Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Boulevard

Biermann über Trabi, Benz und rausgehaune Zähne

Mit und ohne Mauer - in der Ost-West-Welt kennt sich Wolf Biermann aus. Aus bewegtem deutsch-deutschen Leben hat er neue Geschichten zusammengetragen. Dabei bleibt mancher Schneidezahn auf der Strecke.



Wolf Biermann
Wolf Biermann hat einen Band mit Novellen vorgelegt.   Foto: Michael Kappeler

Das wäre ein Ritterroman von 7000 Seiten geworden.» Den wollte der wortgewaltige Wolf Biermann dann doch vermeiden. Für viele Geschichten über kleine und große Helden im Leben des deutsch-deutschen Dichters fand der 82-Jährige keinen Platz in seiner drei Jahren alten Autobiografie «Warte nicht auf bessre Zeiten!».

Im nun erschienenen Band «Barbara» erzählt Biermann süffisant und kurzweilig diese «Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten».

«Meine stärkste Schwäche: Wenn ich eine Geschichte schreibe, neige ich dazu, abzuschweifen in Nebengeschichten», sagt Biermann im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Über interessante Nebenfiguren entstehe die Gefahr, immer weiter zu mäandern. «Ich verderbe mir die eigentliche Geschichte, wenn ich zu viele Nebenbegebenheiten einflechte.»

So kam es zu «Barbara». Darin habe er «aufregende Geschichten über außergewöhnliche Menschen festgehalten, berühmte und noch interessanter: unberühmte.» Biermann erzählt also von jenen Menschen um ihn in seiner langen und spannenden Lebensgeschichte, von denen in der Wolf-zentrierten Biografie die eine oder andere Zeile auch vermisst werden konnte.

In «Barbara» geht es dann etwa um den Kohlen-Otto, der verbotenerweise die Briketts zu Biermann «rauf inne Wohnung» liefert, dann aber bei einer Sauftour an den falschen Volkspolizisten geriet und im Steinbruch landet. Da ist die Monika aus dem Hinterhof, die an der Homosexualität ihres Mannes zerbricht. Garance wird von der Stasi gezwungen, sich im Westen des geteilten Berlins als Spionin zu prostituieren. Oder es geht um den Zirkusdirektor und seinen alten Löwen, in dessen Maul Biermanns Sohn Manuel unbedingt seinen Kopf stecken will.

«Ich will, dass grad so tolle Geschichten, in denen ich, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle spiele, nicht mit mir unter den Sargdeckel geraten, sondern zwischen zwei Buchdeckeln weiterleben», sagt Autor Biermann.

Auch seiner für ihn so wichtigen Oma Meume widmet er wieder ein gutes Stück des 288 Seiten umfassenden Buches. Mit Sohn Till klaut Biermann eine Bahnschwelle im Hamburger Karolinenviertel, von wo aus Juden deportiert wurden. Verdutzten Polizisten hält er tags drauf entgegen: «Wir haben diese Schwelle nicht geklaut! sondern verhaftet!» - auch sie habe sich schuldig gemacht «als im November 1941 meine ganze jüdische Familie deportiert wurde».

Biermann verwebt seine Geschichten mit den großen Ereignissen und kleinen Erlebnissen der um ihn tosenden Zeiten. Judenverfolgung, Volkskammersitzung, Mauer, Theater, Schachturnier, Konzerte, alles kann Projektionsfläche für die kleinen Stücke werden. «Eine Sammlung von Novellen ist ja eine elegante Form. Ein Mehrzweck-Sack, in den man allerhand reinschmeißen kann.»

Da passt auch viel deutsche Geschichte rein: der freiwillige Gang in die DDR, die Ausbürgerung 1976 in die BRD, die wiedervereinigte Bundesrepublik. «Es ist ein Alleinstellungsmerkmal meines Werkes, dass ich ein deutsch-deutscher Dichter bin. Ich habe in beiden Systemen gelebt und bin nicht nur als Tourist mal vorbeigekommen, um ein bisschen am Sozialismus zu lecken oder am Kapitalismus. Mein Pfund, mit dem ich wuchern kann, ist, dass ich wirklich in beiden Teilen der geteilten Ost-West-Welt lange genug gelebt habe.»

Natürlich geht es immer wieder auch um Musik, seine Liedtexte und Gedichte. In jeder Geschichte hat Biermann ein Stück seiner Poesie verwoben. Das kann er. Aber wie schwer tut sich der Schreiber mit der erzählenden Form, deren Sätze mitunter ähnlich wortgewaltig und bedeutungsvoll aufgeladen sind? «Es gibt so eine Faustregel», sagt Biermann, «banale Alltags-Prosa ist das Leichteste. Poesie ist sehr viel schwerer. Aber gute Prosa ist noch schwerer.» Das ist seine «Rangordnung der Schwierigkeiten».

