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Höhenflüge und Scheitern: Safranski über Hölderlin

Er träumte von der Freiheit und lebte doch beschränkt in einem engen Land. Dem Dichter Friedrich Hölderlin war zuletzt auf Erden nicht zu helfen. Rüdiger Safranski erzählt sein Leben.



Rüdiger Safranski
Rüdiger Safranski macht sich auf die Spuren von Hölderlin.   Foto: Patrick Seeger/dpa

Zu Lebzeiten galt er als Außenseiter, seine Werke wurden kaum rezipiert. Friedrich Hölderlin (1770-1843), der große Unbekannte der deutschen Literatur, ist mittlerweile zu einer fernen Figur geworden.

Die meisten dürften lediglich noch ein paar Verse des Schwaben im Ohr haben: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch», oder die Sentenz «Was bleibet aber, stiften die Dichter», die Schlusszeile aus dem späten Gedicht «Andenken».

Sein ambitionierter philosophischer Briefroman «Hyperion» ist, ganz anders als Goethes «Werther», aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden, und Hölderlins einziges Drama «Der Tod des Empedokles» kennen auch höchstens noch einige Germanisten.

Am 20. März 2020 jährt sich Hölderlins Geburtstag zum 250. Mal. Aus diesen Anlass legt der Philosoph und Essayist Rüdiger Safranski eine neue, lesenswerte Biografie des Poeten vor, die sich nicht als reine Lebensbeschreibung versteht, sondern das geistig-philosophische Umfeld beleuchtet und auch etliche Werke interpretiert - ganz ähnlich wie in den großen Monografien zu Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe.

Hölderlin selbst sah sich als «Dichter in dürftiger Zeit». Früh verlor er Vater und Stiefvater, die Beziehung zur frommen Mutter war innig, aber bis ins Erwachsenenalter belastet von der Weigerung des Sohnes, Pfarrer zu werden. Das geistliche Amt bot materielle Sicherheit, auf dem Tübinger Stift wurde der Student darauf vorbereitet. Aber Hölderlin hatte anderes im Sinn. Er gründete einen Freundschaftsbund mit seinen Zimmergenossen Hegel und dem frühreifen, hochbegabten Schelling. Sie waren entflammt von den Ideen der Französischen Revolution und verfassten gemeinsam das «älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus», aber die Philosophie konnte den aufstrebenden Poeten nicht ernähren.

So blieben ihm nur wechselnde Anstellungen als Hofmeister bei wohlhabenden Familien, wo der hochgebildete, sensible Hölderlin für die Erziehung der Kinder zuständig war, aber letztlich zu den Dienstboten gezählt wurde. In dieser Funktion lernte er 1795 seine große Liebe Susette Gontard kennen, die Frau eines Frankfurter Bankiers. Da hatten sich zwei verwandte Seelen gefunden, aber die jahrelange Beziehung musste geheim bleiben, und war letztlich zum Scheitern verurteilt. Hölderlin blieb nur das Reich der Poesie, als Diotima taucht seine 1802 gestorbene Geliebte in vielen Gedichten wieder auf.

Kenntnisreich entfaltet Safranski die prekäre Lebenssituation Hölderlins, der bis zu seinem endgültigen geistigen Zusammenbruch immer auch glückliche und hochproduktive Zeiten im Kreise von Freunden und Gönnern erleben durfte. Nach 1800 entstanden die großen Oden und Elegien wie «Brot und Wein», «Andenken» oder «Patmos» und die «Vaterländischen Gesänge», die später fälschlicherweise den Ruf Hölderlins als völkischer Nationaldichter begründen sollten. Aber dieser Autor lässt sich nicht vereinnahmen: zu autonom sind seine Gedichte, weit entfernt von naiver Erlebnislyrik, hochkomplexe Gebilde, die sich selten auf eine Aussage reduzieren lassen. Die späte Lyrik Hölderlins hat Generationen von Interpreten beschäftigt, die Rezeptionsgeschichte kommt bei Safranski im letzten Kapitel etwas kurz.

«Das Leben als Kunstwerk», so lautete der Untertitel von Safranskis Goethe-Biografie. Im Falle Hölderlins könnte man vom Leben als Bruchstück oder Fragment sprechen. Immer wieder muss der Dichter weiterziehen, am Ende scheint er sich entziehen zu wollen. Im Winter 1801 geht er zu Fuß von Stuttgart nach Bordeaux, um erneut eine Hauslehrerstelle anzutreten. Einige Monate später ist er wieder in Schwaben, hat aber, im Gegensatz zu Schiller, das Meer mit eigenen Augen gesehen.

Aber sein Glück ist aufgebraucht: Im Mai 1807 bezieht der als unheilbar aus der Klink Entlassene das Turmzimmer beim Schreinermeister Zimmer in Tübingen, wo er 36 Jahre lang bis zu seinem Tod wohnt. «Hälfte des Lebens» heißt eines der bekanntesten Gedichte Hölderlins: zwei Strophen, vierzehn Zeilen, erst üppige Natur, dann Winter und Kälte: «Die Mauern stehn sprachlos und kalt/ im Winde klirren die Fahnen».

Rüdiger Safranski, Hölderlin, Hanser Verlag München 2019, 336 S., 28 Euro, ISBN 978-3-446-26408-3

Veröffentlicht am:
12. 11. 2019
14:55 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
12. 11. 2019
14:55 Uhr



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