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Ein Spiel mit Leid und Hilfsbereitschaft

Das Foto eines Mädchens mit schrecklichen Brandwunden geistert schon seit Wochen durch Facebook, verbunden mit einem "Teilen"-Aufruf - tut das bloß nicht. Hier kommt eine Geschichte über das üble Spiel mit dem Leid Fremder und ausgenutzter Hilfsbereitschaft.

  • Gewinnspiel Nettes Gewinnspiel oder fiese Falle?
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Facebook ist heute das größte soziale Netzwerk der Welt, 845 Millionen Nutzer sind hier aktiv. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Spammer die Plattform für sich entdecken mussten. Nach den Kettenmails der 90er und Nuller-Jahre sind es nun "Teilen"-Aufrufe, die einen Gutteil des virtuellen Mülls ausmachen.

Die Falschmeldungen sind im Großen und Ganzen immer nach dem gleichen Muster gestrickt - mal ist es ein schwerkrankes Kind, dessen Geschichte man teilen soll, weil Facebook angeblich ein paar Cent pro "Teilen" spenden würde. Mal ist es die Warnung vor Pädophilen, die vor einer bestimmten Schule herumlungern würden. Oder es geht um scheinbare Attacken aus dem Netzwerk oder interessante Zusatzfunktionen, die der User nur abwenden oder nutzen kann, wenn er einen folgenden Link anklickt. Auch Gewinnspiele - ob echt oder vorgetäuscht - vermehren sich wie die sprichwörtlichen Karnickel.

"Hoax" nennt man diese Falschmeldungen, die so glaubwürdig daherkommen, dass viele sie ahnungslos an Freunde und Kontakte weiterleiten. Manchmal ist das lästig. Oft aber auch moralisch grausam oder technisch schlimm. Seit Anfang Februar kursierte beispielsweise das Bild eines Babys mit schweren Verbrennungen im Gesicht auf Facebook, dazu gab es einen mitleidigen Text und den Aufruf, das Bild zu teilen - angeblich zahle Facebook 3 Cent für jedes Mal "Teilen" an die Familie des Mädchens.

Facebook zahlt etwas? Freiwillig? Alleine bei dieser Behauptung müsste man schon stutzig werden. Und tatsächlich ergibt eine kurze Recherche, dass das Foto und der Text Quatsch sind.

Wir fragen bei "Mimikama" nach, was es mit dem Baby-Hoax auf sich hat. Mimikama ist eine österreichische, aber international aktive Plattform, die im April 2011 von Facebook-Nutzern gegründet wurde und über aktuelle Ereignisse auf Facebook berichtet. Der Name leitet sich vom Suaheli-Wort für "Gefällt mir" ab. Schwerpunkt der Plattform ist die Aufklärung der "Facebook-Fakes unter dem Motto "Zuerst denken, dann klicken" (ZDDK). Unsere Fragen beantworten uns Tom, der die Seite initiiert hat, und User Sebastian, die beide nur ihren Vornamen genannt wissen möchten.

 

Tom, was hat es mit dem Baby-Hoax auf sich?

Es ist nicht nur der Baby-Hoax, generell können alle Bilder verwendet werden, die bei Menschen eine emotionale Reaktion auslösen. Tiere oder Babys eigenen sich sehr gut dazu, das Mitgefühl der Leute anzusprechen. Es wird suggeriert, dass man aktiv zur Hilfe beitragen kann, indem man nur einen Klick macht. Diese Art der Kettenbriefe kursiert schon sehr, sehr lange im Internet und hat durch die Einfachheit von Facebook nun einen enormen Sprung gemacht. Es werden meist namhafte und profitable Unternehmen angegeben, die scheinbar für das schlichte Weiterleiten dieser Nachricht eine kleine Summe spenden.

Auch wenn es eine bittere Realität ist: Kein Unternehmen wird durch das einfache "teilen" eines Beitrages, oder wie früher durch das Weiterleiten einer E-Mail an möglichst viele Bekannte, einen Betrag spenden. Abgesehen davon gibt es keine technischen Möglichkeiten, die genaue Anzahl der weiterverteilten Beiträge zu bestimmen, womit niemals eine genaue Zahl genannt werden kann. Es wird daher nicht ein Cent gespendet werden, auch da man nicht einmal wüsste, an wen gespendet werden sollte.

