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«Anti-Virus-Hymnen» auf Balkonen und im Netz

Das neue Virus bekämpfen die Spanier (auch) mit einem alten Schlager. «Resistiré» ruft zum Durchhalten auf. Das Lied sei ein «emotionaler Impfstoff» gegen Pandemie und Quarantänekoller, schreibt die Zeitung «El País» treffend. Auch in anderen Corona-Hotspots ist Musik wichtig.



Hermann hat schon seit einiger Zeit Alzheimer, das Musizieren hat der deutsche Rentner aber nicht verlernt. Wenn seine Nachbarn in Vigo im Nordwesten Spaniens - wie die Menschen überall im Land - jeden Abend um 20 Uhr an die Fenster und auf die Balkone gehen, um minutenlang die Ärzte, Schwestern und Pfleger zu bejubeln, die sich aufopferungsvoll um die Corona-Patienten kümmern, dann schlägt auch die Stunde des Schwarzwälders.

Der Mann in den Achtzigern greift zur Mundharmonika und begeistert die Nachbarn - und inzwischen auch das Netz. Allein eines der auf Youtube geposteten Videos wurde schon rund 600 000 Mal angeklickt.

Es gibt aber nicht nur Hermann. Mit Musik macht man sich in Spanien derzeit Mut - Mut im Kampf gegen das Virus. Auch gegen die Angst, gegen die Depressionen und das Quarantäne-Koller nach drei Wochen strengster Ausgangssperre. Da sind Opernsängerinnen wie Beatriz Jiménez in Barcelona oder Paula Mendoza in Valladolid, die mit ihrer Stimme die Nachbarn erfreuen und viral gehen. Und anonyme Bürger, die für alle Saxophon, Geige oder Gitarre spielen.

Paula will den Menschen Freude machen und «etwas Mut einflößen». «Gleichzeitig halte ich meine Stimme fit und muntere auch mich in diesen ungewissen Zeiten auf», sagte die Sopranistin der Deutschen Presse-Agentur. Die 34-Jährige geht allerdings nicht jeden Tag ans Fenster. «Weil es schöner ist, wenn es überraschend kommt. Und aus Respekt vor Nachbarn, die Oper vielleicht nicht so sehr mögen.»

Die Auftritte von Hermann, Paula & Co. sind sehr bewegend. Für Emotionen sorgen auch uniformierte Polizisten, die auf Mallorca, Madrid und anderen Regionen spontan auf den Straßen musizieren, tanzen und singen, oder in Galicien einer Seniorin ein Ständchen zum 110. Geburtstag halten. Das absolute Gänsehaut-Gefühl bekommt man aber, wenn nach den allabendlichen Ovationen aus unzähligen Fenstern und Balkonen «Resistiré» ertönt. «Ich werde standhalten». Das mehr als 30 Jahre alte Schlagerlied des «Dúo Dinámico» erlebt ein großes Revival und ist von Santander bis Sevilla, von Bilbao bis Barcelona zur «Anti-Corona-Hymne» geworden.

«Wenn ich alle Partien verliere, wenn ich mit der Einsamkeit schlafen muss, wenn sich mir alle Wege versperren, und die Nacht mich nicht in Ruhe lässt (...) Wenn die Welt ihren ganzen Zauber verliert (...): Resistiré.» Der Sportjournalist und Texter Carlos Toro (74) war gerade von einer Freundin den Laufpass bekommen, als er Ende der 1980er Jahre fürs «Dúo Dinámico» diese Zeilen schrieb.

Der Mann, der mehr als 800 Songs unter anderem auch für spanische Eurovision-Teilnehmer textete, räumte diese Woche in unzähligen Interviews immer wieder ein: «Ich bin sehr bewegt: das Lied war von Anfang an erfolgreich. Aber jetzt ist es zur Nationalhymne, zur Hymne der Hoffnung geworden, das ist einfach umwerfend.»

Die Zeitung «El País» titelte, das Lied sei ein «emotionaler Impfstoff» gegen das Virus. In der Tat: Zu den Klängen von «Resistiré» klatschen, tanzen und singen jeden Abend Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende auf den Balkonen. Auch in Altenheimen, Krankenhäusern und Supermärkten wird dazu getanzt.

Der Anklang war so groß, dass sogar rund 50 spanische Künstler - darunter der Halbdeutsche Álvaro Soler - virtuell zusammenkamen, um eine neue Fassung zu machen. Sie spielten in Wohnzimmern, Terrassen oder Tonstudios daheim das Lied ein, und Produzent Pablo Cebrián mischte das Endprodukt. «Resistiré 2020» kam am Mittwoch heraus und hatte nach nur 48 Stunden schon mehr als fünf Millionen Aufrufe. Das «Dúo Dinámico», «Resistiré»-Komponist Manuel de la Calva und Sänger Ramón Arcusa, traten die Rechte an ihrem Song an die von der Pandemie heftig betroffenen Region Madrid ab.

«All das wegen einer verdammten Fledermaus»: Der erste Satz des Songs der Sängerin und Humoristin Camille Lellouche wird derweil in Frankreich als neue Coronavirus-Hymne gefeiert. Das Video wurde im Netz millionenfach angeklickt und der Titel «Co-co-Corona» zum beliebten Refrain. Sie habe nicht geglaubt, mit dem Lied für einen Hype zu sorgen, sagte die 33-Jährige dem TV-Sender «BFMTV». Sie habe nur den Menschen etwas Gutes tun und ihrer Wut und Anspannung Luft verschaffen wollen, so die ehemalige «The Voice»-Kandidatin.

Der Text der eingängigen Rap-Musik spricht Bände über den Zustand vieler Franzosen, die nur noch mit Passierschein das Haus verlassen dürfen: «Wir werden verrückt wegen Dir, Co-co-Corona Fledermaus. Du machst mir Angst.» In Frankreich wurde die am 17. März verhängte Ausgangssperre bis zum 15. April verlängert.

In Italien, wo die strikten Ausgangsstopps schon seit dem 10. März gelten, gibt es keine nationale «Corona-Hymne». Gesungen wurden unterschiedliche beliebte Lieder wie «Bella Ciao» oder Klassik-Hits etwa von Verdi. Die Balkon-Aktion schlief vielerorts zwar wieder ein. Doch im Internet leben die Italiener ihre Liebe für die Musik umso intensiver aus: Ein im Homeoffice vieler Musiker gefertigtes Video des International Opera Choir in Rom mit dem Stück «Va, pensiero» - dem Gefangenenchor aus der Oper «Nabucco» von Verdi - wurde schon Millionen Male angeklickt.

Rentner Hermann kann zwar mit solchen Zahlen nicht prahlen. Der Mann, der daheim im Luftkurort Unterkirnach seine Frau Teresa, eine «Gastarbeiterin», kennenlernte, wird aber auch die nächsten Tage zur Mundharmonika greifen. Seine Pflegerin Tamara hatte ihn anfangs hereingelegt. «Ich habe ihm gesagt, der Beifall gelte ihm. Nun ist Hermann aber so bekannt, dass das inzwischen auch stimmt.»

Veröffentlicht am:
03. 04. 2020
13:27 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
03. 04. 2020
13:27 Uhr



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