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Kriegt der Kuss die Krise? 

«Küssen verboten» sangen schon 1992 Die Prinzen. Für alle, die nicht zusammen leben, gilt das auch jetzt. Begrüßungsküsschen und Zungenkuss lassen sich mit Abstandsregeln einfach nicht vereinbaren. Da äußert sich mancherorts sogar die Politik.



Kriegt der Kuss die Krise?
Geht nicht mehr: Präsident Emmanuel Macron begrüßte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Elyseepalast 2018 mit Wangenküsschen.   Foto: Thibault Camus/AP/dpa

Wenn die Angst vor Tröpfchen umgeht, erlebt auch der Kuss eine Flaute. Vom Luftküsschen zur Begrüßung bis zum leidenschaftlichen Zungenkuss, in Zeiten von Abstand und Schutzmasken ist daran nicht zu denken - zumindest unter denen, die nicht zusammen leben.

Dabei bemerken viele vielleicht erst jetzt, wie sehr ihnen diese Form der Nähe fehlt. Andere können gut und gern auf Schmatzer verzichten. Und so manchem wird jetzt erst klar: So richtig hygienisch ist der Kuss an sich nicht. Wird man jemals wieder unbeschwert jemanden küssen, den man noch nicht allzu gut kennt? Und werden sich die Menschen überhaupt wieder mit Küsschen auf die Wange begrüßen? Kurzum: Hat der Kuss ein Image-Problem?

In Italien - dem Land der «Baci» - riet schon Anfang März der wissenschaftliche Beraterstab der Regierung den Bürgern wegen der Corona-Ausbreitung auf die traditionellen Begrüßungsküsschen zu verzichten. Nachdem die Maßnahmen wieder ein wenig gelockert wurden und die Menschen mittlerweile wieder aus dem Haus und Familienangehörige treffen dürfen, wurden auch wieder sich heimlich küssende Pärchen gesichtet. Das wollen auch die Österreicher verhindern: Kurz vor der Öffnung der Gastronomie dort stellte Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) in einem Interview klar, dass Küssen in der Öffentlichkeit gegen die bestehenden Regeln verstoße.

Könnte es konkrete Kuss-Empfehlungen auch in Deutschland geben? Das Robert Koch-Institut verweist auf die Regel, weiterhin mindestens 1,5 Meter Abstand von anderen Menschen zu halten und in bestimmten Situationen zusätzlich eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. «Schon vom Händeschütteln wird abgeraten», heißt es auf Anfrage. An Küsschen und Co ist nicht zu denken.

Heike Melzer, Fachärztin für Neurologie und Sexualtherapeutin in München, sieht darin aber auch Chancen für andere Begrüßungsrituale. Küsschen, Handschlag, Umarmung, Verbeugung - das alles seien kulturell ritualisierte Formen der Kontaktaufnahme, um seinem Gegenüber zu signalisieren: «Ich sehe dich, ich wertschätze dich, ich mag dich, ich komme in friedlicher Mission.» Ein hygienisches Problem sei das - außerhalb der Pandemie - übrigens eher nicht. Innige Umarmungen und Küsschen könnten eher dazu beitragen, die Immunabwehr zu stärken.

Dennoch: In anderen Kulturen funktioniert die Begrüßung ohne Berührung - auch hierzulande könnte man sich durchaus daran gewöhnen, meint Melzer. «Wenn wir im Kulturkreis neue Rituale vereinbaren und unser Gegenüber lesen können, dann kann eine wertschätzende Verbeugung wie im asiatischen Raum üblich mindestens genauso wertschätzend sein wie das Küssen von zum Teil wildfremden Menschen.» Das übrigens wirke auf manche Kulturen doch sehr befremdlich und gewöhnungsbedürftig.

Gar nicht so scharf aufs Küssen waren zumindest Anfang der 1990er auch Die Prinzen. Die Band aus Leipzig landete mit «Küssen Verboten» einen Hit. «Doch da gibt es eine Sache, die ich gar nicht leiden kann - kommen deine feuchten Lippen zu nah an mich ran», sangen Sebastian Krumbiegel und Kollegen damals. «Küssen verboten, streng verboten.» Viele Österreicher dürften nun wieder einen Ohrwurm bekommen: Nachdem der Gesundheitsminister sich in einem Interview zu den Kuss-Regeln geäußert hatte, machte bei Twitter und Co der Hashtag #küssenverboten die Runde.

Paare, die zusammen leben, haben das Abstandsproblem - auch bei leidenschaftlichen Küssen - nicht. Anders geht es denjenigen, die vielleicht gerade jemanden kennengelernt haben oder eine Fernbeziehung führen. Leidet womöglich die Psyche unter dem Knutsch-Entzug?

«Beim Küssen öffnet sich nicht nur der Mund, sondern auch das Herz und die Seele», sagt Melzer. Für viele Menschen sei der Kuss sogar intimer als Geschlechtsverkehr. «Denn mit unserer Steuerzentrale Kopf sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen wir - und erkennen so schnell, wer zu uns passt und wer nicht.» Das sei auch ein Grund dafür, dass Langzeitpaare mit chronischen Paarproblemen zuerst das Küssen einstellen. «Wenn ich meinen Partner nicht mehr "riechen" kann, dann fällt auch das Küssen zunehmend schwerer.»

Von einem Image-Problem könne aber nicht die Rede sein, meint Melzer. «Den Kuss wird es immer geben, nur werden wir bewusster mit ihm umgehen.» Was rar und knapp sei, werde umso begehrenswerter. Runterfahren und Reduktion könnten auch hier wertvoll sein. «Wenn Sie bislang oft und viel geküsst haben, und es nun wegen der Pandemie monatelang nicht tun - dann wird der erste Kuss ein Hochgenuss.»

Veröffentlicht am:
18. 05. 2020
09:16 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
18. 05. 2020
09:16 Uhr



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