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60 Jahre deutsches Autokino

Filmklassiker auf riesiger Leinwand, dazu Hamburger und schmusende Liebespärchen: Vor 60 Jahren öffnete das erste Autokino Deutschlands. Die Jubiläumsfeier muss allerdings ausfallen.



Autokino Gravenbruch
Der Zuschauerbereich ist mit Bodenwellen zum Anheben der Fahrzeuge ausgestattet.   Foto: Andreas Arnold/dpa » zu den Bildern

Auf einem großen Gelände nahe Frankfurt/Main begann vor 60 Jahren ein Stück deutsche Kinogeschichte. Am 31. März 1960 eröffnete in Gravenbruch, einem Stadtteil von Neu-Isenburg, das deutschlandweit erste Autokino.

Als Premierenfilm flimmerte der oscargekrönte Streifen «Der König und ich» mit Yul Brynner und Deborah Kerr über die riesige Leinwand. Bereits in den ersten fünf Monaten kamen 250.000 Besucher. Sechs Jahrzehnte später bietet das Kino noch immer Platz für etwa 1000 Fahrzeuge - normalerweise. Denn wegen der Corona-Krise ist das Autokino derzeit geschlossen.

Somit fällt auch das Jubiläumsprogramm aus. Ursprünglich war geplant, vom 31. März an sechs Film-Klassiker aus jeweils einem Jahrzehnt zu zeigen, berichtet Theaterleiter Heiko Desch. Zudem sollte es Verlosungen geben und am 1. Mai ein großes Familienfest mit Live-Musik. «Wir hoffen, dass wir das später nachholen können.»

Was macht für ihn den Reiz des Autokinos aus, damals wie heute? «Man ist im Kino, aber genießt eine Intimität wie im Wohnzimmer», sagt Desch. Man könne rauchen, die Füße hochlegen, den Hund mitbringen und werde nicht von raschelnden Chipstüten gestört.

Anruf bei Ernst Schneider in Mainz. Der 81-Jährige hat schon in den 1960er Jahren als Filmvorführer in Gravenbruch gearbeitet. Manchmal hätten technische Probleme für Lärmbeschwerden aus dem benachbarten Luxus-Hotel gesorgt, erinnert er sich mit rauer Stimme. «Wenn die Bildwand plötzlich dunkel war, etwa wegen Filmriss oder Stromausfall, dann setzte unmittelbar ein Riesenhupkonzert ein, das war ohrenbetäubend.»

Das Kino war schon früher ganzjährig geöffnet, so dass die Filme laut Schneider bei fast jedem Wetter gezeigt wurden. Keine Vorführung gab es allerdings bei Nebel: «Das war unser größter Feind.»

In der heutigen Welt mit Netflix und Co wirken Autokinos fast etwas aus der Zeit gefallen. Bei einigen Besuchern spiele schon der Nostalgie-Faktor eine Rolle, sagt Desch. 2019 gab es laut der Filmförderungsanstalt bundesweit 18 Autokinos, 15 Jahre zuvor waren es demnach 38. Aber nicht nur Privatfernsehen, Videorekorder oder später Streamingdienste machten den Betreibern zu schaffen. «Was uns besonders traf, war die Einführung der Sommerzeit 1980. Plötzlich konnten wir erst um 22 Uhr spielen, statt vormals um 21 Uhr.»

Das weltweit erste Autokino wurde im Sommer 1933 im US-Bundesstaat New Jersey eröffnet und mit dem Slogan «Jedem seine eigene Loge» beworben. Danach dauerte es noch einmal 27 Jahre, bis die Idee in Deutschland umgesetzt wurde - in Gravenbruch. Passenderweise waren damals im Rhein-Main-Gebiet noch viele US-Soldaten stationiert. «Die Leute hatten auch einen kulinarischen Anreiz, zu kommen», erinnert sich Schneider. «Im Autokino gab es schon früh Hamburger. Die wurden da verkauft, bevor es das erste McDonald's in Deutschland gab.»

Auf das Autokino in Gravenbruch sollten viele weitere folgen. «Die schossen wie Pilze aus dem Boden», erinnert sich der frühere Filmvorführer. Kein Wunder: Kino unter Sternenhimmel, günstige Eintrittspreise, vor allem für Familien. Im Wagen war man für sich - was besonders Liebespaare schätzten.

«Man muss bedenken: Die Gesellschaft war wesentlich konservativer, Pärchen konnten sich nicht zu Hause treffen und nutzten die Intimität des Autokinos», sagt Desch. «Daraus entstand ja auch der Begriff der Love Lane für die bei Liebespaaren so beliebte letzte Reihe.»

Schnell bekam das Autokino den Spitznamen «Knutschkino» verpasst - und die Beach Boys widmeten ihm 1964 in diesem Sinne sogar einen Song: «Forget about the plot, it'll do very well / But make sure you see enough so you're prepared to tell / About the drive in.» (Vergiss die Handlung, es geht auch so ganz gut / Aber sorge dafür, dass du genug mitkriegst, damit du nachher was erzählen kannst / Über das Drive-in.)

Auch Schneider erinnert sich mit einem Lachen: «Wenn die Vorstellung zu Ende war, musste man viele Pärchen im Auto vom Platz vertreiben: 'Film ist aus, macht euch heim oder in die Büsche.'» Ans Autokino hätten viele Gäste noch Jahre oder Jahrzehnte später ganz besondere Erinnerungen, meint der 81-Jährige. «Wir haben hier so viel erlebt, sogar Heiratsanträge.» Und, so fügt er hinzu: «Man weiß nicht, wie viel Nachwuchs hier im Autokino gezeugt wurde.»

Veröffentlicht am:
30. 03. 2020
13:05 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
30. 03. 2020
13:05 Uhr



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