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Coburg

300 Menschen demonstrieren gegen Ausweisung

Vor allem Afghanen droht die Abschiebung. Dagegen gehen Bürger auf die Straße.



Mit einer Menschenkette verliehen die Teilnehmer der Kundgebung ihren Forderungen Nachdruck.   Foto: Iris Kroon » zu den Bildern
Coburg - Coburg  – „Flucht ist kein Verbrechen“, „Bleiberecht für alle“, „Kein Mensch ist illegal“, „Zurück in den Krieg?“ oder „Abschiebung endet tödlich“ steht auf ihren selbst gemalten Bannern: Rund 300 Menschen aus Afghanistan und Syrien, ehrenamtliche Helfer, Vertreter von Kirchen, Parteien und Institutionen nahmen am Samstagnachmittag auf dem Coburger Marktplatz an der Kundgebung gegen Abschiebung in Krisengebiete teil.

Seit Dezember 2016 schiebt die Bundesregierung Menschen aus Afghanistan in ihr Herkunftsland ab. Städte wie die Hauptstadt Kabul wurden offiziell als sicher eingestuft, obwohl die Anzahl an kriegerischen Auseinandersetzungen, Attentaten und Bombenanschlägen eine andere Wahrheit offenbart. Die Anzahl der Opfer sei 2016 auf ein Rekordniveau gestiegen, so die Veranstalter. „Wir sind ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig und bekommen live mit, wie Freunde von uns abgeschoben werden oder ihre Bescheide bekommen“, erzählte Mitorganisator Wolfram Klatt vom Verein Alternative Kultur in Coburg. Deshalb hat er mit weiteren Ehrenamtlichen am deutschlandweiten Aktionstag die Kundgebung in Coburg ins Leben gerufen. Ihm sei wichtig, Aufmerksamkeit zu erregen. Keine Abschiebung in Krisengebiete, in denen Krieg herrscht, lautet das Credo.

Wie menschenunwürdig die Situation in und um Kabul derzeit ist, weiß der 23-jährige Ahmad, der seit rund eineinhalb Jahren in Deutschland lebt und sich in Rödental wohl fühlt. Er hat einen Sprachkurs in Neustadt absolviert, spricht sehr gut Deutsch und arbeitet in einem Unternehmen für Autoteile. Vergangene Woche bekam er einen Ausweisungsbescheid. Jetzt muss er gegen seinen Willen Deutschland verlassen. „Wenn es in Afghanistan besser wäre und vor allem sicher, wäre ich dann ohne meine Familie nach Deutschland gekommen?“, fragt der junge Mann traurig. Er könne nicht mehr richtig schlafen, seit er den Bescheid bekommen hat. „Alles ist dunkel geworden um mich herum“, so Ahmad. Hilfe und Unterstützung erfährt er von seinen Coburger Freunden, die ihn in seiner Situation nicht alleine lassen, doch seine Zukunft ist ungewiss.

Auch Zia stammt aus Afghanistan. Er ist erst 16 Jahre alt und bereits seit 2015 ohne seine Familie in Deutschland. Seit einem Jahr lebt er in einer Wohngruppe für unbegleitete Flüchtlinge in Rödental, besucht die Mittelschule, interessiert sich sehr für IT-Themen und möchte eine Ausbildung in einem technischen Beruf machen. Wie es seinen Eltern geht, weiß er nicht, doch auch er plant seine Zukunft in Deutschland. „Die Direktorin seiner Schule ist begeistert von seinen Fortschritten“, erzählt Betreuerin Susanne Lehmann-Jacob. Doch die Stimmung bei den jungen Leuten sei durch die Angst vor den drohenden Ausweisungsbescheiden gedrückt. „Das hindert viele auch am Lernen. Wir spüren die Existenzangst, denn einige der Jungs haben keine Familie mehr in ihrer Heimat. Sie wissen nicht, wohin sie sollen, wenn sie abgeschoben werden“, sagt Christina Schulz, die die Wohngruppe betreut.

Während der Kundgebung auf dem Marktplatz erzählten weitere Ehrenamtliche, Vertreter von Kirchen, Freunde und Familienmitglieder von ihrer Zusammenarbeit und ihrem Leben mit Geflüchteten. Auch Radio-Eins-Redaktionsleiter Thomas Apfel, der die Veranstaltung moderierte, hofft damit die Menschen stärker für das Thema zu sensibilisieren. Er hat das Schicksal eines Afghanen persönlich miterlebt: „Mein Bruder hat einen afghanischen Pflegesohn, der abgeschoben werden sollte. Er hat ihn adoptiert und konnte die Abschiebung so verhindern.

Die Organisatoren der Kundgebung fordern die Stadt Coburg auf, alle Maßnahmen zu ergreifen, um die „menschenverachtende Abschiebung“ in Krisengebiete zu verhindern. Auch viele Parteien haben ihre Solidarität zugesichert, „Wir wollen als Mitglieder der SPD vor Ort ausdrücken, dass wir nicht einverstanden sind, dass auf Bundesebene Teile der Partei Afghanistan zu einem sicheren Herkunftsland ausgewiesen haben. Wir müssen mehr Menschlichkeit zeigen. Wenn es Gefährder gibt, dann sollte man sie abschieben. Aber Menschen, die fliehen, um nicht umgebracht zu werden, brauchen unsere Hilfe“, erklärten Dominik Sauerteig und Dr. Maximilian Rühl.
 
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Iris Kroon
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Veröffentlicht am:
18. 03. 2017
17:49 Uhr

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Iris Kroon

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Veröffentlicht am:
18. 03. 2017
17:49 Uhr



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