Die "Masche" mit den Babyfotos ist nun derzeit die Spitze des Eisberges. Viele Bilder entsprechen zwar der Realität, sind aber vollkommen aus dem Kontext gegriffen und handelten ursprünglich von einer ganz anderen Geschichte - oft kommt es vor, dass das abgebildete Baby bereits lange wieder gesund ist. Das Ziel ist nur, möglichst schauderhafte Bilder zu bekommen, damit man möglichst viele Personen auf einer geschockten Ebene erwischt, und solche Bilder findet man in den großen Weiten des Internets leider zuhauf.

 

Solche Bilder stellen auch für die Familienangehörigen und Betroffenen eine große Belastung dar?

Nehmen wir an, Sie entdecken Ihr Kind auf dem Foto. Sie hatten sicherlich eine schwere Zeit während dieser Erkrankung und durch couragierte Ärzte und Freunde, die Sie unterstützen, ist Ihr Kind nun gesund und munter. Die Erinnerungen an diese Zeiten sind längst vergessen, Ihr Kind ist bereits im Vorschulalter. Nun entdecken Sie das Foto ihres erkrankten Babys im Internet. Im Minutentakt wird es geteilt und es entwickelt sich ein regelrechter Aufschrei nach Humanität, Sie jedoch sehen sich mit den dunkelsten Zeiten Ihrer Vergangenheit konfrontiert. Verziert mit dem Schriftzug "Facebook zahlt für jedes Teilen dieses Foto 3 Cent" wissen Sie nicht, ob Sie darüber lachen oder weinen sollen. Natürlich hätten Sie sich diese Unterstützung früher gewünscht, aber die Zeit ist überstanden und Spenden sind nicht mehr notwendig - wohin auch immer diese gehen würden. Zu Recht wollen Sie daran nicht mehr erinnert werden, nichtsdestotrotz geistert das Foto Ihres schwerkranken Kindes unter einem falschen und nie zu erfüllendem Spendenaufruf durchs Internet.

 

Was ist mit den Meldungen, die sich auf angeblich verschwundene Menschen beziehen?

Dahinter steht natürlich oft die Sorge von Freunden und Angehörigen, die durchaus berechtigt ist. Jeder, der einen geliebten Menschen verliert, möchte natürlich alles tun, damit dieser wieder auftaucht. Hierbei ist es aber wichtig den Informationsfluss so gut es geht vorzugeben und zu kontrollieren. Durch Facebook ist es sehr einfach geworden, eine Suchaktion in Gang zu setzen, die über Grenzen hinaus stattfindet. So kann es passieren, dass nach kurzer Zeit ein Sprung von mehreren Tausend Kilometern gemacht wird. Oft kommt es dann vor, dass die verschwundene Person bereits lange wieder zu Hause ist - eine wichtige Information, die aber leider nie so öffentlich wird wie der Suchaufruf selber.

In der Polizeiarbeit ist es üblich, für bestimmte Fälle eine eigene Arbeitsgruppe, Abteilung oder Sonderkommission zu beauftragen. Alle Informationen werden zentral gesammelt und ausgewertet, sodass ein ständiger Überblick über die aktuelle Situation gegeben ist. Die Meldungen in Facebook bilden eher ein dezentrales Informationsnetz. Während die gesuchte Person beispielsweise in Berlin längst wieder aufgetaucht ist, wird in Wien weiterhin fieberhaft gesucht. Idealer wäre es daher bei einer solchen Suchaktion eine zentrale Sammelstelle zu erstellen, wie zum Beispiel eine kurze Homepage, und falls die vermisste Person wieder aufgetaucht ist, dies ebenfalls publik zu machen.

 

Welche Absichten haben die Ersteller solcher Fake-Meldungen Ihrer Meinung nach?