Häufig auftauchende Motive sind Frauen, Sex, Liebe. Mal beschreibt sich Biermann als den großen Aufreißer und Weiberheld, wenige Seiten später versagt er im Bett. Für den 82-Jährigen ist das «mein ewiges Thema, sowohl in der Poesie wie auch in der Prosa: Liebespaare in großer politischer Landschaft». Es komme vor, dass sich zwei Menschen küssten, das sei banal. «Wenn aber die Liebenden sich küssen in einem großen politischen Sittenzusammenhang, dann kann so ein Kuss eine Explosion, eine Katastrophe sein.» Dann wird es für Biermann interessant, «dann lohnt es sich, darüber zu erzählen». Nur zwei Menschen in einem Bett langweilten ihn zu Tode. «Aber wenn ich dabei sehen kann, in welcher Welt sie das machen und wie sich das beißt mit den Interessen anderer Menschen, dann lohnt es sich.»

Amüsant kann es werden, wenn sich in Biermanns Novellen die Wege seiner prominenten Freunde unerkannt kreuzen. Etwa Robert Havemann und Manfred Krug, 1966 auf einer Landstraße irgendwo im Brandenburgischen. Der Kommunist und Regimekritiker stur im Trabi, ungeduldig dahinter im früh geerbten West-Mercedes der Schauspieler und Lebemann. Trabifahrer Havemann trotzt lange dem ungeduldig geplanten Überholmanöver von Krugs drängelnder Bonzenkarre.

«Da er sich für den Klügeren hielt, gab er nach», schreibt Biermann über Havemann. Doch aus dem haltenden Mercedes springt «die Silhouette eines riesigen Kerls», reißt die Tür des Trabis auf: «Dann schlug er mit der rechten Rückhand einmal kräftig ins dunkle Innere.» Danach fehlen drei Vorderzähne. Biermann zitiert aus seinem Tagebuch: «Krug erklärte danach, es tue ihm nicht leid, zugeschlagen zu haben, sondern nur, dass es Havemann gewesen war.»

Wolf Biermann: Barbara - Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten, Ullstein Verlag, 288 Seiten, 20 Euro,

ISBN 978-3-5502-0025-0

Veröffentlicht am:
19. 03. 2019
12:46 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Autobiografien Betten Deportationen Deutsche Presseagentur Judenverfolgung Liebespaare Manfred Krug Ministerium für Staatssicherheit Novellen Regimekritiker Robert Havemann Spioninnen und Spione Ullstein Verlag Ungeduld Wolf Biermann Zirkusdirektoren
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Frido Mann

24.07.2020

Frido Mann und die Bücher seines Großvaters

Wer im Schatten eines ganz Großen steht, hat es nicht immer leicht im Leben. Davon kann auch Frido Mann berichten. » mehr

150 Jahre «Masochismus

06.08.2020

Die Geschichte der «Venus im Pelz»

Vor 150 Jahren erschien ein Buch, auf dem der weltbekannte Begriff «Masochismus» beruht. Eine Spurensuche von Wien bis Marbach. » mehr

Wolf Biermann

04.08.2020

Wolf Biermann erhält Ehrendoktorwürde

Die Universität Koblenz-Landau würdigt den Hamburger Lyriker und Liedermacher für seine Verdienste. » mehr

Georg-Büchner-Preis 2019

07.07.2020

Georg-Büchner-Preis 2020: Akademie gibt Preisträger bekannt

Für den Schweizer Dramatiker und Schriftsteller Lukas Bärfuss war der Georg-Büchner-Preis im vergangenen Jahr ein «Engelskuss». Welche Autorin, welcher Autor folgt ihm in diesem Jahr? Das entscheidet sich heute in Darmst... » mehr

Renate Krößner

26.05.2020

Schauspielerin Renate Krößner gestorben

Sie sang um ihr Leben: In «Solo Sunny» spielte Renate Krößner die zerbrechliche, unangepasste Diva, die an der Männergesellschaft scheitert. Jetzt ist Krößner mit 75 Jahren gestorben. » mehr

Lisa Eckhart

12.08.2020

Lisa Eckhart feuert zurück - Ziel: Kaiserin Stasi

Sie ist ein Hingucker - und sie polarisiert. Ein Auftritt von ihr in Hamburg wurde wegen Sicherheitsbedenken zunächst abgesagt. Die Kabarettistin Lisa Eckhart ist - berufsbedingt - nicht zimperlich. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Parking Day in Coburg

Parking Day in Coburg | 18.09.2020 Coburg
» 23 Bilder ansehen

Schaeffler Aktionstag in Eltmann Eltmann

Schaeffler Aktionstag in Eltmann | 16.09.2020 Eltmann
» 7 Bilder ansehen

WG: Totschlags-Prozess Coburg

Gerichtsprozess in Coburg | 14.09.2020 Coburg
» 16 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
19. 03. 2019
12:46 Uhr



^