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Auf den Spuren des Universalgenies

Er wird weltweit fast wie ein Heiliger verehrt. Nun jährt sich Leonardo da Vincis Todestag zum 500. Mal. Eine Spurensuche.



500. Todestag von Leonardo da Vinci
Auf einer Fläche von 27.000 Quadratmetern hat der Künstler und Landwirt Dario Gambarin ein Porträt von Leonardo da Vinci in ein Feld "gezeichnet".   Foto: Dario Gambarin » zu den Bildern

Er blickt mit letzter Kraft zu König Franz I. hoch. Dieser hat seinen Arm unter den sterbenden Körper von Leonardo da Vinci geschoben, als wolle er ihn stützen. Mehrere Menschen stehen um das Sterbebett herum, darunter auch Batista de Vilanis, sein treuer Diener.

Das großformatige Bild hat der französische Maler François-Guillaume Ménageot gemalt. Es hängt im Schloss von Amboise. In der Stadt an der Loire ist der Universalkünstler Leonardo da Vinci vor 500 Jahren, am 2. Mai 1519, gestorben.

König Franz I. aber, das weiß man heute, war damals gar nicht anwesend, er hielt sich in seiner Residenz in Saint-Germain-en-Laye bei Paris auf. Warum dann diese Darstellung? Ménageot wollte die tiefe Verbundenheit zwischen dem Künstler und dem König darstellen. Der Monarch hatte den über 40 Jahre älteren Maler 1516 nach Amboise kommen lassen. Franz I. war Kunstliebhaber und von Leonardo, dem er auf einer seiner Italien-Reisen begegnet war, fasziniert.

Die Reise auf den Spuren von Leonardo da Vinci, dem Schöpfer der weltberühmten Mona Lisa, der heute als Genie gefeiert wird, beginnt in Vinci, einem kleinen Ort mit einigen Tausend Einwohnern in der Nähe von Florenz. Gleich vor dem Metzgerladen hängt die Mona Lisa. Einige Schritte weiter sieht man an der Wand eine anatomische Studie eines Embryos neben einem Geschäft für Unterhosen, Strümpfe und Büstenhalter. Die lokale Bar heißt «Leonardo», und im Schaufenster eines Haushaltswarengeschäfts steht ein von Kindern gemaltes Bild der Mona Lisa mit dem Verweis «Besser als das Original». «Natürlich sind wir stolz, aus Vinci zu sein», sagt Metzger Francesco.

In diesem Jahr hängen noch mehr Leonardo-Poster an den Häusern, noch mehr Souvenirs stehen in den Läden und noch mehr Leonardo-Ausstellungen sollen Touristen anlocken. Gerade war der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella in Vinci. «Das letzte Mal war ein Präsident 1952 hier, damals war Leonardos 500. Geburtstag», sagt Giancarlo Bernardi. Der 82-Jährige war damals auch schon dabei. Er sei nur ein einfacher Bauer, aber jetzt ist er auch wieder auf den Beinen, um den berühmtesten Sohn der Stadt zu würdigen.

Aus den Uffizien in Florenz wurde das früheste auf Leonardo datierte Werk nach Vinci gebracht. Die Zeichnung namens «8P» zeigt die Landschaft des Flusses Arno. Der windet sich hier durch die toskanischen Hügel, auf denen Olivenbäume und Weinberge stehen. Normalerweise wird die Zeichnung in der Gemäldegalerie in Florenz streng unter Verschluss gehalten. Nun ist sie neben einem Auszug aus dem Testament von Leonardos Onkel und einem Eintrag ins Geburtenregister bis Oktober in dem kleinen Leonardo-Museum in Vinci zu sehen.

Die Zeichnung belegt unter anderem, dass Leonardo sowohl mit links als auch mit rechts zeichnete und malte. Sie zu bekommen, sei «sehr kompliziert» gewesen, erzählt der Kulturstadtrat von Vinci, Paolo Santini. «Wir konkurrieren schließlich mit Museen wie dem Louvre.» Fünf Jahre habe die Organisation gedauert. Nach der Schau in Vinci wird «8P» nach Paris gebracht, wo es neben der Mona Lisa in der großen Leonardo-Schau des Louvre zu sehen sein wird.

Leonardo kam am 15. April 1452 in einem Steinhaus bei Vinci als nichteheliches Kind des Notars Ser Piero und der Magd Caterina zur Welt. Heute kann man das Haus umringt von Olivenbäumen und Rosmarinsträuchern besichtigen, eine kleine Ausstellung gibt es hier auch.

Seine Kindheit verbrachte Leonardo mit seinem Großvater Antonio in Vinci, bevor er zu seinem Vater nach Florenz zog - die Stadt der Dynastie der Medici. Der Aufenthalt sollte wegweisend sein. In Florenz arbeitete er in der Werkstatt bei einem der wichtigsten Renaissance-Künstler, Andrea del Verrocchio. Weil aber Mailand noch mehr Einfluss hatte, ging er 1481 dort an den Hof. Gemälde wie «Das Abendmahl» oder die «Felsgrottenmadonna» entstanden in der Mailänder Zeit.

