Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Boulevard

«Eine Frau mit Haltung» - Wibke Bruhns ist gestorben

Wibke Bruhns war eine Pionierin im Fernsehjournalismus, die Mediengeschichte geschrieben hat. Dabei bezeichnete sich die erste Nachrichtensprecherin im bundesdeutschen TV selbst als «maulfaul».



Wibke Bruhns gestorben
Die damalige ZDF-Nachrichtenmoderatorin Wibke Bruhns.   Foto: Renate Schäfer/ZDF

Damals war so etwas noch eine Sensation: Am 12. Mai 1971 trat Wibke Bruhns in der «heute»-Spätausgabe vor die Kamera. Erstmals präsentierte eine Frau die Nachrichten in dem von Männern dominierten bundesdeutschen Fernsehen.

Zwei Jahre blieb die Journalistin beim ZDF und beendete damit ein «schwachsinniges» Männermonopol, wie sie es später nannte. Ihren Nachfolgerinnen ebnete sie damit den Weg. Sie war erfolgreich im Fernsehen und als Bestsellerautorin. Wibke Bruhns, die deutsche Fernsehgeschichte schrieb, ist am Donnerstag im Alter von 80 Jahren gestorben, wie das ZDF am Freitag in Mainz mitteilte.

«Hundsmiserabel» sei der Job als TV-Sprecherin bezahlt gewesen, erinnerte sie sich später. Auch habe es ihr nicht gelegen, Texte anderer Leute vorzulesen. Auf die gesicherte Zukunft bei einem öffentlich-rechtlichen Sender pfiff sie: «Ich wollte größere Schritte machen.»

Auflehnung gegen Autoritäten gehörte für die 1938 in Halberstadt geborene Bruhns zu den prägenden Lebenserfahrungen - und zur Familiengeschichte. Ihr Vater, der Kaufmann Hans Georg Klamroth aus Halberstadt, war nach dem Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 als Mitglied des Widerstandes gegen die Nationalsozialisten hingerichtet worden.

Bruhns' Mutter Else musste fünf Kinder allein großziehen. 1949 trat sie in den diplomatischen Dienst ein, Tochter Wibke wuchs in Internaten auf, lebte in Stockholm, Berlin und London. Die Familiengeschichte sei lange eine «offene Rechnung» gewesen, sagte Bruhns einmal. 2004 veröffentlichte sie ihre Geschichte im Buch «Meines Vaters Land», das zum Bestseller wurde.

Immer wieder eckte sie an. «Wibke Bruhns war eine Frau mit Haltung und dem Mut einer Pionierin», sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey. Ihr Volontariat bei der «Bild»-Zeitung brach sie nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 aus politischen Gründen ab. Sie wechselte zum Fernsehen, zunächst zum Norddeutschen Rundfunk (NDR) nach Hamburg, dann zum ZDF und schrieb für «Die Zeit». Die Mitarbeit an der Sozialdemokratischen Wählerinitiative zur Bundestagswahl 1972 verärgerte die CDU, die ihre Verbannung vom Bildschirm forderte.

Sie habe Willy Brandt aus «purem Egoismus» gewählt, berichtete Bruhns. Er sei der einzige Politiker gewesen, mit dessen Biografie sie einverstanden gewesen sei. Den früheren Hitler-Gegner und Exilpolitiker habe sie aber auch als «lästig» empfunden, weil man so gar nichts von ihm habe erfahren können. In der Zeit sei es gang und gäbe gewesen, sich nicht nur über Politisches auszutauschen. «Bei Willy Brandt lief ich gegen die Wand.»

Mit einem hartnäckigen Gerücht räumte sie in ihrem Buch «Nachrichtenzeit» auf: Mit Brandt sei nie was gewesen, auch nicht nachts zu zweit in der Hotelsuite des Kanzlers auf Israel-Besuch 1973. «Er sprach und sprach», schreibt sie. Alles sei damals «unter drei» gewesen, also nicht zur Verwendung frei.

Nach 380 Nachrichtensendungen ging Bruhns 1973 zum Westdeutschen Rundfunk (WDR). Dort produzierte sie Beiträge für das politische Magazin «Panorama», deckte soziale Missstände auf oder dokumentierte den «schönen Schein der Ware». Die «Bunte» kürte sie zur «Jeanne d'Arc der 68er».

