» zur Übersicht Schauplatz Region
    
    
Artikel
 

Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text   
Blitz-Eis auf dem Wasser

Das Wetter hat sie kalt erwischt - mehrere Dutzend Binnenschiffe liegen seit einer Woche im zugefrorenen Main-Donau-Kanal fest. Die Langweile bekämpfen sie mit Wartungsarbeiten - oder genießen den Sonderurlaub.

Von Klaus Tscharnke
  • Steckt im Eis fest: Albrecht Scheubner, Kapitän des Güterschiffes "Jenny" auf dem Main-Donau-Kanal in Nürnberg.
Bild von

Nürnberg/Bamberg - Weihnachten 2010 hatte Jan Klerks gerade noch mal Glück gehabt. Trotz Heiligabend hatte er seinen Frachter bei Bamberg noch schnell in den eisfreien Main bugsiert - gerade rechtzeitig vor der behördlichen Eissperre auf dem Main-Donau-Kanal. Dieses Mal war das Eis schneller. Auf der Fahrt nach Norden stoppten dicke Eisschollen und schließlich die Kanalsperre die Fahrt des niederländischen Binnenschiffers bei Nürnberg. Seit vorletzten Sonntag hängt sein Schiff "Jadi" im dortigen Kanal-Hafen fest - beladen mit 910 Tonnen ungarischem Mais für Amsterdam. "Das Eis kam dieses Mal einfach zu schnell", stellt der 65 Jahre alte Kapitän fest.

Klerks und seine Frau Diny sehen die Lage dennoch gelassen. Entspannt lehnt er am späten Nachmittag im Führerstand seines Schiffes und blickt auf die sonnenbeschienene weiße Eisfläche, zu der der Main-Donau-Kanal erstarrt ist. Von Tag zu Tag wächst der holprige Eispanzer um ein paar Millimeter. Mit der Zwangspause kommt der Schiffer dennoch klar; nur dass er jetzt erst mal seine Kinder und Enkelkinder in Holland nicht sehen kann, findet er schon sehr bedauerlich. Der Tag ist ausgefüllt mit Wartungsarbeiten im Maschinenraum. "Und die restliche Zeit gehen wir in der Nürnberger Innenstadt bummeln", berichtet er.

Auch nach der Erinnerung von Binnenschiffer Albrecht Scheubner (60) ist der Main-Donau-Kanal noch nie so schnell zugefroren wie in diesem Jahr. Der Temperatursturz auf bis zu 21 Grad habe die wichtige Ost-West-Wasserstraße innerhalb weniger Tage unpassierbar gemacht, meint der Kapitän des Frachters "Jenny". Auch sein Schiff ist im Nürnberger Hafen festgemacht. Allerdings hatten Scheubner und seine Frau Karin (65) schon so eine Vorahnung, als sie mit 1506 Tonnen Mais in Richtung Niederlande unterwegs waren: "Wir haben in Regensburg alle Treibstoff- und Wassertanks gefüllt, damit wir grundversorgt sind, wenn wir liegen bleiben sollten", erzählt er.

Vor allem Karin Scheubner empfindet den Zwangsstopp als willkommenen Kurzurlaub. "Ich genieße es, mal auszuschlafen, gemütlich zu frühstücken und den Tag ein bisschen zu vertrödeln", bekennt die 65-Jährige, die seit 33 Jahren zusammen mit ihrem Mann Europas Flüsse befährt. Allerdings ist sie froh, "dass wir es bis nach Nürnberg geschafft haben. Da ist wenigstens kulturell was los", erzählt sie. Einen Besuch im Kino hat das Ehepaar bereits absolviert. Derweil genießt sie mit ihrem Mann am Kaffeetisch ihrer gemütlichen 50-Quadratmeter-Schiffswohnung ihre selbst gebackenen Mohn-Schnecken.

Auch ihrem Mann kommt der Zwangsstopp nicht ganz ungelegen; findet er doch Zeit, um erste Vorbereitungen für den Spezialeinsatz der "Jenny" in den Sommermonaten zu treffen. In dieser Zeit wird der Frachter alljährlich für vier Monate zum Ausstellungsschiff. Den Laderaum nutzt beispielsweise das Bundeswissenschaftsministerium für schwimmende Wissenschaftsausstellungen. Außerdem erhält er für jeden Tag von seinem Auftraggeber sogenanntes Eisliegegeld. Das macht zwar nach seinen Angaben nur 15 Prozent seines normalen Tagesverdienstes aus. "Über das Jahr verteilt, ist ein solcher Einkommensverlust aber einigermaßen verkraftbar", räumt er ein.

