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Das Gedächtnis der Region

Das Staatsarchiv Coburg bewahrt Dokumente aus acht Jahrhunderten. Zum Tag der Archive bietet eine Feierabendführung rare Einblicke in das Schatzhaus der Region.

Von Dieter Ungelenk
  • Das Veloziped-Rennen am 29. Mai 1887 auf dem Coburger Anger dokumentierten die Fotografen Gebrüder Häussler. Staatsarchiv Coburg, Signatur: 6_6 75
  • Archivalien zum Thema Mobilität präsentiert die stellvertretende Leiterin des Staatsarchivs, Birgit Hufnagel, bei der Feierabendführung am Montag. Foto: Ungelenk
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Coburg - Uwe Timm stöberte auch schon hier. Als der Autor in den frühen 1980er-Jahren für seinen in Coburg spielenden Roman "Der Mann auf dem Hochrad" recherchierte, stieß er im Staatsarchiv sicherlich auf die Fotografien jener tollkühnen Pedalpioniere, die hoch zu Stahlross 1887 über den Ketschenanger brausten. Am nächsten Montag kommt die Dokumentation des Velozipedrennens, die der Radfahrverein Coburg seinerzeit in einem edlen Album dem Herzog schenkte, wieder einmal zu Ehren: Zum Tag der Archive bietet das Staatsarchiv mit einer Feierabendführung ab 19 Uhr Einblicke ins "Langzeitgedächtnis" der Region, das seit einem Vierteljahrhundert im Zeughaus in der Herrngasse über 300 000 Objekte beherbergt. Dabei bekommen Besucher auch das Herz des Schatzhauses zu Gesicht: das Magazin, in dem auf vier Stockwerken Dokumente aus über acht Jahrhunderten lagern.

Dass Birgit Hufnagel, die stellvertretende Leiterin des Staatsarchivs, gerade die Radler-Fotografien der Gebrüder Häussler aus dem Fundus holt, hat einen triftigen Grund: "Mobilität im Wandel" lautet in diesem Jahr das Thema des Tags der Archive. Welche Bedeutung Mobilität lange vor unserer rastlosen Epoche bereits hatte, lässt sich hier gut nachvollziehen. Vom Reise- und Handelsverkehr in vorindustrieller Zeit über den Bau der Eisenbahnen und den Beginn des öffentlichen Personenverkehrs bis hin zur Auswanderung in ferne Länder erzählen viele Quellen im Staatsarchiv.

Schon ein Jahrhundert bevor der ICE die Coburger Gemüter erhitzte, träumte mancher Binnenländler hier von der Anbindung an die großen Wasserstraßen: Quer durch die Vestestadt führt der Weser-Main-Donau-Kanal auf den Karten, mit denen das ambitionierte Großschifffahrts-Projekt seinerzeit geplant wurde. In den 1940-Jahren kam es nochmals aufs Tapet, bevor es endgültig in den Archiven verschwand.

Was hier vor dem Shredder und dem Vergessen bewahrt wird, entscheiden Archivleiter Johannes Haslauer und seine fünf Mitarbeiterinnen. Alles Schriftgut aus staatlichen Ämtern und Gerichten in Stadt und Landkreis prüfen sie nach einer 30-jährigen Schutzfrist auf seine Relevanz. Digitale Datenträger gewinnen dabei an Bedeutung, doch noch dominieren papierene Akten. Bei konstanter Luftfeuchtigkeit und Temperatur werden sie "für die Ewigkeit" gelagert - und geschützt: Während Pergamentschriften dem Zahn der Zeit trotzen, muss Holzschliffpapier vor dem Säurefraß bewahrt werden, erläutert Birgit Hufnagel.

Alle Archivalien sind Unikate, und mit entsprechender Vorsicht zu genießen: Ausgeliehen werden sie nicht, nur im Lesesaal im ersten Stock können sie unter Herzog Ernst II. gestrengem Blick studiert werden. Vor allem Heimat- und Familienforscher tauchen hier in die lokale Historie ein, aber auch beim Klären rechtlicher Fragen können die Dokumente wie Grundbücher oder Baupläne hilfreich sein.

Und natürlich beim Schreiben historischer Romane.

Staatsarchiv Coburg

Als einziger Regierungsbezirk betreibt Oberfranken zwei Staatsarchive: in Bamberg und Coburg. Auf 3200 Akten-Metern verwahrt das Coburger Archiv rund 302 000 Dokumente, darunter 14 200 Urkunden, 7500 Karten und Pläne sowie 10 000 Bilder, Siegelabdrucke und so weiter. Die Fachbehörde ist für alle Fragen des Archivwesens in Stadt und Landkreis Coburg zuständig. Ihre historische Zuständigkeit erstreckt sich auf das ehemalige Herzogtum Sachsen-Coburg, dessen Vorläufer und seinen Nachfolger, den Freistaat Coburg. Das Archiv ist seit 1990 im ehemaligen Zeughaus untergebracht, einem mächtigen Renaissancebau. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag, 8 bis 16 Uhr, Freitag, 8 bis 13.30 Uhr. Zum achten Tag der Archive bietet das Archiv am Montag um 19 Uhr eine Sonderführung.


    
    

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