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«Deutschstunde»: Günter Berg verteidigt Siegfried Lenz

Man darf die «Deutschstunde» von Siegfried Lenz nicht als Schlüsselroman über Emil Nolde lesen: In einem dpa-Interview warnt Günter Berg, Vorstand der Siegfried Lenz Stiftung, vor einem Missverständnis über die Funktion von Literatur.



Siegfried Lenz
Der Schriftsteller Siegfried Lenz (2010).   Foto: Fabian Bimmer

In der Debatte um den Maler Emil Nolde hat der Literaturexperte Günter Berg den Schriftsteller Siegfried Lenz verteidigt.

Die Annahme, Lenz (1926-2014) habe den Maler in seinem 1968 erschienenen Roman «Deutschstunde» einseitig als Opfer eines Malverbots durch die Nazis stilisiert und damit den positiven Blick auf Nolde in der Nachkriegszeit mitgeprägt, beruhe auf einem Missverständnis über die Funktion von Literatur, sagte der frühere Verleger (Suhrkamp, Insel, Hoffmann und Campe) und Vorstand der Siegfried Lenz Stiftung. «Lenz hat mit der «Deutschstunde» keinen Schlüsselroman über Nolde schreiben wollen», betonte Berg.

«Es gibt die Sehnsucht, dass Literatur uns in jedem Detail über die Realität aufklärt. Aber das ist ein wirkliches Missverständnis», sagte Berg. Im Fokus von Lenz habe der Konflikt des Malers mit den Nazis gestanden, und diesen Konflikt habe es ja tatsächlich gegeben - Nolde war wegen seiner expressionistischen Kunst von den Nazis als «entarteter Künstler» verfemt worden.

«Deutschstunde» zählt zu den größten literarischen Erfolgen in Deutschland nach 1945, wurde Pflichtlektüre im Schulunterricht und in viele Sprachen übersetzt. In der Romanfigur des Malers Nansen, gegen den die Nazis ein Malverbot verhängen, war unschwer als Vorbild Nolde zu erkennen. Mittlerweile haben neue wissenschaftliche Auswertungen des Nachlasses von Nolde (1867-1956) die antisemitische Haltung des expressionistischen Malers und seine Nähe zur NS-Ideologie untermauert. Darüber informiert seit kurzem in Berlin die Ausstellung «Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus», die bereits mehr als 10.000 Besucher angezogen hat. Zusätzliche Brisanz erfuhr das Thema dadurch, dass Kanzlerin Angela Merkel zwei Nolde-Bilder aus ihrem Arbeitszimmer abhängen ließ und die Leihgaben nicht zurückhaben möchte.

Berg erklärte, Siegfried Lenz habe über sein literarisches Vorgehen selber gesagt, dass am Anfang ein Thema, ein Konflikt stehe und er dann das Personen-Tableau dazu suche. In der «Deutschstunde» nachträglich eine dokumentarische Wahrheit über die jetzt bekannt gewordenen Verfehlungen Noldes auffinden zu müssen, sei eine Erwartung, die der Roman an keiner Stelle erfüllen könne.

Man könne Lenz vielleicht vorhalten, «dass er Nolde einen Gefallen getan hat, als er diesen Roman schrieb - weil dieser Maler in erster Linie als jemand erscheint, der in einen existenziellen Konflikt mit den Nazis gerät. Das war der Schwerpunkt der Darstellung, das ist ein Thema der "Deutschstunde". Aber man liegt schief, wenn man Lenz vorwirft, dass er in seinem Roman Noldes Antisemitismus und seine Parteigängerschaft mit den Nazis nicht zum Hauptthema gemacht hätte.»

Im übrigen habe es in den 1960er Jahren, als Lenz die «Deutschstunde» schrieb, noch eine andere Einschätzung des Malers gegeben als heute. Lenz habe die Publikationen des Kunsthistorikers Werner Haftmann (1912-1999) über Nolde gekannt und als Quelle für die «Deutschstunde» verwendet, sagte Berg. Er betonte, man könne sehr wohl das künstlerische Werk Noldes losgelöst vom Taktierer Nolde gelten lassen. Das Werk und die Person zu trennen, gelte übrigens für viele Künstler und sei durchaus gängige Praxis.

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19. 04. 2019
12:08 Uhr

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19. 04. 2019
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