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Zum Abschied eine Operette

Nach 25 Jahren endet die Ära Wolfgang Vatke am Coburger Landestheater. Der scheidende Verwaltungsdirektor hat viel bewegt - und viel gebaut.

Von Dieter Ungelenk
  • Das Wälzen von Paragrafenbänden war gestern. Künftig kann sich Wolfgang Vatke Reiseführern widmen. Foto: Henning Rosenbusch
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Coburg - Im Landestheater ging er schon als Kind ein und aus - nicht ahnend, dass er eines Tages hier die Chefetage beziehen würde. Wenn die Mutter keine Zeit hatte, begleitete der junge Wolfgang seinen Vater Rolf Vatke, der als Theaterarzt oft links außen im Parkett saß. Nicht immer war die Vorstellung nach des Sohnemanns Geschmack, aber darüber tröstete der Schaschlikspieß danach hinweg, erinnert sich Wolfgang Vatke schmunzelnd. "Im Lauf der Zeit habe ich dann aber Gefallen am Theater gefunden", versichert er.

Als 1984 die Stelle der Stellvertretenden Verwaltungsdirektors ausgeschrieben wurde, war der junge Diplom-Kaufmann Feuer und Flamme - und wechselte prompt am 1. November 1984 von der HUK-Vermögensverwaltung ans Landestheater. Nur eineinhalb Jahre später setzte sich der 34-Jährige gegen fast 100 Bewerber durch und übernahm von Erich Sauerbrey die Direktion der Verwaltung.

25 Jahre später endet nun die Ära Vatke: Am 13. Januar - zwei Wochen nach seinem 60. Geburtstag - verabschiedet die Stadt Coburg den Verwaltungsdirektor mit einem Festakt im Spiegelsaal des Landestheaters. Am 1. Februar tritt seine Nachfolgerin Judith Wollschlaeger ihr Amt an.

"Es hat überwiegend Spaß gemacht": Vatkes Rückschau fällt unterm Strich positiv aus. Viel konnte er bewegen in diesem Vierteljahrhundert: Die deutsch-deutsche Grenze hat er überwunden (durch den Gastspielaustausch mit Meiningen schon vor der Wende), zwei Bundeskanzler empfangen (Helmut Kohl 1987, Gerhard Schröder 2002), drei Bayerische Theatertage ausgerichtet, mit acht Intendanten zusammen gearbeitet - und Krisen gemeistert.

Die wohl gravierendste begann im Herbst 1995 mit dem Amtsantritt der Intendantin Karin Heindl-Lau - und endete vier Monate später mit deren fristloser Kündigung: "Das war für mich eine schlimme Zeit", gibt Vatke zu und zeigt auf sein Silberhaupt: "Damals habe ich mein erstes graues Haar bekommen." In höchster Not fuhr er nach Hof, wo sich Reinhard Röttgen eigentlich gerade auf seinen Ruhestand freute, und holte den erfahrenen Intendanten ("Wir brauchen sie jetzt!") an das führungslose Coburger Haus.

Krisenstimmung kam auch sieben Jahre später auf, als Vatke vorschlug, die von der Stadt geforderten Einsparungen durch Stellenabbau beim Ballett zu erfüllen: Intendant Dieter Gackstetter willigte ein, ersetzte die fehlenden Tänzer aber durch Gäste: "Unter dem Strich wurde es teurer", so Vatke. Die Folgen sind bekannt: Das Ballett fiel dem Rotstift zum Opfer. Gackstetter, der nach einem guten Start in Coburg an Fortune verlor und schließlich schwer erkrankte, zollt Vatke rückblickend Respekt: "Er hat sich trotz der Krankheit jeden Tag hier sehen lassen."

Mit acht Intendanten hat der scheidende Verwaltungsdirektor über die Jahre eine Doppel-Spitze gebildet, und in gewisser Weise schließt sich der Kreis: "Dr. Kleen war ein Prinzipal vom alten Schlag" - und Bodo Busse sei es von seinem Auftreten her auch: Ein Intendant mit Draht zum Publikum, einer, "der sich in der Pause sehen lässt" und den Kontakt zu den Menschen sucht.

Das ist heute so wichtig wie damals - gerade weil sich Theater und Gesellschaft gewandelt haben in den vergangenen 25 Jahren. Coburg spielte damals kulturell noch in der "D-Klasse" - Kreisliga sozusagen. Vatke gelang Ende der 1980er-Jahre die Höhergruppierung in die Kategorie C und damit die Aufstockung des Personals um 20 auf 250.

20 Jahre später erklomm das Haus die höchste erreichbare Stufe "B" und zog damit mit den vergleichbaren Theatern wie Würzburg oder Hof gleich. Personell bleibt diese Beförderung zwar folgenlos, das Orchester liegt mit 54 Musikern weit unter der Sollstärke von 66. Aber der B-Status fördert das Image: "Jetzt bewerben sich bei uns äußerst qualifizierte Leute", freut sich Vatke. Und nicht ohne Stolz meldet er Urheberrechte auf den neuen Namen für das Orchester an: Sein Vorschlag "Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg" machte das Rennen.

Parallel zur Qualität des Hauses wuchs auch die Konkurrenz, "das Publikumsverhalten hat sich verändert", weiß Vatke, der immer weniger auf klassische Abonnenten zählen kann. Seit den 90ern reagiert das Theater auf die veränderte Nachfrage mit flexibleren Angeboten und maßgeschneiderten Wahl-Abos. Auch das Marketing gewann massiv an Bedeutung.

Als Bauherr hat Wolfgang Vatke viel bewegt -- und eines gelernt: "Vom Antrag bis zur Genehmigung dauert es acht bis zehn Jahre." Sein größtes Projekt hat Vatke zumindest auf den Weg gebracht: Seit zehn Jahren "bohrt" er an der Generalsanierung des Hauses und führt unermüdlich Politiker, Bürokraten und Journalisten zu den maroden Winkeln des Theaters. Seine Beharrlichkeit bringt das Vorhaben langsam voran: Im bayerischen Doppelhaushalt 2011/12 ist ein Planungstitel - jedoch ohne Mittel - eingestellt, Coburg will im kommenden Jahr eine halbe Million Euro beisteuern.

Die neue Freiheit des Ruhestands - genauer gesagt: der Ruhephase der Altersteilzeit - wird der leidenschaftliche Cabrio-Fahrer vielfältig zu nutzen wissen: Ausgiebige Reisen durch Deutschland und die Nachbarländer hat er vor, und auch zu Hause droht keine Langeweile: Viel Lesestoff - bevorzugt politische Sachbücher, Krimis und Reiseliteratur - wartet auf ihn, eine illustre Familiengeschichte will erforscht werden. Und dann ist da ja nach wie vor das Landestheater, an dem er formal noch fünf Jahre lang beschäftigt ist und dem er die Treue halten wird.

Dass er dabei vor allem Unterhaltung sucht, verhehlt Vatke keineswegs: "Am liebsten schaue ich Operetten, dann Oper, Musical, Schauspiel und Ballett." Klarer Fall, was zum Abschied am 13. Januar auf dem Spielplan steht: "Die Csárdásfürstin".

    
    

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