Für den «Stern» ging die Reporterin 1979 als Nahost-Korrespondentin nach Israel, schrieb das viel gelobte Buch «Mein Jerusalem». Von 1984 bis 1988 berichtete sie für das Hamburger Magazin aus Washington. Eine «Geo»-Reportage über das Vietnam-Denkmal in der US-Hauptstadt brachte ihr den renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis ein.

Nach einem Ausflug zum Privatsender Vox, wo sie wieder Nachrichten präsentierte, wurde Bruhns 1995 Leiterin der Kulturredaktion beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB). Im Februar 2000 wurde sie Sprecherin der Expo 2000 in Hannover und nach der Weltausstellung wieder freie Autorin. Eine Rückkehr zum Fernsehen lehnte sie ab: «Da sitzen zu viele Tattergreise», sagte die Journalistin, die schließlich viele Jahre in Berlin lebte.

Sie habe es immer «sehr genossen», sich zum Schreiben zurückzuziehen. «Je älter ich werde, desto lieber habe ich das», sagte sie vor einigen Jahren. «Man soll es nicht glauben, aber ich bin maulfaul.»

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
21. 06. 2019
15:01 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Adolf Hitler Bestseller Bestsellerautoren CDU Fernsehen Mediengeschichte Nachrichtensendungen Nachrichtensprecher Norddeutscher Rundfunk Panorama Peter Frey Private Fernsehsender Rundfunk SPD Westdeutscher Rundfunk Willy Brandt ZDF ZDF-Chefredakteure
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Wilhelm Wieben

13.06.2019

Ehemaliger «Tagesschau»-Sprecher Wilhelm Wieben gestorben

Er gehörte einst zu den bekanntesten TV-Gesichtern Deutschlands: Wilhelm Wieben war mehr als ein Vierteljahrhundert lang Sprecher der «Tagesschau». Im Alter von 84 Jahren ist er gestorben. » mehr

Volker Herres

27.11.2019

ARD-Mediathek mit mehr exklusiven Angeboten

Immer mehr Streaming-Anbieter drängen auf den Markt. Wie gehen die klassischen TV-Sender damit um? Die ARD setzt jetzt auf ihre Mediathek und plant Veränderungen. » mehr

Sascha Hehn & Florian Silbereisen

09.10.2019

Sascha Hehn: «Traumschiff» war «Fließbandarbeit»

Keiner sprang so formvollendet ins Cabrio wie er: Sascha Hehn galt jahrelang als Berufs-Junggebliebener im deutschen Fernsehen. Jetzt wird er 65 - und bereut nichts. » mehr

ARD-Talkshow «hart aber fair»

09.07.2019

Polit-Talkshows in der Diskussion

Kritik an Talksendungen ist so alt wie das Format selbst. Aber kurz vor der Sommerpause gab es noch einmal etwas heftigere Diskussionen - vor allem über den Umgang mit der AfD. » mehr

Jürgen Domian

09.11.2019

Krankheiten und Peitschen-Sex: Domians Talkshow gestartet

Viele Tausend Menschen haben Jürgen Domian bis 2016 mehr oder weniger im Schutz der Anonymität ihr Herz ausgeschüttet. Jetzt setzen sich seine Gäste vor eine TV-Kamera. Deftig zur Sache geht es dennoch. » mehr

Germany's next Topmodel

18.06.2019

TV-Saison: Von Kapitän Silbereisen bis Klum-Scham

Die TV-Saison 2018/19 ist vorbei, die Sommerpause startet. Was von September bis jetzt im Juni so los war beim Bewegtbild - ein Überblick von «Traumschiff» bis «Germany's Next Topmodel». » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Frankenwald-Advent in Nordhalben

Frankenwald-Advent in Nordhalben | 04.12.2019 Nordhalben
» 18 Bilder ansehen

Weihnachtsmarkt in Mitwitz

Weihnachtsmarkt in Mitwitz | 30.11.2019 Mitwitz
» 33 Bilder ansehen

Krippenausstellung in Kronach

Krippenausstellung in Kronach | 01.12.2019 Kronach
» 19 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
21. 06. 2019
15:01 Uhr



^