Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: CoronavirusVideosCotubeBlitzerwarner

Boulevard

Edgar Hilsenrath mit 92 Jahren gestorben

Das Lachen, das einem im Halse stecken bleibt: Edgar Hilsenrath gehörte zu den letzten Zeitzeugen, die schreibend von den Verbrechen der NS-Zeit erzählten. Er wurde 92 Jahre alt.



Edgar Hilsenrath
Der Schriftsteller Edgar Hilsenrath starb im Alter von 92 Jahren.   Foto: Tim Brakemeier

Als Zwölfjähriger musste er vor den Nazis nach Rumänien fliehen, drei Jahre später wurde er in ein Ghetto in die Ukraine deportiert. Der deutsch-jüdische Schriftsteller Edgar Hilsenrath hat die Grauen der NS-Diktatur nie vergessen, sich aber nicht verbittern lassen.

Einen Tag vor Silvester starb der gebürtige Leipziger mit 92 Jahren in der Eifel an den Folgen einer Lungenentzündung. «Er hat bis zum Schluss gekämpft, aber am Ende reichte dann doch die Kraft nicht mehr», sagte seine Frau Marlene der Deutschen Presse-Agentur.

Mit der Groteske «Der Nazi & der Friseur» hatte Hilsenrath in den 70er Jahren international den großen Durchbruch gefeiert. In den USA, Frankreich und Italien wurden seine Bücher schnell Bestseller, weltweit verkauften sich über fünf Millionen Exemplare. Allein «Der Nazi & der Friseur» ist in mehr als zwei Dutzend Ländern erschienen, in China mit einem Vorwort von Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller.

In Deutschland musste der gebürtige Leipziger damals allerdings erst bei 60 Häusern vorstellig werden, ehe er einen Verlag fand. «Die Shoah aus der Sicht eines Täters zu erzählen, war sehr kontrovers», sagte Hilsenrath der dpa in einem Interview zu seinem 85. Geburtstag. «Die Deutschen wollten keine Groteske über den Holocaust, da hatten sie Gewissensbisse.» Inzwischen gibt es zahlreiche Ausgaben, immer wieder kommt der Roman auch als Stück auf die Bühne.

Erstmals auf sich aufmerksam gemacht hatte der Sohn eines jüdischen Kaufmanns mit seinem Debütroman «Nacht» (1954). Erschütternd erzählt er aus seiner Zeit mit der Familie im Ghetto in der Ukraine - ein erbarmungsloser Bericht über den Überlebenskampf «Verlorener» in einer Endstation für deportierte Juden.

Nach der Befreiung durch die Rote Armee schlug sich der damals 18-Jährige zunächst bis Bukarest und schließlich nach Israel durch. Doch das Land blieb ihm fremd. Nach einer Zwischenstation in Frankreich landete er 1951 schließlich in den USA, wo er sich anfangs als Kellner, Bürobote und Nachtportier über Wasser hielt.

Erst 1975 entschloss sich der Autor zu einer Rückkehr ins Land der Täter. «In Amerika war ich auf verlorenem Posten mit der deutschen Sprache», sagte er. Doch bei der deutschen Kritik sorgte die Trauerarbeit des Zeitzeugen mit ihrer ungewohnten Mischung aus nacktem Grauen und schwarzem Humor lange für Unverständnis. Angesichts von sechs Millionen ermordeten Juden erschienen seine überwiegend im Dialog verfassten Erzählungen manchem als Tabubruch.

Zum Erfolg von «Der Nazi & der Friseur» trug 1977 entscheidend Heinrich Böll bei, der in einer Besprechung für die «Zeit» die verstörende Sprache als «düstere und stille Poesie» lobte. In der Slapstick-Satire geht es um einen SS-Mörder, der nach Kriegsende die Identität eines seiner Opfer annimmt. Für sein späteres Werk «Das Märchen vom letzten Gedanken», das sich mit den Gräueltaten an den Armeniern in der Türkei auseinandersetzt, erhielt Hilsenrath 1989 den Alfred-Döblin-Preis.

