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Coburg

Auf der Suche nach neuen Quellen

Dr. Eva Karl arbeitet die Geschichte der Stadt Coburg zwischen 1900 und 1950 auf. Sie hofft, dabei auch noch unbekannte Dokumente aus dieser Zeit zu finden.



Dr. Eva Karl erforscht, warum der Nationalsozialismus in Coburg so früh so tiefe Wurzeln schlagen konnte.
Dr. Eva Karl erforscht, warum der Nationalsozialismus in Coburg so früh so tiefe Wurzeln schlagen konnte.  

Coburg - Coburg war die erste Stadt in Deutschland, in der die NSDAP bei - damals noch freien - Wahlen die Mehrheit im Stadtrat errang und den Oberbürgermeister stellte. Adolf Hitler sagte später, "mit Coburg habe ich Politik gemacht". Warum es so weit kommen konnte, warum das verbrecherische System des Nationalsozialismus in der Vestestadt so früh so tiefe Wurzeln ausbilden konnte, soll in den nächsten dreieinhalb Jahren eine junge Historikerin erforschen: Dr. Eva Karl, die sich am Mittwoch im Rathaus vorstellte.

Die Kommission

Die Historikerkommission bilden Professor Dr. Gert Melville, Vorsitzender der Historischen Gesellschaft Coburg und weltweit anerkannter Wissenschaftler, Professor Dr. Jürgen Kocka, Vizepräsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Dr. Margit Ksoll-Marcon, Generaldirektorin der Staatlichen Archive Bayerns, Dr. Michael Stephan, Direktor des Stadtarchivs München, Professor Dr. Ralf Stremmel, Direktor des historischen Archivs Krupp, Professor Dr. Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, und Professor Dr. Dieter Ziegler, Lehrstuhlinhaber für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte an der Uni Bochum.

 
Die Historikerin

Dr. Eva Karl, die die Geschichte Coburgs von 1900 bis 1950 aufarbeitet, ist 1986 in Dinkelsbühl geboren. Nach dem Studium für das Lehramt an Gymnasien an der Universität Würzburg mit den Schwerpunkten Geschichte und Anglistik promovierte sie, ebenfalls in Würzburg, am Lehrstuhl für Neueste Geschichte. Ihre Doktorarbeit hatte das Thema "Zusammenbruch, Umbruch, Aufbruch. Ländliche Gesellschaft zwischen Ende und Anfang. Stadt und Landkreis Dinkelsbühl 1943 bis 1948". Seit 1. März 2017 ist Dr Eva Karl wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte München für das Projekt "Coburg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts".

 

Im Zuge der Umbenennung der Von-Schultes-Straße in Max-Brose-Straße, die für heftige politische Auseinandersetzungen und Verwerfungen sorgte, hatte der Stadtrat am 22. Oktober 2015 beschlossen, die Geschichte Coburgs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufarbeiten zu lassen. Dafür ist eine mit hochkarätigen Historikern besetzte Kommission gebildet worden. Sie hat Dr. Eva Karl mit der Umsetzung des Projekts betraut. Kommissionssprecher Professor Dr. Gert Melville betonte, dass Eva Karl, die seit dem 1. März 2017 als Mitarbeiterin des Instituts für Zeitgeschichte in der Vestestadt tätig ist, bereits "Feuer gefangen hat für die Coburger Geschichte". Melville freue es, dass die junge Historikerin nicht nur auf staatliche, kommunale und kirchliche Archive zurückgreifen kann, sondern auch auf das Archiv der Coburger Herzogsfamilie. Für diese Zusage sei man sehr dankbar.

Gert Melville zeigte auf, wie Eva Karl nach Vorgabe der Historikerkommission vorgehen soll: Die Arbeit werde in der Monarchie beginnen, sich mit der wachsenden politischen Präsenz der NSDAP in Coburg zwischen 1929 und 1933 befassen, die "eigentliche NSDAP-Zeit" zwischen 1933 und 1945 beleuchten und schließlich einen Blick in die Nachkriegszeit werfen.

Eva Karl hofft, dass sie dabei auch auf bislang unbekannte Aufzeichnungen zurückgreifen kann, die sich noch im Familienbesitz befinden. Wie zum Beispiel das Tagebuch eines nicht mehr existierenden Coburger Gesellschaftsvereins, das sich auf einem Speicher fand. Hierin ist das Vereinsgeschehen akribisch aufgezeichnet, "zum Beispiel, dass man das Horst-Wessels-Lied nicht gerne sang", erläuterte Gert Melville. Daran machte er fest, dass es in der NS-Zeit neben der verbrecherischen Ideologie und ihren fürchterlichen Folgen, der Gleichschaltung von Vereinen und Zeitungen, der Auseinandersetzung mit der Kirchen und der Judenverfolgung auch "Alltagsleben" gegeben habe. "Wir wollen die allgemeinen Strukturen der Nazi-Herrschaft, die für ganz Deutschland gegolten haben, auf Coburg herunterbrechen" und dabei hinterfragen, warum dies gerade in Coburg auf so fruchtbaren Boden gefallen sei, so Melville.

Die Arbeit von Dr. Eva Karl begleitet das Institut für Zeitgeschichte in München. Dafür bedankte sich Oberbürgermeister Norbert Tessmer bei dessen Leiter, Professor Dr. Andreas Wirsching. Der Stadtrat hat für das Projekt insgesamt 265 000 Euro bewilligt, verteilt auf die Jahre 2016 bis 2019.

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Wolfgang Braunschmidt

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Veröffentlicht am:
17. 05. 2017
18:33 Uhr

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17. 05. 2017
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