Weniger entspannt sieht hingegen der niederländische Binnenschiffer Rudi Vanhaecke die nun schon eine Woche dauernde Eissperre. Auch er liegt in Nürnberg fest. Zur Zeit diskutiere er noch mit dem Auftraggeber seiner Maisladung die Höhe seines Eisliegegeldes. Der sei nämlich der Auffassung, ohne seinen Getriebeschaden bei Bratislava hätte er den Main-Kanal Tage vor der Sperrung passiert gehabt. Auch sonst ist Vanhaecke auf den Winter nicht gut zu sprechen. Schon mehrfach habe er wegen des zugefroren Main-Donau-Kanals seine Fahrt unterbrechen müssen. "Im Jahr 2006 habe ich deswegen 100 Tage in Regensburg warten müssen, im Winter 1996/97 waren es fast zwei Monate." Und auch jetzt ist Vanhaecke nicht allzu optimistisch: "Diesen Monat wird noch gar nichts gehen", ist er überzeugt.

Ich genieße es, einmal auszuschlafen.

Karin Scheubner auf dem Frachter "Jenny"


    
    

Diesen Artikel

  • Teilen:
  •  
  • Facebook
  •  
  • MySpace
  •  
  • Twitter
  •  
  • StudiVZ / MeinVZ
  •  
  • Google
  •  
  •  
Bewertung: 
  •  
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
0 Bewertungen (Sie müssen angemeldet sein)
    
    

Die neuesten Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare geschrieben...
Zum Kommentar abschicken bitte vorher einloggen
Benutzername
Passwort
 
     
Sie sind noch kein Mitglied auf np-coburg.de? Dann jetzt gleich »hier registrieren
    
    

Ȇbersicht Schauplatz Region

 
(1)
Kristallbad: Keine Ruhe an der Ruine

Nach dem Brand in der Fichtelberger Therme ist unklar, wer die Versicherungssumme bekommt. Laut Vertrag musste der Betreiber das Gebäude versichern, das Geld beansprucht jedoch die Gemeinde. »mehr
    
    

 
Rettung aus Oberfranken

Astrid Kilian hat einen Straßenhund aus der Ukraine aufgenommen. Mischling "Kalli" hat sich schon gut eingelebt. »mehr
    
 
    

 
Einmaliger Schatz

Die Jahrhunderte alten Buchen im Steigerwald sind einmalig. Doch schon seit langem gehen die Meinungen darüber auseinand... »mehr
    
 
    

 
Kreisel-Streit in Sonneberg

Ein Dickhäuter aus rostigem Blech scheidet die Geister. »mehr
    
    

Das könnte Sie auch interessieren 

    
    

Party

 
    

Nachrichten

 
    

Sport

    
    

Magazine

Bikers Guide 2012
Landesgartenschau 2012
Impulse
Mit dem Fahrrad unterwegs
Bauen Wohnen April 2012
Bikers Guide 2012
Mit dem E-Bike im Frankenwald
Handwerksführer 2012
Hochzeitsmagazin
Börsenforum Februar 2012
Thüringen im Blick
Leserreisen Oktober 2011
    
Anzeige
Marktplatz
    

Umfrage

Lade TED
 
Die Umfrage wird geladen, bitte warten...
 

    
    

Tag der Artenvielfalt für die Meere

Ein Fisch, der sieben Kilometer tief unter der Meeresoberfläche lebt. Dort, wo der Druck des Wassers viele U-Boote zerquetschen würde. Violette Würmer, die beim Fressen am Meeresboden spiralige Spuren hinterlassen. »mehr
    
    

Die Sache mit der Patientenverfügung

Frage des Tages
Was ist eigentlich eine Patientenverfügung?, fragt ein Leser. In einer Patientenverfügung könne der Verfügende für Ärzte, Betreuer und Vorsorgebevollmächtigte verbindlich Behandlungswünsche festlegen, sagt Notar Christoph Suttmann. »mehr
    
    

Die historische Stadt 

Webcams Coburg
Die Webcams der VR-Bank Coburg eG und der Stadtwerke-Tochter süc//dacor bieten aus verschiedenen Blickwinkeln aktuelle Kamerabilder von der Stadt Coburg. »mehr
    
    

Studenten-Konzept: Ein Strandbad an der Itz 

Fünf ehemalige Studenten der Hochschule Coburg entwickeln ein Konzept für einen Stadtstrand. Im Juni ist es im Rahmen einer Ausstellung zu sehen. Lob gibt es vom Stadtplaner. »mehr
    
    

Börseninformationen