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Lutz Seilers neuer Roman «Stern 111»

«Stern 111» war in der DDR der Name eines kleinen Kofferradios. Damit weist schon der Titel von Lutz Seilers neuem Roman auf die Zeit hin, um die es geht. Und wie das Radio hat auch Seiler viele Botschaften.



Lutz Seiler
Lutz Seiler ist mit seinem neuen Roman «Stern 111» für den Leipziger Buchpreis 2020 nominiert.   Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Kruso ist zurück! All jene, die diese Nachricht elektrisiert, weil sie Lutz Seilers preisgekrönten, gleichnamigen Vorgänger-Roman schätzen, werden vermutlich ohnehin zu «Stern 111» greifen.

Aber auch alle anderen könnten einen Blick in das Buch wagen. Die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse hält «Stern 111» auf jeden Fall für eine Empfehlung. Die Kritiker haben den Roman auf die Shortlist gesetzt.

Seiler nimmt die Leser diesmal mit nach Berlin zur Zeit des Mauerfalls. Carl Bischoff (26) aus Gera steht plötzlich ohne Eltern da. Inge und Walter Bischoff gehen in den Westen. Sie lassen Carl 500 Mark, das 20 Jahre lang liebevoll gepflegte Auto der sowjetischen Marke Shiguli und den Auftrag da, die Nachhut der Kleinfamilie in der zerfallenden DDR zu bilden. Carl ist gelernter Maurer, träumt aber davon, ein Dichter zu werden. Anstatt die elterliche Wohnung in Gera zu hüten, geht er nach Berlin.

Allein dieser Rahmen verspricht Abenteuer. Berlin 1989/90 - das war Anarchie und Freiheit. Nichts war gewiss, aber alles möglich. Der suchende Carl wird von einer Gruppe von Hausbesetzern gefunden. «Nein, nein, Shigulimann, du musst hier gar nichts erklären. Nicht wenige sind unterwegs in dieser frisch befreiten Stadt. Die ganze Welt wird neu verteilt in diesen Tagen.» So wird Carl die Lage erklärt von der «antikapitalistischen Untergrundkolchose», zu der er fortan gehören wird.

Wie schon in seinem Debütroman «Kruso», das 2014 mit dem Deutschen Buchpreis in Frankfurt ausgezeichnet wurde, schafft es Seiler auch in «Stern 111», die besondere Stimmung der Zeit einzufangen. Eindrücklich beschreibt er das bröckelnde Ost-Berlin, in dem die alten Vorschriften nicht mehr gelten und neue noch nicht in Sicht sind. «Es gibt hier keine Regeln, kein verdammtes Gesetz», so sagt eine der Mitstreiterinnen von Carl.

Es sind mehrere Stränge und Lebensgeschichten, die Seiler miteinander verwebt. Carl hält per Brief Kontakt zu seinen Eltern, die als Flüchtlinge in Nordhessen gelandet sind. Diese Auswanderung, Carl spricht in anfänglicher Verständnislosigkeit auch von der «Selbstverbannung seiner Eltern», hat es im '89/'90 der Realität tausendfach gegeben. Aber war der Plan zur Flucht der Eltern wirklich so überstürzt, wie es dem Sohn erscheint? Wie echt war das Leben, das sie als heile, kleine Familie in der DDR geführt hatten?

Wenn Seiler solche Fragen aufwirft, beleuchtet er auch eine Zeit, in der heute viele Erklärungen für die anscheinende Andersartigkeit des Ostens suchen. Er schreibt von Entwurzelung und Suche: «Seltsam, wie eine Himmelsrichtung im Grund alles ausdrücken konnte, die ganze Geschichte. Im Osten. Im Westen. Norden und Süden erscheinen relativ bedeutungslos.» Aber Seiler schreibt auch von Ankommen und Finden. In einem Epilog lässt er Carl, der biografische Ähnlichkeit mit ihm selbst aufweist, viele Jahre später auf die Grenzen der Freiheit zurückblicken.

Und welche Rolle spielt nun Kruso, der große Macher von Hiddensee aus dem Vorgänger-Buch, in «Stern 111»? Kruso ist von der Ostsee-Insel nach Berlin gekommen. Er mischt in der Hausbesetzer-Szene mit und wird «Commandante» genannt. Aber: Die Zeit hat sich weitergedreht, die DDR ist untergegangen, Hiddensee ist nicht mehr der Sehnsuchtsort - und Kruso muss sich wie alle anderen auch in einem neuen Leben zurechtfinden. Das, so weiß man aus der Geschichte, haben die einen besser und die anderen schlechter hingekriegt.

Lutz Seiler: Stern 111, Suhrkamp Verlag, Berlin, 528 Seiten, 24,00 Euro, ISBN: 978-3-518-42925-9

Veröffentlicht am:
04. 03. 2020
10:41 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
04. 03. 2020
10:41 Uhr



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