zuletzt bearbeitet: 12.02.2012 21:54 Uhr
Text
Text
Die Halle bebt, aber Deutschland geht unter
Die Mannschaft von Teamchef Patrik Kühnen verliert im Tennis-Davis-Cup gegen Argentinien klar mit 1:4. Haas/Petzschner haben den Sieg auf dem Schläger. Sie verspielen eine 2:0-Satzführung. Danach hagelt es von allen Seiten Kritik am Verhalten des offenbar "untergetauchten" Kohlschreiber.
Bamberg - Aus, vorbei. Das deutsche Davis-Cup-Team hat am Samstag im Tollhaus Stechert-Arena vor abermals gut 4000 Zuschauern nicht zurückgeschlagen. Dabei waren Tommy Haas und Philipp Petzschner bei eigener 2:0-Satzführung drauf und dran, das argentinische Weltklasse-Doppel mit David Nalbandian/Eduardo Schwank in die Knie zu zwingen. Nach dem 6:3/6:/4:6/3:6/4:6 und dreieinhalbstündigem dramatischem Spielverlauf steht fest: Deutschland muss vom 14. bis 16. September in die Abstiegsrunde, um sich vor der Zweitklassigkeit zu retten. "Ich kann es nur schwer glauben, dass wir das Match verloren haben", resümierte Patrik Kühnen. Dem deutschen Teamchef kamen an seinem 46. Geburtstag die Worte nur schwer und leise über die Lippen. Ehrlicherweise musste er später einräumen, dass die Argentinier über zwei Tage gesehen "den Tick stärker" war. "Das Publikum aber hat uns wirklich ganz toll unterstützt."
Phasenweise herrschte eine Atmosphäre wie in einem Fußballstadion mit Pfiffen und Gesängen, so dass Stuhlschiedsrichter Enric Molina aus Spanien schwer zu tun hatte, die Emotionen bei den teils strittigen Bällen im Zaum zu halten und die Gemüter zu beruhigen. Auf allgemeines Unverständnis stieß allerdings der offizielle Protest der Südamerikaner, dass der großartig moderierende Stadionsprecher Christian Höreth die Stimmung zu sehr und einseitig anheize, wie er uns später "völlig geknickt" erklärte. So musste der seit zehn Jahren von Boris Becker für die Tour der Tennislegenden engagierte 41-jährige Bayreuther auf Anweisung des ITF-Verantwortlichen sein Mikrofon fortan auf lautlos stellen.
"Drei Sätze lang waren wir besser, im vierten und fünften nicht schlechter", meinte Philipp Petzschner. Der Bayreuther präsentierte sich deutlich besser als tags zuvor im Einzel, aber eben auch nicht frei von Schwankungen. "Ich habe mich gepuscht, bin positiv raus und habe bei null begonnen." Das Desaster vom Freitag habe er aus dem Kopf gelöscht. "Wir können uns nichts vorwerfen und haben dem Weltranglisten-Dritten Paroli geboten. Es lag an Kleinigkeiten", erklärte der 27-Jährige nach seinem zehnten Einsatz im Davis-Cup. Aber irgendwie sei es am Ende "saudeppert gelaufen."
Petzschner bekannte, dass er "schon immer ein Fan von Tommy Haas" gewesen sei und ganz stolz war, als er sich mit ihm bei seinen 1. Australien Open mit ihm einspielen durfte. "Es war eine Ehre für mich, mit ihm zu spielen." Sollte er sich für Olympia qualifizieren, sei Tommy als Doppelpartner "erste Wahl". Für ihn steht fest: "Dieses zweite Match zusammen war definitiv nicht unser letztes. Und wenn es bei den Jungsenioren in der Bezirksliga sein sollte", scherzte er süffisant. Er sei "tierisch froh" gewesen, dass Haas zurück war. "Es hat richtig Spaß gemacht." Mal abgesehen vom Ergebnis, vergaß er zu erwähnen.
Tommy Haas, nach viereinhalb Jahre wieder zurück im Team, wirkte beim Presseakt sichtlich geknickt, dass sein "Kindheitstraum", einmal den Davis-Cup zu gewinnen, schon so früh geplatzt war. Er hatte erst einmal "wenig Bock über Erklärungen zu reden". Tat's aber dann doch. "Ich hatte nach der 2:0-Satzführung das Gefühl, dass wir das Ding nach Hause bringen." Dass vor dem Matchball der Aufschlag der Argentinier im Aus gewesen sein soll und sich eine lange Unterbrechung mit Diskussionen und einem gellenden Pfeifkonzert von Rängen anschloss, ließ Haas kalt. "Um mich da aufzuregen, bin ich zu lange dabei." Das Ausscheiden sei "bedauerlich, traurig und hat weh getan." Trotzdem sei es "ein Riesenerlebnis" für ihn gewesen, "vor so einem Publikum zu spielen". Das erst zweite Match zusammen mit Petzschner werde er deshalb zu seinen "schönsten Erinnerungen" zählen.
Einen Seitenhieb in Richtung des an einem Magen-Darm-Virus erkrankten Philipp Kohlschreiber konnte sich der sichtlich gefrustete Haas nicht verkneifen: "Dass er nicht mal gekommen ist, finde ich sehr schade. Ich hätte erwartet, dass er uns zumindest moralisch unterstützt. Für mich ist das nicht verständlich." Patrik Kühnen musste einräumen, dass er seit der Absage am Mittwoch "keinen Kontakt zu Kohli" hatte. "Ich weiß nur, dass er nächste Woche in Rotterdam gemeldet ist, aber nicht, wie es ihm geht. Wir hätten uns alle gewünscht, dass er mal für einen Tag vorbeischaut." Boris Becker, am Sonntag Ehrengast, befürchtet wegen des Zoffs sogar ein "nachhaltiges Erdbeben", sprang Haas aber zur Seite: "Der Teamchef wird sich darüber Gedanken machen", sagte Becker bei bild.de über das "nicht gerade mannschaftsförderliche" Verhalten des "untergetauchten" Kohlschreiber
Vorbei geschaut haben übrigens auch zahlreiche Fans aus der Region in Bamberg: Rund 800 von Grün- und Rot-Weiß Bayreuth, aus denen Florian Mayer und Philipp Petzschner hervorgingen sowie jeweils 100 vom TC Hof und von Weiß-Rot Coburg plus gut 50 vom TC Fichtelgebirge. Am gestrigen Sonntag war überraschend auch "Altmeister" Boris Becker zur moralischen Unterstützung aus Nizza nach Bamberg gereist. Leider zu spät. Die Entscheidung war längst gefallen. Florian Mayer unterlag noch Juan Ingnacio Chela (5:7/5:7). Dafür rettete Debütant Cedrik-Marcel-Stebe gegen Eduardo Schwank mit 7:6 (7:1) und 7:5 in den bedeutungslosen Einzeln mit dem einzigen Punkt die Ehre.
Teamchef Patrick Kühnen
Diesen Artikel
|
|||||
















