Amy Winehouse lässt grüßen
Ingo Brosch zeigt ein ungewöhnliches Theatersolo in Meiningen. Die Erinnerung an "The Carpenters" erhellt die Schattenseiten des Showbiz.
Meiningen - Seltsam, dass bis zu diesem Abend das amerikanische Pop-Duo "The Carpenters", das in den 1970er Jahren Welthits am laufenden Band lieferte, in irgendeinem Hinterstübchen der Erinnerung vor sich hinschlummerte.
Nun, nach Ingo Broschs Theatersolo "Sweet Sweet Smile" in den Meininger Kammerspielen, sind sie wieder präsent: Richard Carpenter, der geniale "Software"-Komponist, Arrangeur und Pianist, und seine Schwester Karen Anne, die begnadete Sängerin, die nach einer durchlittenen Magersucht 1983 im Alter von nur 32 Jahren an Herzversagen starb.
Und plötzlich wird einem klar, warum man sie so lange verdrängen konnte: Ihr weichgespülter Kuschelpop begeisterte damals zwar Menschen rund um den Globus, aber da gab es in der aufmüpfigen jungen Generation auch ganz andere Fraktionen, die den rebellischen Hardrock liebten oder jene, die sich von Protest- und Folksongs inspirieren ließen. Dazwischen lagen Welten. Erst in den harmoniebedürftigeren Folgejahren konnten sich bei den gealterten Widerspenstigen die süffigen Evergreens wie "Sing, Sing A Song", "Close To You" oder "Top Of The World" im Gemüt einlagern. Spätestens dann, wenn sie einem als Animationsmusik im Kaufhaus immer wieder ins Ohr kroch.
Doch eigentlich ist das nicht das Thema dieses Stückes aus der Feder des Regisseurs Lars Wernecke ("Cabaret"), mit musikalischen Arrangements von Sebastian de Domenico. Es geht vielmehr um die Schattenseiten des Erfolgs im internationalen Showbiz. Damit wird die Geschichte, über eine sentimentale Note hinaus, sehr aktuell. Whitney Houston, Amy Winehouse, Michael Jackson undundund lassen grüßen.
Neurotischer Charakter
Wernecke hat die frei erfundene Geschichte dramaturgisch geschickt komponiert und mit einem völlig unerwarteten Schluss versehen. Anders hätte das Stück auch nicht überlebt, denn der inzwischen 65-jährige Richard Carpenter hätte sicherlich alles daran gesetzt, zu verhindern, dass sich das von Wernecke gezeichnete Bild eines hochneurotischen Charakters in der Öffentlichkeit verbreitet: Das Bild eines Musikers, der weder mit dem Tod der geliebten Schwester noch mit seiner Position im Schatten Karens zurecht kommt.
Wir sehen also Jahre nach Karens Tod einen Mann in seinem Tonstudio stehen, um die Hits der Carpenters mit seiner Stimme - statt der seiner Schwester - abzumischen. Er registriert das Publikum, wendet sich immer wieder verächtlich von ihm ab, erzählt jedoch gleichzeitig die Geschichte der Karriere bis in intime Details. Dabei oszilliert sein Gemüt ständig zwischen Selbstmitleid und Selbstüberschätzung, zwischen Selbstzweifel und Arroganz. Der Mann bastelt sich seine Version der Geschichte zurecht. Dazwischen tritt er immer wieder ans Mikrofon, um die Songs einzuspielen. Das ist dem Publikum natürlich stets einen Applaus wert.
Ingo Brosch spielt die Zerrissenheit dieses Mannes absolut glaubwürdig - bis hin zu den kleinsten verräterischen Gesten, die das Selbstbild ins Wanken bringen. Der Schauspieler und Sänger Brosch meistert den etwas anderen Liederabend souverän und ermöglicht damit entlarvende Einblicke ins Showbusiness, die bei anderen musikalischen Revivalversuchen häufig zu kurz kommen.
Nächste Vorstellungen: 25. Februar, 20 Uhr, 4. März, 15 Uhr, 31. März, 20 Uhr. Kartentelefon: 03693-451 222 o. 451 137. www.das-meininger-theater.de
Theater Meiningen