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Gedimmter Zorn - Die neue Ruhe der Alanis Morissette

«Jagged Little Pill» machte sie weltberühmt. Jahrzehnte vor der «MeToo»-Bewegung gab Alanis Morissette zornigen Frauen eine Stimme. Auf ihrem neuen Album ist die Rage noch da. Aber subtiler.



Alanis Morissette
Schmerz, Trennung, Ausbeutung, Frauenfeindlichkeit, männlicher Narzissmus - das sind die Themen von Alanis Morissette.   Foto: Sven Hoppe/dpa

Sie stand einst für eine neue Generation der weiblichen Empörung. Vor einem Vierteljahrhundert gelang Alanis Morissette im Alter von 21 Jahren mit «Jagged Little Pill» der Durchbruch.

Mit dem Megahit «Ironic» wurde sie schlagartig zum Weltstar. Songs wie «You Oughta Know» prägten das Bild der «angry young woman». «Als ich eine junge Frau war, wurde mir weder erlaubt, traurig zu sein noch zornig oder ängstlich», sagte die Kanadierin, die mittlerweile auch US-Bürgerin ist, jüngst in einem Interview. Diese Gefühle habe sie über ihre Musik zum Ausdruck gebracht.

Jetzt hat die inzwischen 46 Jahre alte Dreifachmutter mit «Such Pretty Forks In The Road» ihr neuntes Studioalbum veröffentlicht - das erste seit acht Jahren.

Mit dem Einstieg «Smiling» knüpft Morissette gleich mal unverhohlen bei «Uninvited» an, ihren bombastbeladenen Soundtrack-Beitrag zum 1998er Film «Stadt der Engel». Sowieso strotzt die neue Platte vor Balladen, die es zum Teil mächtig in sich haben. Im anfangs düsteren «Nemesis» zum Beispiel wächst im Hintergrund ein Disco-Beat heran, der das Sechs-Minuten-Stück wie im Vorbeigehen zum Brett macht.

Erste Wahl sind weiterhin Gitarre und Klavier. Der Stil ist zwar nicht mehr so grob wie am Anfang ihrer Karriere, die Themen aber sind über 25 Jahre die gleichen geblieben: Schmerz, Trennung, Ausbeutung, Frauenfeindlichkeit, männlicher Narzissmus. Morissette kann so als eine der Vorläuferinnen der «MeToo»-Bewegung gesehen werden.

In der Single «Reasons I Drink» thematisiert sie mit weicher Instrumentierung, aber umso druckvollerer Rohheit verschiedene Süchte: Essen, Alkohol, Geldausgeben. «Ich bin im Freudentaumel und fühle so starken Trost», singt sie. Im Video spielt Morissette vier verschiedene Charaktere - wie schon im Clip zu «Ironic». Auch das Outfit von damals trägt sie wieder: Wollmütze und Schal.

Im Gespräch mit dem britischen «Guardian» nennt die Sängerin, die mit ihrer Familie in der Nähe von San Francisco lebt, ihre eigenen Abhängigkeiten: Arbeit, Liebe, Essen. Nach der Geburt ihres Sohnes im vergangenen August habe sie mit einer Wochenbettdepression zu kämpfen gehabt. «Wenn ich nicht mein ganzes Leben lang ein ganzes Team von Therapeuten gehabt hätte, wäre ich wohl nicht mehr hier.» Songs zu schreiben habe ihr geholfen, das Unterbewusste herauszulassen.

Nach dem Album «Jagged Little Pill», das bis heute mehr als 30 Millionen Mal verkauft wurde, hatte die Musikerin mit dem Ruhm zu kämpfen. Damals zerrten Medien und Fans an ihr, die Privatsphäre ging verloren. «Ich stand unter Beobachtung.»

Auf dem Nachfolger «Supposed Former Infatuation Junkie» mit dem Hit «Thank U» - entstanden nach einem spirituellen Trip nach Indien - ging Morissette 1998 ein stilistisches Wagnis ein. So entstand ihre sperrigste, aber bis heute beste Platte.

Zwar schafften es drei ihrer Alben an die Spitze der deutschen Charts, doch nach ihrer letzten großen Single «Hands Clean» von 2001 wurde sie immer beliebiger. Der Tiefpunkt war erreicht, als sie mit «Crazy» einen Song von Seal coverte. Das bislang letzte Album «Havoc And Bright Lights» kletterte 2012 aber immerhin wieder auf Platz zwei.

Anfang des Jahres spielte die siebenfache Grammy-Gewinnerin einige Unplugged-Konzerte anlässlich des «Jagged Little Pill»-Jubiläums. Dabei arrangierte sie überraschend reizend ihre frühe Wut in leisen Tönen. Eigentlich sollte kurz darauf das neue Album erscheinen, doch die weltweite Corona-Krise wirbelte den Zeitplan durcheinander.

Nun ist die «Such Pretty Forks In The Road» also da. Auch wenn die Platte punktuell Schwächen hat, ist sie vielleicht Morissettes beste seit mehr als 20 Jahren. Druck lässt sie sich nicht mehr machen. «Wenn mein Wert davon abhängt, wie relevant ich in der Popkultur des Zeitgeistes bin, ist das ein Rezept für eine Katastrophe», sagte sie dem «Guardian». «Diese Achterbahn nehme ich nicht.» Klingt so, als sei die Sängerin mit sich und ihrer Musik im Reinen.

© dpa-infocom, dpa:200728-99-954961/3

Veröffentlicht am:
31. 07. 2020
12:56 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
31. 07. 2020
12:56 Uhr



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