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Lemper singt Dietrich: «Rendezvous» als Reifeprüfung

Es überrascht zunächst mal nicht so sehr, wenn Ute Lemper Lieder aus dem Repertoire von Marlene Dietrich singt. Ein Kreis schließt sich - zugleich legt die deutsche Sängerin mit diesem «Rendezvous» eine weitere Reifeprüfung ab.



Ute Lemper
Ute Lemper hat ein «Rendezvous With Marlene».   Foto: Raul Ferrari/telam/dpa

Ute Lempers nostalgischer Look auf Bildern zu ihrem neuen Album, der wahlweise kühle oder melancholische Gesang, die intensive Performance der 56-Jährigen: Man merkt sofort, dass «Rendezvous With Marlene» (Jazzhaus Records/In-Akustik) ein Schlüsselwerk ist, eine reife Hommage voller Respekt und Bewunderung.

Hier schließt sich ein Kreis: In den 80er Jahren wurde Lemper als «junge Marlene aus Münster» in den Himmel gelobt, ihr internationales Starpotenzial entfaltete sie in Musicals, in anspruchsvollen Chansonprojekten und als Schauspielerin.

Über 30 Jahre ist das her mit den Ute/Marlene-Vergleichen. Fast genau so lang liegt ein Kontakt zurück, der jetzt zum Aufhänger für Lempers Album mit 20 Dietrich-Liedern wurde. Die aufstrebende junge Sängerin wollte sich 1988 bei der fast 90 Jahre alten Diva für den ihr etwas unangenehmen Medien-Hype entschuldigen - es folgte ein dreistündiges Telefonat, in dem «die Dietrich» überraschend viel von sich preisgab.

«Ja, wegen dieses Gesprächs fühle ich eine bestimmte Kenntnis von Marlene», sagt Lemper im Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Ich habe das Beben in ihrer Stimme gehört, die Melancholie. Marlene hat damals über Traurigkeit geredet, sie hat nochmal über ihre Geschichte mit den Deutschen gesprochen: Die mögen mich doch nicht, das weißt Du doch. Dass auch noch ihre Tochter sie abgelehnt hat, das war zu viel für sie. Sie war traurig, aber immer noch stark - und sehr gebildet.»

Lemper singt nun Lieder aller Karrierephasen von Marlene Dietrich (1901-1992), die von den Deutschen der Weimarer Republik vergöttert und später, nach Emigration und Unterstützung der US-Truppen im Zweiten Weltkrieg, von vielen gehasst wurde. Leichte Jazz-Songs wie «One For My Baby» stehen neben dem Soldatensehnsuchts-Stück «Lili Marleen», Bob Dylans Anti-Kriegs-Lied «Blowing In The Wind» und französische Chansons neben Klassikern wie «Just A Gigolo», «Ich hab' noch einen Koffer in Berlin» oder «Naughty Lola».

Ein sehr vielfältiges, mehrsprachiges Programm - nicht ohne Absturz-Risiko. Aber alles passt zusammen in Lempers einfühlsamer Interpretation und den erlesenen Arrangements einer siebenköpfigen Band, zu der ihr zweiter Ehemann Todd Turkisher am Schlagzeug gehört. Die Sängerin liebt besonders das Stück «Marie, Marie» - «da steckt so viel Schmerz drin». Auch Friedrich Hollaenders «Ruins Of Berlin» liegt ihr am Herzen. «Wahnsinnig gruselig, dieses Lied, geschrieben von einem Berliner Juden, der früh genug nach Amerika emigrierte und dort ein berühmter Hollywood-Komponist wurde.»

«Die CD ist natürlich eine Hommage an Marlene, aber überhaupt keine Imitation, sondern von vorne bis hinten Ute Lemper», betont die seit den 90er Jahren in den USA lebende Sängerin selbstbewusst. «Ich habe bewusst "kleiner" gesungen, gar nicht im Broadway-Stil. Denn je älter ich werde, desto mehr liebe ich es, ganz ganz leise zu singen.»

Es ist ein oft sehr intimes Vocal-Jazz-Album, das Lemper - nach begeistert aufgenommenen Verbeugungen vor Kurt Weill, Michael Nyman, Jacques Brel oder Astor Piazzolla - nun mit «Rendezvous...» vorlegt. Dass sie immer noch in die Musical-Schublade gesteckt wird, «nervt mich eher», gibt die gebürtige Westfälin zu. «Das Genre passte damals ja ganz gut zu mir, weil ich eine Gesangs-, Tanz- und Schauspielausbildung hatte und im Musical alles gleichzeitig machen konnte. Aber das war nie mein Zuhause.»

Ute Lemper hat sich - nach ihrer Musicaldiva- und Weltstar-Phase mit «Cabaret» oder «Chicago» - längst einen ambitionierten Mix aus eigenen Liedern und sorgfältig ausgewähltem Fremdmaterial zusammengestellt. Zum 75. Jahrestag der Befreiung der deutschen Nazi-Konzentrationslager bot ihr die berühmte New Yorker Carnegie Hall kürzlich eine große Bühne - wegen der Corona-Krise freilich im Internet. Und eine Marlene-Würdigung wie «Rendezvous...» hätten sich wohl auch nicht allzu viele deutsche Sängerinnen zugetraut.

Im Gegensatz zu Dietrich hat Ute Lemper ein recht unkompliziertes Verhältnis zu ihrer alten Heimat - trotz mancher Enttäuschungen nach der Anfangseuphorie. Deutschland sei in vieler Hinsicht ein beispielhaftes Land - auch wenn «diese Rechtsextremen, ihre Unfähigkeit zur Empathie, ihr Menschenhass», große Sorgen bereiteten.

Berlin empfindet die Künstlerin als «ein Stück meines Lebens. Als ich dort 1984, lange vor dem Mauerfall, aus Wien hingezogen bin - das hat mich als Deutsche geprägt, als Mensch geprägt, als Künstlerin geprägt. Ich bin da nicht nur auf der Durchreise.» Die Familie in Münster oder Gespräche mit ihrem langjährigen Freund, dem Regisseur Volker Schlöndorff (81), bedeuten ihr viel. Ebenso die Konzerte in Deutschland: Sobald es die Corona-Krise zulässt, will Lemper hier auftreten. «Wenn wir es im Herbst nicht mehr schaffen, dann 2021.»

Veröffentlicht am:
22. 05. 2020
10:55 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
22. 05. 2020
10:55 Uhr



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