Es gibt mehrere Möglichkeiten. Für Meldungen von vermissten Personen sind meist Angehörige und Freunde verantwortlich, die natürlich nur den geliebten Menschen wieder in die Arme schließen wollen. Ziel dieser ganzen Geschichten ist es, möglichst viel Wirbel um etwas zu machen und eine Seite, eine E-Mail oder sonst was so publik wie möglich zu machen, Stichwort "Virales Marketing". Viral deswegen, weil es sich wie ein Virus verbreitet, oder der Schneeballeffekt: Nehmen wir an der Initiator verbreitet die Nachricht an 100 Personen - wenn von dieser Gruppe jeweils die Hälfte die Meldung weiterleitet und davon dann auch wieder die Hälfte und so weiter, haben wir nach dem dritten Zyklus bereits 125.000 Leute, die die Nachricht gesehen haben.

Es gibt für den Initiator solcher Nachrichten verschiedene Motivationen: Dies können Werbegründe sein, wenn er zum Beispiel ganz subtil im Hintergrund seine Produkte oder Logos platziert, natürlich rein zufällig. Es kann sich auch ein Virus oder Trojaner verbreiten, damit wären unter Umständen Log-in-Daten für Onlinebanking und ähnliches in Gefahr. Bei einem Besuch auf einer Webseite, auch einer Facebook-Seite, kann aber auch durch Werbebanner von anderen Firmen der Betreiber dieser Seite profitieren, da nun sehr viele Personen diese Werbeeinschaltung sehen. Oder die Telefone laufen heiß, weil in der Nachricht eine Nummer angegeben wurde und viele besorgte Personen rufen an und wollen sich erkundigen - was bei 125.000, und exponentiell steigend, Personen schon ein ziemlicher Haufen Arbeit ist, der Nerven und Zeit kostet.

 

Hinter manchen Meldungen verbergen sich auch Abo-Fallen - haben Sie ein Beispiel dafür?

Ja - den Text "Krass! Man kann jetzt wirklich sehen, wer das eigene Profil angeschaut hat!" (siehe hier) Hier wird sehr gern mit Facebook-Funktionen geworben. Dieses Beispiel zielt auf User ab, die wissen möchten, wer sich das eigene Profil angeschaut hat - das steigert natürlich den Selbstwert und man weiß wer sich besonders für einen interessiert. Klickt man den Dienst an und hat in seinem Profil eine Handynummer hinterlegt, hat man schnurstracks ein Handy-Abo abgeschlossen. Die genauen Kosten dafür sieht man natürlich nur im Kleingedruckten. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde im Fernsehen mit Handy-Diensten geworben. "Freundetracker", "Freundespion" ... viele Fun-Apps aus dem Hause Jamba brachten einer ganzen Menge neugieriger Jugendlicher eine hohe Handyrechnung ein.

 

Was hat es im Zusammenhang mit den Hoaxes mit dem Schlagwort "Clickjacking" auf sich?

Hier wird der Mausklick "entführt", um eine Aktion auszulösen, die man wohl freiwillig nie auslösen wollte - etwa den Download eines Virus oder Trojaners. Sie wollen sich zum Beispiel ein Video ansehen und im Hintergrund wird ihr Computer infiziert. Sollten Sie mit Ihrem Computer Online-Banking betreiben, könnte das teuer werden. Es muss aber nicht immer zwangsläufig ein Trojaner sein. Auch ein "SpamBot" oder jede andere Art von Software, im Sammelbegriff "Maleware", kann so auf Ihren Computer gelangen. Damit wird Ihr Computer aktiv zu einem Spamverteiler.

Die Masche, die hier sehr erfolgreich ist, sind Videos die einen neugierig machen. Ob sie Ekel versprechen, einen Skandal oder nackte Tatsachen. Man kann das aber sehr leicht erkennen: Ist ein Klick notwendig, um den Inhalt der Seite oder des Videos zu sehen, darf man schon misstrauisch werden - zumal man die meisten Videos auf Youtube oder mit einer Google-Suche mit den gleichem Stichwort wie angepriesen sehr schnell ohne einen gezwungenen Klick sehen kann.

 

Wie kann ich "ernsthafte" Angebote, zum Beispiel Verlosungen oder echte Beschreibungen von tatsächlich vermissten Personen, von unseriösem Kram unterscheiden?

