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Das Kabarett-Kraftwerk Urban Priol wettert in Coburger wider die Ignoranz der Mächtigen. Und rät: "Ärgert sie zurück!"

Von Dieter Ungelenk
  • Das Weizen ist entschärft, er nicht: Der Adrenalinjunkie Urban Priol schwadronierte sich vor seinen Coburger Fans am Donnerstagabend in Höchstform. Foto: Ungelenk
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Coburg - Fachgerecht verdrahtet könnte er mühelos die Bühnenscheinwerfer speisen. Ach, was: Ganz Coburg würde er erleuchten. Urban Priol steht nicht unter Strom - er ist Strom. Gäbe es den Hildebrandt nicht, den Pelzig, den Schramm, den Zimmerschied, den Rether - er könnte als Notstromaggregat des deutschen Kabaretts den Laden auch alleine schmeißen. Rund um die Uhr.

Nach drei Stunden - netto! - jedenfalls wirkt er noch erheblich frischer als mancher vor Nonstop-Begeisterung erschöpfte Zuschauer im ratzeputz ausverkauften Coburger Kongresshaus. Der Chef der "Anstalt" könnte offenbar locker weiterwettern wider den haarsträubenden Irrsinn auf Erden und in Berlin. Der fängt mit Brüderle im Morgenfernsehen an, und hört spätabends im Hotelbett nicht auf, wenn sich Priol rhetorisch fragt: "Schlaf' ich jetzt oder reg' ich mich noch ein bisssche auf?". Natürlich regt er sich noch ein bisssche auf, der Adrenalinjunkie aus Aschebersch, zieht sich die Astro-Assis im Esotherik-TV ein oder die neuesten Megaflops zur Machterhaltung der schwarzgelben Tigerentenkoalition.

Die Wut ist sein Treibstoff, der gärt in ihm und entlädt sich in Worten, Wortgetümen, Wortgewittern. Die brechen aus ihm heraus, bis es selbst einem Turbo-Prediger wie ihm die Sprache verschlägt. Dann verklumpen die Silben, dann ringt er um Fassung und stammelt und bebt und droht vor lauter Überdruck durch die Saaldecke zu schießen wie das HB-Männchen selig.

Ein Mann mit Mission

Dabei könnte er sich doch zynisch grinsend zurücklehnen und der FDP beim Verschwinden oder dem Kapitalismus bei seiner Kannibalisierung zuschauen. Doch statt selbstzufriedener Schadenfreude über den Kollaps des Wachstumswahns packt den 50-Jährigen die blanke Verzweiflung über die Ignoranz und Arroganz der Mächtigen, die das Land "Schritt für Schritt ins Koma regieren". Und über die Schicksalsergebenheit der Entmachteten. "Ärgert sie zurück!" ruft er zum Abschied aus - der Mann hat eine Mission. Und statt sich daran aufzureiben, legt er von Mal zu Mal an Inbrunst zu.

Perfekt ausgeklügelt und präzise getimt ist diese hals- und zungenbrecherische Querfeldeinjagd durch die säkularen und klerikalen Sümpfe. Verlässlich führen sämtliche Abschweifungen und tagesaktuellen Schlenker zurück zum roten Faden, zur flammenden und faktenprallen Kritik an einem selbstzerstörerischen System, in dem längst nicht mehr Staat und Kirche die Völker knechten ("Halt du sie dumm, ich mach sie arm"), sondern "bleichgesichtige ehemalige amerikanische BWL-Studenten" in gottesähnlichen Rating-Agenturen.

Was Priol nicht daran hindert, mit Hingabe auch die herkömmlichen Machteliten und Politdarsteller zu grillen, allen voran die Allgemeinplätzchen backende Kanzlerin, die als "Kaltmamsell des Kapitals" ihr Volk auf der Schlachtplatte serviert. Auch wenn der Altweibersommer bei ihm längst Kanzlerinnendämmerung heißt, bleibt Priol Angela Merkel hämisch verbunden. Mit Hingabe karikiert er auch das Wirtschaftsbübchen Philipp Rösler ("Die späte Rache der roten Khmer"), während er Westerwelle ("er denkt, er wäre noch da") kaum mehr einer Pointe würdigt. Das abschließende Urteil über den "außenpolitischen Behelfstrottel" überlässt er dem unvergessenen SPD-Partisanen Herbert Wehner - neben dem bräsigen "Alten" (Kohl) und der schmollenden Angie (Mekel) eine Parade-Parodie Priols.

"Der Teufel trägt Prada"

Natürlich hat er auch die päpstlich-pastorale Leier Benediks drauf ("der zweite Komiker nach Mario Barth im Berliner Olympiastadion"). Priols Kommentar zum roten Schuhwerk des Pontifex hat beste Aussichten in den immerwährenden Zitatenschatz des Kabaretts aufgenommen zu werden: "Der Teufel trägt Prada". Der "spätrömisch-dekadente Zölibatsirrsinn" zieht den heiligen Zorn des Satirikers auf sich, der von der Kirche keine Orientierung für eine Gesellschaft erwartet, die Werte nur noch in Zusammenhang mit Leber - oder Depot- interessieren, und die Wucherer und Spekulanten im Gegensatz zu Jesus nicht verjagt, sondern hofiert. Keine Gnade kennt Priol auch für Glückspropheten und Wunderheiler von Hirschhausen bis Grün. Bleibt nicht mehr viel Spielraum für Hoffnung. Sollte die Erde tatsächlich "der Fiat unter den Planeten" sein - oder gar die Hölle eines anderen Gestirns, wie der Kabarettist mit Aldous Huxley grübelt?

Wenn schon. Solange es Priols gibt, können wir wenigstens noch drüber lachen.

    
    

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