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Klare Kante

Wer des Abends mit der Fernbedienung in der Hand durch die Talkshow-Angebote der Republik zappt, für den ist der neueste Trend der politischen Erregungsrhetorik schon fast ein alter Bekannter. Die klare Kante drängt es in die deutschen Wohnzimmer.



Von Christian Gottschalk
Von Christian Gottschalk  

Wer des Abends mit der Fernbedienung in der Hand durch die Talkshow-Angebote der Republik zappt, für den ist der neueste Trend der politischen Erregungsrhetorik schon fast ein alter Bekannter. Die klare Kante drängt es in die deutschen Wohnzimmer. Gegen den türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan soll Kanzlerin Angela Merkel, die Demokraten Europas, wenn nicht die der ganzen Welt, klare Kante zeigen; gegen Wilders, gegen Trump und gegen alle anderen Populisten sowieso. Es scheint gerade so, als sei die klare Kante weitgehend alternativlos geworden.

Die Älteren unter uns erinnern sich: Alternativlos, das Lieblingswort der Kanzlerin, das von Merkel hinaus in die Welt der politischen Diskussion geeilt war, es ist so gut wie auf dem Abstellgleis gelandet. Das Vorgehen gegen Griechenland war alternativlos, die Flüchtlingspolitik, die Kanzlerin als Nummer eins in der Union natürlich erst recht. Alternativlos, das war die rhetorische Allzweckwaffe, die verdecken sollte, dass es im Leben natürlich immer Alternativen gegeben hat. Aber es klang halt so schön, dieses alternativlos - genauso wie die klare Kante. Die zu fordern ist vor den Fernsehkameras freilich sehr viel einfacher, als sie in der Realität zu zeigen. Auch Eltern wissen das. Dem eigenen Nachwuchs gegenüber will man schließlich ebenso klare Kante zeigen: nicht so viel Süßigkeiten, weniger Computer daddeln, rechtzeitig ins Bett gehen. Der Erfolg dieser Vorhaben ist oft wechselhaft, Familienfrieden und Weltpolitik haben manchmal ungeahnte Ähnlichkeiten - und der eigene Nachwuchs hat gelegentlich durchaus despotisches Potenzial.

Nun aber sind ausgerechnet die - politisch gesehen - großen Sorgenkinder dieser Welt exakt die Zeitgenossen, die schon jetzt am klarsten Kante zeigen. Der türkische Präsident ist zwar noch nicht zum Sultan ausgerufen, positioniert sich allerdings als solcher. Sein russischer Kollege Wladimir Putin macht wenig Anstalt, klar zu verbergen, dass neben ihm kein Raum für Mitbestimmer bleibt. In den Ländern, in denen die Demokratie noch zu Hause ist, wo die Le Pens und Wilders dieser Welt ihre Ansichten zum Besten geben, da mag deren Ansicht argumentativ oft ein ziemlich löchriger Käse sein, eine fehlende Kantigkeit kann man ihnen aber nicht vorwerfen. Das hängt damit zusammen, dass die meisten dieser Sprüche aus der Opposition herausgeklopft werden, aus einer Position, die der Situation vor den Talkshow-Kameras entspricht. An der Macht ist es nicht immer so einfach mit der klaren Kante.

Das ist nur auf den ersten Blick eine schlechte Nachricht. Natürlich kann es ärgerlich sein, wenn die Kraft der Gegebenheiten dafür sorgt, dass das Erreichbare weit hinter den Überzeugungen zurückbleibt. Es ist nicht gerecht, dass sich die Großen und Starken auf dieser Welt mehr erlauben können als die Kleinen und Schwachen. Aber es ist ein Glück, dass zumindest in den Rechtsstaaten manch eine klare Kante abgeschliffen wird. Donald Trump erfährt das gerade am eigenen Leibe. So wie der milliardenschwere Unternehmer im Wahlkampf getönt hat, so würde er nun gerne als Präsident regieren. Es ist den Institutionen in den USA zu verdanken, dass er daran gehindert wird. Politische Systeme, die den Ausgleich und die gegenseitige Überprüfung der Mächtigen vorsehen, sie mögen manchmal von grausamer Langsamkeit sein, gekennzeichnet von unerträglichem Gewürge. Wie richtig und wichtig sie sind, das zeigt sich, wenn die falschen Zeitgenossen versuchen, in ihnen Fuß zu fassen. Klare Kante gegen die Pläne des türkischen Präsidenten ist daher ebenso wichtig wie klare Kante für Rechtsstaatlichkeit weltweit.

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17. 03. 2017
23:03 Uhr

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17. 03. 2017
23:03 Uhr



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