Seine wohl letzte Auszeichnung war 2016 der Hilde-Domin-Preis der Stadt Heidelberg. Sein Lebenswerk verleihe der Erfahrung von Exil «in literarisch einzigartiger, kühner Weise Ausdruck», hieß es in der Begründung der Jury. «Der Ort seines Erzählens ist das Lachen, das einem im Halse stecken bleibt - zwischen Zynismus, Trauer und Selbstbehauptung.»

Durch Schlaganfälle und Diabetes gesundheitlich angeschlagen, aber hellwach, lebte Hilsenrath lange in Berlin. Später zog er in die Eifel, wo sich seine zweite Frau Marlene (63) bei den Linken engagiert. Sie war dabei, als er in der Nacht vor Silvester im Krankenhaus im rheinland-pfälzischen Wittlich starb.

«Ich gehöre zu den wenigen Juden meiner Generation, die ohne Gram und ohne Hassgefühle in Deutschland leben», hatte er in dem Geburtstagsinterview nicht ohne Stolz gesagt. «Das ist wirklich mein Zuhause.»

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
01. 01. 2019
12:50 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Das dritte Reich Deportationen Deutsche Presseagentur Edgar Hilsenrath Friseure Gettos Gewissensbisse Heinrich Heinrich Böll Herta Müller Juden Nobelpreisträger für Literatur Personen aus Armenien Rote Armee Silvester Trauerarbeit
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Günter Kunert

22.09.2019

Günter Kunert im Alter von 90 Jahren gestorben

Günter Kunert, einer der großen Dichter der Gegenwart, ist tot. Sein Leben berührte viele Epochen - von der Weimarer Republik über die Nazizeit, die DDR bis zum wiedervereinigten Deutschland. Traumata haben den Dichter b... » mehr

Hans-Christian Oeser

06.04.2020

Hans-Christian Oeser erhält Übersetzer-Preis

Übersetzer arbeiten im Hintergrund. Der Straelener Übersetzerpreis würdigt ihre Tätigkeit. Der diesjährige Preisträger Hans-Christian Oeser übersetzt aus dem Englischen, von Ian McEwan bis Mark Twain. » mehr

Gal Gadot

12.10.2019

Gal Gadot dreht Holocaust-Drama

Als Schauspielerin ist Gal Gadot sehr erfolgreich. Künftig will die 34-Jährige aber auch Filme produzieren. Als Erstes nimmt sie sich die Geschichte einer polnische Widerstandskämpferin vor. » mehr

Iris Berben

27.04.2019

Iris Berben engagiert sich für Musikdrama über NS-Zeit

Iris Berben ist vor allem als Schauspielerin bekannt. Derzeit betätigt sie sich aber auch als Schirmherrin eines ungewöhnlichen Musikdramas. Es geht um ein Thema, das die Darstellerin seit mehreren Jahrzehnten beschäftig... » mehr

Rolf Hochhuth

14.05.2020

Dramatiker Rolf Hochhuth mit 89 Jahren gestorben

Er galt als einer der wichtigsten deutschen Theaterautoren: Nun ist Rolf Hochhuth im Alter von 89 Jahren gestorben. In seinem Leben hat er viele Kontroversen ausgetragen. » mehr

Lit.Cologne

10.03.2020

Lit.Cologne wegen Coronavirus abgesagt

Nun also doch: Das größte Literaturfestival Europas findet wegen der Corona-Epidemie nicht statt. Am Tag der geplanten Eröffnung wurde die Lit.Cologne abgesagt - auf Empfehlung der Kölner Oberbürgermeisterin. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Segelflieger muss notlanden Coburg

Segelflieger muss notlanden | 01.06.2020 Coburg
» 21 Bilder ansehen

Corona: AfD-Demo und Gegendemo in Coburg

Corona: AfD-Demo und Gegendemo in Coburg | 30.05.2020 Coburg
» 11 Bilder ansehen

Demo in Coburg

Anwohner-Demo in Coburg | 30.05.2020 Coburg
» 9 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
01. 01. 2019
12:50 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.