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Geschichten, die man nicht begreifen kann

Jochen Rausch erzählt mit eisiger Präzision vom alltäglichen Grauen. Bei Riemann stellt er seine "Trieb"-Stories vor.

Von Christine Wagner
  • Um Trieb und Vertrieb ging es am Mittwoch in der Coburger Buchhandlung Riemann. Irmgard Clausen begrüßte den Autor Jochen Rausch (Mitte) und den Vertriebsleiter des Berlin-Verlags, Uli Hörnemann. Foto: Wagner
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Coburg - Die Banalität des Bösen - diese Redewendung wird gerne verwendet, wenn angesichts von Gewaltverbrechen die Worte fehlen. Wie man gerade angesichts und trotz der Alltäglichkeit von Mord und Totschlag doch zu einer stringenten literarischen Form finden kann, zeigt Jochen Rausch, der mit "Trieb/13 Storys" in diesem Jahr sein zweites Buch vorlegt.

Gemeinsam mit Uli Hörnemann, dem Vertriebsleiter des Berlin Verlages, war Rausch nach Coburg gekommen, um in der Buchhandlung Riemann seine Neuerscheinung vorzustellen. "Schützling" des Berlin Verlages ist das Geschäft von Irmgard Clausen am Markt, wurde es doch im vergangenen Jahr zur "Buchhandlung des Jahres" gekürt, eine Aktion, die seit Jahren von dem Berliner Haus aktiv unterstützt wird.

Als Journalist (Programmchef beim WDR-Sender 1LIVE), Musiker (Aufnahmen mit Udo Lindenberg, Jury-Mitglied beim Eurovision Song Contest) und Schriftsteller hat Jochen Rausch viele Talente, vor allem aber sicher dieses eine: hinter kleinen Geschichten Großes zu wittern.

Seine 13 Storys sind solch "kleine" Geschichten: alle tödlich, viele brutal, verstörend, gruselig. Eigentlich sollten es Geschichten über Paare, über Liebe, Partnerschaft werden. Aber wenn man weiß, dass ca. 70 Prozent aller Tötungsdelikte Beziehungstaten sind, nimmt es nicht wunder, dass Rausch so viel mörderisches Material gesammelt hat. Er komprimiert das Geschehen oft auf wenigen Seiten, beschreibt mit journalistischer Objektivität, wie es zu den Taten kam. All seine Erzählungen haben einen realen Bezug: "Mich interessiert das Authentische", betont Jochen Rausch im Gespräch mit dem Publikum und fügt hinzu, dass es ihn trotzdem reize, "in die Köpfe der Protagonisten zu schauen".

In diesen Köpfen geht so einiges ab: die "Trieb"-Leser treffen Sodomisten und Stalker, Eifer- und Rachsüchtige, mehr oder weniger Ver- und Entliebte. Oft erzählt Rausch die Verbrechen in Form eines Protokolls, lässt das Geschehene aus unterschiedlichen Perspektiven plastisch werden, etwa beim Mord an einer alten Frau: da kommen nicht nur die ermittelnden Beamten oder die Nachbarn zu Wort, sondern auch Entrümpler und Reinigungspersonal.

Rauschs Blick ist mehr bei den Tätern als den Opfern: "Eine simple Unterscheidung in Gut und Böse wie beim ,Tatort' gibt es im wirklichen Leben nicht", betont er und ist überzeugt: "Die allermeisten Täter sind ohne Liebe aufgewachsen. Und auch trotz hoher Intelligenz kann man seelisch völlig verrohen." Dann kommt es zu jenen Geschichten, "die man nicht begreifen kann" (Rausch), wie etwa einem Mord an einer alten Frau wegen 76,23 Euro oder dem sinnlosen Tod einer 19-jährigen Studentin.

Zweifellos hat Jochen Rausch mit "Trieb" ein ganz besonderes Buch geschrieben: besonders erschreckend wegen der distanzierten Kälte, mit der die Tötungsdelikte geschildert werden, andererseits aber aus genau demselben Grund besonders faszinierend - man kann nicht aufhören weiter zu lesen, aber bitte vorher unters Bett schauen und dunkle Ecken und Winkel überprüfen!

Jochen Rausch: "Trieb/13 Storys". 208 Seiten, gebunden. Berlin Verlag 2011, 18,90 Euro. ISBN 978-3-8270-1025-4

    
    

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