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Ein Stück Schulgeschichte

Overhead-Projektor, Beamer, White-Boards - moderne Technik hat die alten Schulwandbilder aus den Klassenzimmern vertrieben. Die meisten Bilder sind im Mülleimer gelandet. Aber nicht alle.

Von Christiane Gläser
  • Die Leiterin der Forschungsstelle für Historische Bildmedien in Würzburg, Ina Katharina Uphoff, mit einer der zahlreichen Karten.
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Würzburg - Der Aufbau einer Pflanze, das Periodensystem, die Tiere der Region - Schaubilder an den Wänden der Klassenzimmer waren in einer Zeit ohne Computer, Dia-Projektor und ähnliche Technik enorm wichtig. Mit der Bildungsreform in den 1970er-Jahren jedoch wurde der "unmoderne Kram" aus den deutschen Klassenzimmern verbannt. Als "Todesstoß für die Schulwandbilder" bezeichnet Ina Katharina Uphoff die Reform. Die Diplom-Pädagogin ist die Leiterin der Forschungsstelle für Historische Bildmedien an der Universität Würzburg und gleichzeitig die Chefin von Europas größtem Archiv von Schulwandbildern. Etwa 20 000 Bilder sind der Teil der Sammlung.

Die Plakate hängen aufgerollt eng hintereinander oder stapeln sich platt übereinander auf großen Tischen in einer alten Halle auf dem ehemaligen US-Kasernengelände. Auf einer Fläche von rund 400 Quadratmetern lagert das Schulwissen aus eineinhalb Jahrhunderten. Die Uni-Sammlung dokumentiere fast vollständig die Geschichte der Schulwandbilder im deutschsprachigen Raum von 1840 bis 1990, sagt Uphoff. Nur die Bilder aus der ehemaligen DDR fehlen.

"Die Darstellungen stammen aus allen Wissensbereichen, von der Religion bis zur Tierkunde, von der Geschichte bis zur Himmelskunde - nur Geografie ist nicht dabei", so Uphoff. Die Bilder allein seien schon eindrucksvoll, doch auch darüber hinaus erzählen die gedruckten Zeitzeugen viel. "Man kann die Entwicklung der Drucktechnik und der Pädagogik anhand der Sammlung gut verfolgen." So sei beispielsweise deutlich erkennbar, dass der Unterricht im Laufe der Jahrhunderte ganzheitlicher wurde. "Tiere, Pflanzen, Menschen - sie wurden nicht mehr bloß auf hellem Hintergrund dargestellt, sondern in ihre natürliche Umgebung eingeordnet."

Die Schulwandbilder ließen aber auch Raum für eine Ideologisierung der Kinder. Mit den Plakaten konnte ihnen der jeweilige Zeitgeist leicht eingeimpft werden. Rassismus und Vorurteile seien bewusst gestreut, die Bildung einer nationalen, kollektiven Identität gezielt vorangetrieben worden, sagt Uphoff. Mit Bildern von afrikanischen Bananenplantagen in deutschen Kolonien seien beispielsweise die Vorurteile vom rückständigen Afrikaner und der deutschen Vorherrschaft zementiert worden. "Das, was Kinder damals von der Welt kannten, hatten sie von den Schulwandbildern. Die Plakate waren deshalb sehr prägend."

Beim Durchstöbern der Roll- und Flachkarten stoßen Wissenschaftler immer wieder auf neue Forschungsmöglichkeiten. Kulturgeschichte, Kunstwissenschaft, Medienpädagogik, Didaktik - "hier kann man sich fachübergreifend austoben und in die Erforschung einer Nische stürzen", sagt Uphoff weiter. Damit das künftig leichter wird, soll die Sammlung komplett inventarisiert und digitalisiert werden. Die Schulwandbilder sollen zudem vermehrt an Museen oder regionale Ausstellungen verliehen werden.

Obwohl Schulwandbilder längst nicht mehr zu den zentralen Unterrichtsmitteln gehören, werden sie in Deutschland noch immer produziert. "Wir produzieren vor allem für Osteuropa, Australien und die USA. In Übersee werden sie jedoch vor allem als Homedesign genutzt", sagt Christian Machalet, Geschäftsführer des Hagemann-Verlages mit Sitz in Düsseldorf. Die Firma ist eine der wenigen in Deutschland, die noch botanische und zoologische Lehrtafeln herstellt. Einst waren die größten Schulwandbild-Verlage in Leipzig und Dresden angesiedelt. "Die klassische Lehrtafel ist längst ein Museumsstück geworden", sagt Machalet.

Komplett konnten Beamer, Fernseher und Co. die Schulwand allerdings nicht aus den Klassenzimmern vertreiben. Landkarten und Schulwandbilder für die Chemie sind dort noch immer zu finden. Machalet dazu: "Das Periodensystem wird eben nicht auf White-Boards übertragen, sondern weiterhin an die Wand gehängt."

Die Geschichte der Schulwandbilder

Große Lehrbilder für Klassenzimmer wurden nach Angaben der Universität Würzburg das erste Mal im beginnenden 19. Jahrhundert produziert. Die erste Bildserie entstand im Jahr 1837. Sie wurde zunächst vor allem für Taubstumme genutzt. Die Schulwandbilder waren damals noch sehr klein und schwarz-weiß.

Ihre Blütezeit erlebten die Lehrtafeln in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zwischen 1870 und 1950 werden die meisten Plakate hergestellt, sie sind in dieser Zeit fester Bestandteil des Unterrichts. Der Klassiker unter den Schulwandbildern ist die Ritterburg aus dem 13. Jahrhundert. Die wurde in den vergangenen zwei Jahrhunderten am meisten produziert und war in allen deutschen und in vielen Schulen im europäischen Raum zu finden.

Für die Illustrationen wurden auch bekannte Maler engagiert, darunter zum Beispiel Arthur Kampf (1864-1950), Walter Georgi (1871-1924) und Micheal Zeno Diemer (1867-1939). Für sie war das Zeichnen der Schulwandbilder ein lukrativer Nebenverdienst.

Weil seit der 1960er-Jahre jedoch technische Medien wie Dia, Film, Folie und Schulbücher mit vielen Bildern Einzug in die Klassenzimmer hielten, verlor das Schulwandbild seitdem seine zentrale Rolle als Unterrichtsmittel.


    
    

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