Vogelgezwitscher bis Elefantentrompeten, um im Großstadtdschungel die tierischen Defizite der Steppe aufzuarbeiten. Wahrscheinlich tut er das inzwischen gemeinsam mit drei Zeugen Jehovas, die er aus russischer Gastfreundschaft eingeladen hat (und die nach Kaminers Beobachtungen bis heute nicht wieder herausgekommen sind).
Die Zeiten haben sich geändert. Meerschweinchen haben die Rolle des Großvaters übernommen, um den Kernfamilienkindern erste Erfahrungen mit dem Tod zu vermitteln. Monstergeschichten, wie Alien vs. Predator, die nach Kaminers Meinung eigentlich nur Kinder interessieren, sind ab 18 freigegeben. Sächsische Fußballfans in schwarzen Kapuzenjacken outen sich als Leser. Und der Leipziger Bürgeraufbruch ist heute nur noch Projektion, während die Realbürger im Weinsensorium dem tieferen Geist des Lebens nachspüren.
Mit viel Beifall bedankten sich die Coburger Zuhörer für die launige Lesung Wladimir Kaminers, der zwar schon vor unergründbar langer Zeit in Coburg las, "aber zum ersten Mal mit Krawatte!".



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