Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Boulevard

Kolonialismustheater im Elefantenhaus

Geld und Kunst, Frau und Mann, Europa und Afrika: In «Der sechste Kontinent» geht es um Machtverhältnisse und koloniales Denken. Die Uraufführung der szenischen Installation war an einer ungewöhnlichen Spielstätte. Elefanten mussten dafür weichen.



«Der sechste Kontinent»
Zuschauer verfolgen die Generalprobe zur Uraufführung der szenischen Installation «Der sechste Kontinent» im Elefantenhaus des Zoos.   Foto: Silas Stein

Es riecht noch nach Elefant bei der Spielzeiteröffnung des Theaters und Orchesters Heidelberg. Wo jetzt das Publikum auf Stühlen sitzt, die im Abstand von einigen Metern im Sand stehen, leben eigentlich die Elefantenbullen Tarak, Yadanar und Ludwig.

Hier, in der künstlich-indischen Flusslandschaft des Elefantenhauses im Heidelberger Zoo, ist am Freitagabend die szenische Installation «Der sechste Kontinent» uraufgeführt worden.

So ein Ort lade ein, über Grenzen nachzudenken zwischen jemandem, der zuschaut, und jemandem, der angeschaut wird, sagt die Dramaturgin Maria Schneider. Solche Beziehungen mit einem Machtgefälle werden verhandelt in dem Stück: zwischen Zuschauer und Angestarrten, Frau und Mann, Geld und Kunst, Tier und Mensch, Europa und Afrika.

Im Mittelpunkt der Aufführung stehen zwei Frauen: eine Performancekünstlerin und eine Tropenforscherin aus dem frühen 20. Jahrhundert. Momentaufnahmen ihrer Geschichten werden in dem Tiergehege gleichzeitig erzählt: Das Publikum ist mit Kopfhörern ausgestattet und folgt in zwei Gruppen nacheinander den Szenen. Dabei stehen sie einmal vor dem Elektrozaun, einmal sitzen sie im Gehege: Zuschauer und Angestarrte. «Dieser Perspektivwechsel hat mir total gefallen», sagt die Zuschauerin Steffi Beinert nach der Aufführung.

Die beiden Frauen versuchen, Kunst und Wissenschaft zu verteidigen gegen ihre männlichen Geldgeber, schmierige Kerle «von der Bank» und von einer «Prüfungskommission». Dabei betrachten sie den afrikanischen Kontinent ihrerseits durch eine eurozentrische Brille, begegnen ihm mit rassistischen Stereotypen und ordnen ihn brutal und egoistisch ihren eigenen Interessen unter. «Das feige Pack ist aus dem Wald entschwunden, um sich der Forschung zu entziehen», schimpft die Tropenforscherin, die mit Arsen-Experimenten Erkenntnisse für die - europäische - Medizin gewinnen will.

Und auch die Performancekünstlerin in der Gegenwart taugt nicht zur Hoffnungsträgerin. Sie hat sich Hals über Kopf verloren in einem perversen Kunstprojekt zum «Schwerpunkt Afrika»: Mit einer «beispiellosen Summe» von einer Bank ausgestattet will sie das Heidelberger Elefantenhaus zuschütten mit Erde aus einer ebenso großen Grube in «Afrika». In «Der sechste Kontinent» gebe es einen «durchaus selbstironischen Blick auf den Kunstbetrieb», sagt Regisseur Bernhard Mikeska vom Kollektiv Raum+Zeit, das für die Produktion mit dem Theater zusammengearbeitet hat.

Denn das Stück setzt sich nicht nur mit Machtverhältnissen und Kolonialisierung auseinander, sondern auch mit der Schwierigkeit, Kunst darüber zu machen. «Es ist ein Konflikt, der heute sehr schnell vermint ist, der sehr schnell an Punkte geht, wo man sich fragt, wie man eigentlich darüber spricht. Und das ist für Theater total interessant», sagt Schneider. «Da ist so viel Sprengstoff drin, dass Theater - dessen Grundwährung ja der Konflikt ist - sich ganz wohl fühlt in der Auseinandersetzung damit.» Pädagogisch wolle man sich aber nicht verhalten, sagt Schneider. «Ich glaube, wir müssen ein bisschen darüber nachdenken», sagt Zuschauerin Steffi Beinert über das Stück.

Und die drei Elefantenbullen Tarak, Yadanar und Ludwig? Die mussten - vom Menschen vertrieben - während der Aufführung für ein paar Stunden in ihr Außengehege ausweichen. «Wir haben sehr flexible Elefanten», sagt der Tierpfleger Tobias Kremer. Am Anfang der Probenzeit hätten sie zwar noch gestaunt: «Ups! Da gibt's ja ne Veränderung!» Sie hätten sich aber schnell umgewöhnt: «Alles klar: Veränderung ist gar nicht so schlimm.»

Veröffentlicht am:
21. 09. 2019
11:01 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Dramaturginnen und Dramaturgen Geld Geldgeber Kolonialisierung Kolonialismus Kontinente Maria Schneider Performancekünstler Performances Tiere und Tierwelt Tierpfleger
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Ältestes Nashorn Deutschlands

04.10.2019

Deutschlands ältestes Nashorn wird 50

Natala ist schon viel rumgekommen in Deutschland. In Dortmund verbringt die betagte Nashorn-Dame ihren Lebensabend. Am Freitag feierte der Zoo ihren 50. Geburtstag. » mehr

Schwule Pinguine

28.06.2019

Londoner Zoo klärt über homosexuelle Tiere auf

Am 6. Juli steigt in London die Pride-Parade. Ein guter Anlass für den Zoo, um über Homosexualität im Tierreich aufzuklären. » mehr

Ausstellung "Durch Mauern gehen"

11.09.2019

Das Gefühl von Trennung: Gropius Bau schaut auf Mauern

Emotional in die Erfahrung des Getrenntseins eintauchen: Die Schau in Berlin zeigt Arbeiten von 28 Künstlern, etwa Installationen, Gemälde oder auch Videokunst. » mehr

Lukas Bärfuss

02.11.2019

Georg-Büchner-Preis an Lukas Bärfuss verliehen

Der Dramatiker Lukas Bärfuss warnt vor dem Vergessen. Es sei wichtig, an Nazi-Diktatur und Holocaust zu erinnern. Für sein Werk hat der 47-Jährige den Georg-Büchner-Preis bekommen. » mehr

Rückgabe afrikanischer Kunst

26.08.2019

Kolonialismus-Debatte: Große Töne und nichts dahinter?

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron hat 2017 die Rückgabe von Kolonialkunst versprochen. Damit hat er auch andere Länder unter Druck gesetzt. In Frankreich ist jedoch nur wenig passiert. » mehr

Prinzessin Diana

23.09.2019

Prinz Harry unterwegs auf Dianas Spuren

Mit dem kleinen Archie im Schlepptau begibt sich das britische Traumpaar Harry und Meghan auf die erste gemeinsame Afrikareise. Für Prinz Harry dürfte es hochemotional werden. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Coburger Weihnachtsbaum 2019

Anlieferung Coburger Weihnachtsbaum | 18.11.2019 Coburg
» 19 Bilder ansehen

BBC Coburg - Gießen 46ers Rackelos 101:78 (58:34) Coburg

BBC Coburg - Gießen 46ers Rackelos 101:78 (58:34) | 17.11.2019 Coburg
» 46 Bilder ansehen

Rathaussturm in Steinberg Steinberg

Rathaussturm in Steinberg | 16.11.2019 Steinberg
» 8 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
21. 09. 2019
11:01 Uhr



^