Je mehr Informationen umso besser: Bei vermissten Personen sollten einige grundlegende Informationen vorhanden sein, darunter das Datum des Verschwindens und vor allem die Region. Am besten wäre wie bereits erwähnt eine zentrale Informationsstelle, wie eine Webseite oder ein Blog: Es nutzt keinem wenn ich eine in Berlin vermisste Person in den Gebirgsketten des Ötztals in Österreich suche.

Bei Gewinnspielen sollte das Gewinnspiel auch von offizieller Seite kommen und auch hier gilt: Keiner hat etwas zu verschenken. Wie auch die Gewinnspiele im Supermarkt dient dies eher zu Werbezwecken. Je mehr Adressen oder in Facebook "Likes" Sie haben, desto mehr Personen können sie werbetechnisch ansprechen - je mehr Personen ihre Werbung sehen, desto mehr klingelt es in den Kassen. Sehr gut recherchierte und aufgearbeitet Informationen finden Sie zum Beispiel auf www.online-marketing-blog.at/facebook/gewinnspiele-und-co-auf-facebook-%E2%80%93-was-darf-man-und-was-nicht/

 

Was kann ich tun, wenn ich auf ein Bezahlangebot gelockt worden bin?

Durchforsten sie die AGBs und wenden Sie sich bei Bedarf an den Verbraucherschutz. Erstellen Sie einen Screenshot von der Seite und überprüfen Sie, ob es gut erkennbar ist, dass dieses Angebot kostenpflichtig oder kostenlos sein sollte. Abo-Fallen und Knebelverträge sind unzulässige Vereinbarungen. Es muss jederzeit klar erkennbar sein was der Dienst kostet.

 

Was kann ich als einzelner User tun, um die Schwemme an Hoaxes einzugrenzen?

Getreu unserem Motto "Zuerst denken - dann klicken" sollte sich jeder kurz bevor er etwas weiterverteilt mit der Sache objektiv auseinandersetzen. Natürlich möchte jeder etwas gutes tun, aber ist es wirklich ausreichend für ein gutes Gewissen wenn man einmal mit der Maus klickt? Machen wir es uns da nicht zu einfach? Eine kurze Google-Suche mit den Stichworten bringt meist eine Vielzahl von Ergebnissen. Kombinieren Sie die Stichworte mit dem Begriff Hoax und in den meisten Fällen landen Sie auf der Hoax-Seite der Technischen Universität Berlin.

 

Kann ich solche Postings irgendwo melden?

Wir von "ZDDK" sind stets bemüht, aktuell zu bleiben. Auf unserer Homepage oder Facebookseite können Sie uns Ihren Fund melden. Ebenfalls können sie eine Meldung an die TU Berlin senden.Es gibt noch eine Vielzahl anderer Personen die sich, so wie wir, in ihrer Freizeit der Jagd von und der Aufklärung zu Spam, Fakes und Hoaxes widmen. Zudem bietet Facebook die Möglichkeit, einen Beitrag oder ein Bild zu melden. Gerade bei sehr erschreckenden Bildern darf auch nicht vergessen werden, dass dies eine Form der visuellen Gewalt darstellt. Einen Inhaltsfilter für jüngere Facebook-Mitglieder gibt es nicht. Und Fotos von schwer erkrankten Babys sollte nun wirklich kein jüngeres Kind zu sehen bekommen. Melden Sie das Foto bei Facebook.

 

Wie hat Facebook bislang auf Ihre Kritik reagiert?

Facebook arbeitet intern momentan an der Eindämmung der schockierenden Babyfotos. Derzeit haben wir aber leider noch keinen offiziellen Kontakt zu Facebook selber. Wir hoffen aber, dass sich dieser eines Tages etabliert und wir so zusammen das Internet ein wenig schöner machen können. Wir vollbringen sicherlich keine Wunder, aber wir bemühen uns und hoffen, dass wir zumindest einen Teil der Nutzer etwas aufmerksamer machen. Das Internet ist zwar voller schöner Dinge, aber an manchen Seitengassen lauern auch ein paar böse Überraschungen.

 

www.mimikama.at

www.facebook.com/fakepostings

tami

    
    

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