zuletzt bearbeitet: 18.08.2012 06:04 Uhr
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Der Schrei aus dem Müll
Was bringt eine Frau so weit, ihr Baby auszusetzen? Die Coburger Autorin Nicole Eick hat einen spannenden Sozialkrimi über ein beklemmendes Thema geschrieben: "Abfall".
Coburg - Kalle wühlt im Müll. Das tut er oft, denn Kalle ist obdachlos und in den Containern findet sich meistens was Brauchbares. Sogar hier im "Hochfeld", zwischen den Wohnblocks und Hochhäusern am Rande der Stadt, wo nicht die Begüterten wohnen. Aber an diesem kalten Maiabend fischt Kalle keinen Walkman aus dem Abfall und keine Konserve. Ein schleimiges Bündel hält der alte Mann plötzlich in Händen - ein Baby, und es lebt. Vorsichtig trägt Kalle das Kind ins Sudhaus, die Wärmestube der kleinen Stadt. Das Mädchen wird gerettet - und für Freienhausen beginnen aufregende Wochen. Denn alle fragen sich: Wer ist die Mutter? Wie konnte sie das tun?
Warum musste sie das tun? So sollte die Frage besser lauten. Nicole Eick stellt sie in ihrem soeben erschienenen Debüt-Roman "Abfall" - und sie gibt Antworten. Doch der Coburger Autorin geht es nicht nur um Botschaften: Sie reizt seit langem das literarische Schreiben. Etliche kürzere Prosatexte und Glossen hat die 54-Jährige schon verfasst, auch "Abfall" geht auf eine Kurzgeschichte zurück, die sie nicht losließ. "Ich wollte selber gerne wissen, wie es weitergeht", erklärt Nicole Eick.
Ein Kind wird Mutter
Und ihr Projekt gedieh: Auf 356 Seiten erzählt die Autorin eine spannende und bewegende Geschichte aus den Hinterhöfen der Wohlstandsgesellschaft. Eick füllt Schlagworte wie "Prekariat" mit Leben, ihr Sozialkrimi führt den Leser in die Paralleluniversen einer gespaltenen Gesellschaft, macht die Chancenungleichheit konkret spürbar. Das "Müllkind" (wie der Roman ursprünglich heißen sollte) im "sozialen Brennpunkt" wird zum Politikum, es konfrontiert das System mit seinen Defiziten, und stößt die Beteiligten, die Sozialarbeiterin und die Kommissarin, den Obdachlosen und die Mittelständlerin auf wunde Punkte ihrer eigenen Geschichten.
Der Leser hat einen Wissensvorsprung, der die Spannung nicht mindert: Er kennt die Mutter des Kindes von Anbeginn. Sie ist selbst ein Kind, Kathrin, 15 Jahre, geschwängert von Charly, dem "Freund" ihrer Mutter, der sie regelmäßig brutal missbraucht. Einfühlsam und beklemmend schildert Nicole Eick die Tragödie des Mädchens, ihre panische Verwirrung, die seelischen Wunden, die immer tiefer klaffen. Als "fetter Bastard" fühlt sich Kathrin, sie wird zerfressen von Schuldgefühlen, Selbsthass und Verzweiflung, sie klammert sich an Tagträume und Sehnsüchte, ist glücklich über jeden Funken Zuneigung, jeden Hauch familiärer Normalität.
Die Geschichte ist erfunden, aber aus dem Leben gegriffen: "Mir saßen viele Mädchen gegenüber, die diese Kathrin sein könnten", berichtet Nicole Eick. Sieben Jahre arbeitete die Sozialpädagogin bei der Schwangerenberatung in Bamberg, bevor sie die Leitung des Sozialdiensts am Klinikum Coburg übernahm. Auch sexualpädagogische Aufklärung in Schulen gehörte zu ihren Aufgaben. Die 54-Jährige weiß, wovon sie schreibt, sie kennt die Lebenssituation ihrer Romanfiguren, und sie kennt ihre Sprache. Knapp, lakonisch, teils vulgär ist der Jargon der Leute vom "Hochfeld", dem "Hartz IV-Viertel", das in jeder Stadt liegen könnte. Mit den Schauplätzen wechselt die Autorin die Tonart und die Perspektive, geschickt verflicht sie die Lebenslinien von Menschen aus ganz verschiedenen Milieus: Da ist Maggie, die Sozialarbeiterin aus dem Sudhaus, die selbst einmal ein Kind verloren hat; Irene Rupprecht, die Kommissarin, die lange den falschen für ihren Vater hielt; Kalle, der nichts besitzt, außer seiner Moral; Billyboy, der sich als Stricher durchschlägt.
Umstrittene "Babyklappe"
Während die fieberhafte Suche nach der Kindsmutter andauert, die Polizei im Dunkeln tappt und die Presse ungeduldig wird, fordern die Bürger von Freienhausen Konsequenzen: Das Für und Wider von "Babyklappen" wird heiß diskutiert, und die Initiative "Moseskörbchen" setzt sich durch. Die Autorin macht zwischen den Zeilen keinen Hehl aus ihrer Skepsis, sie verweist auf die Risiken, sie fordert mehr von einer sich human und christlich verstehenden Gesellschaft.
"Mich hat die Geschichte erschüttert", sagt die Coburger Buchhändlerin Irmgard Clausen, "die Handlungsorte kann ich mir durchaus realistisch in Coburg vorstellen - was sehr berührt." In der Buchhandlung Riemann wird Nicole Eick ihren Roman am 9. Oktober offiziell vorstellen; erhältlich ist er bereits jetzt.
Nicole Eick: Abfall. EWK-Verlag Elsendorf. ISBN 978-3-038175-78-1. 356 Seiten
Hardcover 23,80 Euro
Nicole Eick kam 1957 in Karlsruhe zur Welt. Nach dem Sozialpädagogik-Studium in Bamberg waren das Frauenhaus in Coburg, der Sozialpsychiatrische Dienst, die Schwangeren-Konfliktberatung von Donum Vitae in Bamberg und schließlich der Klinische Sozialdienst in Coburg die Stationen ihrer beruflichen Laufbahn. Daneben ist sie seit Langem journalistisch - als freie Mitarbeiterin der Neuen Presse - und literarisch - als Mitglied der VHS-Schreibwerkstatt - aktiv.
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