Doch Leonardo war weit mehr als nur Maler. Er war schier unersättlich, er wollte alles wissen. Er entwarf Kriegsmaschinen genauso wie Wasserkanäle, er studierte den Tier- und Menschenkörper in unzähligen Studien. Er wollte Flugmaschinen, Schiffe und Gebäude bauen. Er kannte keine Grenzen, daher der Name Universalgenie. Er arbeitete für Päpste, Könige und Herzöge. Er war Bildhauer, Tüftler, Architekt, Ingenieur, Designer und Maler in einem. Vieles blieb unvollendet, trotz - oder gerade deshalb? - wird er fast wie ein Heiliger verehrt. Leonardo fasziniert, weil sein Blick stets in die Zukunft gerichtet war.

Leonardo habe eine unermessliche Neugier gehabt, «um Grenzen zu überwinden», sagt Vincis Bürgermeister Giuseppe Torchia. «Leonardo gehört nicht Vinci, er ist Kulturerbe für die ganze Menschheit. Leonardo gehört allen.» Sein Leben und seine letzte Reise nach Frankreich hätten eine europäische Dimension gehabt.

Der französische König Franz I. war nicht der erste, der versucht hat, den Maler, Philosophen und Erfinder nach Frankreich zu holen. Schon Ludwig XII. (1462-1515) soll ihn dazu ermutigt haben. Doch damals hatte Leonardo ausreichend Förderer in Italien, darunter auch die florentinische Herrscherfamilie der Medici. Erst als sein letzter Mäzen gestorben war und die Konkurrenz durch die beiden jüngeren Maler Raffael und Michelangelo immer größer wurde, nahm der mittlerweile ergraute Künstler das Angebot von Franz I. an.

Für beide sei das ein idealer Deal gewesen, sagt Samuel Buchwalder, Mitarbeiter im Schloss von Amboise. «Leonardo hat in dem Angebot einen gesicherten Lebensabend gesehen; der König, der um die schwindende Anerkennung Leonardos in dessen Heimatland wusste, konnte seinen Hof mit einem prestigereichen Namen schmücken.»

Leonardo war 64 Jahre alt, als er mit seinen Schülern Francesco Melzi und Salai sowie seinem treuen Diener Batista de Vilanis in Amboise ankam. In seinem Gepäck hatte er neben zahlreichen Dokumenten und Zeichnungen die Bilder «Johannes der Täufer», «Anna selbdritt» - und die um 1503 entstandene «Mona Lisa», die von König Franz I. erworben wurde und heute der Star im Pariser Louvre ist.

Der junge Regent zeigte sich dem Universalgenie gegenüber sehr großzügig: Er überließ ihm als Domizil das Schloss Clos Lucé, ein herrliches Herrenhaus mit Wehrmauer aus roten Ziegeln und grauen Tuffsteinen unweit des Königsschlosses Amboise. Er zahlte ihm eine Pension und stellte ihm Hauspersonal und einen Gärtner für den großen Park zur Verfügung. Von dort aus hat man auch heute noch einen herrlichen Blick auf das nur knapp einen Kilometer entfernte Schloss Amboise, das als eines der schönsten der Loire gilt.

In Clos Lucé ist Leonardo da Vinci am 2. Mai 1519 in seinem reich verzierten Himmelbett mit roten schweren Veloursvorhängen gestorben. Heute ist aus der letzten Verweilstätte ein Pilgerort geworden, in den jedes Jahr mehr Besucher strömen. Rund 400 000 Menschen besuchten 2018 in Amboise den Alterssitz des Genies.

Neben dem Schlaf- und Sterbezimmer ist dort sein Atelier zu besichtigen. Bis zuletzt tüftelte er an seinen Erfindungen, saß an seinen anatomischen Studien und brütete über Projekten. Für einen Palast in Amboise hatte er sogar noch Pläne entworfen. Seinen Erfindergeist spiegelt das Parterre von Clos Lucé wider: Neben dem Modell eines beweglichen Panzers und einer Flugmaschine schwebt ein Mensch, der an einer Art Fallschirm hängt, denn Leonardo träumte zeitlebens vom Fliegen.

Kurz vor seinem Tod hat Leonardo sein Testament verfasst. Darin bekundete er seinen Willen, im Schloss Amboise bestattet zu werden. König Franz I., der den Künstler auch «meinen Vater» nannte, erfüllte ihm den letzten Willen. Leonardo wurde vier Tage nach seinem Tod in der Stiftskirche Saint-Florentin begraben, inmitten des königlichen Schlosskomplexes. So wie Leonardo es bestimmt hatte, wurde er auf seinem letzten Weg von 60 Männern als Fackelträgern begleitet.

Später wurde das Schloss als Königsresidenz aufgegeben und verfiel. Erst im 19. Jahrhundert begann die Restaurierung. Bei Ausgrabungen im Jahr 1863 entdeckte man ein Grab mit menschlichen Überresten. Heute gehen Forscher davon aus, dass es sich um Leonardos Grab handelte. An der ursprünglichen Grabstelle steht eine Marmorbüste, die Leonardo mit langem Bart zeigt. Die menschlichen Überreste wurden in der kleinen Schlosskapelle Saint Hubert bestattet. Das Grab wirkt erstaunlich schlicht. Nur eine einfache Marmorplatte mit der Inschrift «Leonardo da Vinci» erinnert daran, dass vor 500 Jahren hier ein Universalgenie gestorben ist.

Veröffentlicht am:
30. 04. 2019
16:49 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
30. 04. 2019
16:49 Uhr



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