Lade Login-Box.
Topthemen: BlitzerwarnerLoewe-InsolvenzNP-FirmenlaufGlobe-TheaterMordfall OttingerStromtrasse

Boulevard

Menasses schludriger Umgang mit Fakten

Der Europa-Roman von Robert Menasse wurde hochdekoriert und zum Bestseller. Zugleich hat sich der Autor als Verteidiger der EU politisch profiliert. Eine Doppelrolle mit Fallstricken. Jetzt räumt er Fehler bei der Recherche ein - in Etappen.



Robert Menasse
Bleibt im Gespräch: der österreichische Autor Robert Menasse.   Foto: Arne Dedert

Robert Menasse darf sich trotz der scharfen Kritik an seinem Umgang mit Zitaten und historischen Fakten am 18. Januar auf die Entgegennahme der Carl-Zuckmayer-Medaille freuen.

Dafür erhielt er am Montag Rückendeckung von der rheinland-pfälzischen Regierungschefin Malu Dreyer (SPD), deren Land die Auszeichnung vergibt. In einer mit der Staatskanzlei verbreiteten Stellungnahme gab sich der Autor des Brüssel-Romans «Die Hauptstadt», der 2017 den Deutschen Buchpreis erhielt, aber reuig.

«Es war ein Fehler von mir, Walter Hallstein in öffentlichen Äußerungen und nicht-fiktionalen Texten Zitate zuzuschreiben, die er wörtlich so nicht gesagt hat», sagte Menasse zu der Rolle, die er dem früheren EWG-Kommissionspräsidenten Hallstein (1901-1982) im Buch zugeschrieben hat. «Es war unüberlegt, dass ich im Vertrauen auf Hörensagen die Antrittsrede von Hallstein in Auschwitz verortet habe. Diese hat dort nicht stattgefunden», räumte der Wiener Schriftsteller angesichts der anhaltenden «Fake News»-Debatte erstmals klipp und klar ein.

Der konservative CDU-Politiker Hallstein, Chef der EU-Vorläuferorganisation, soll die angebliche Rede auf dem Gelände des einstigen nationalsozialistischen Vernichtungslagers gehalten haben - im Jahr 1958. Für Menasses Buch ist dies zentral, weil er darin den Schwur «Nie wieder Auschwitz» zum Ursprung der europäischen Idee nach dem Krieg macht.

Am Montag las sich nun Menasses Mainzer Erklärung um vieles zerknirschter als seine am Samstag in «Der Welt» abgedruckte Entschuldigung. Dort hatte der 64-Jährige auch noch von «Missverständnissen» und «künstlicher Aufregung» gesprochen. «Der Qualität eines Romans kann es wohl keinen Abbruch tun, ob eine historische Person wirklich an einem Ort war oder nicht», meinte er.

«Ein Roman darf grundsätzlich alles», sagt dazu der Frankfurter Literaturprofessor Heinz Drügh. «Man darf Geschichte auch komplett anders erzählen.» Mit der «kontrafaktischen» Literatur gibt es dafür sogar eine eigene Gattung. Dazu zählt etwa der britische Bestsellerautor Robert Harris, der in seinem Roman «Vaterland» Nazi-Deutschland den Weltkrieg gewinnen lässt.

Menasse allerdings gehört nicht in diese Kategorie. Er hat bis vor wenigen Tagen auf den dokumentarischen Anspruch der Person Hallsteins in seinem Roman gepocht - und damit zugleich seinen eigenen Kampf für das europäische Einigungswerk begründet. Für Drügh ist es problematisch, wenn ein Autor jenseits des Romans wie Menasse im Falle der EU als «moralische Instanz» auftrete. Dann könne sich «Erfundenes in Realität» übersetzen, gibt der Germanist zu bedenken. «Ein bisschen peinlich», findet daher Drügh die Causa. Menasse habe seiner politischen Sache gerade in seinem Heimatland Österreich mit dessen rechtskonservativer Regierung keinen Gefallen getan.

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann hält es für bedenklich, dass der Romanautor Menasse zum politischen «Aktivisten» für die Abschaffung der Nationalstaaten in Europa geworden sei. Als «Polemiker» verwechsle er die Begriffe Nation und Nationalismus, kritisierte Assmann in der «Welt am Sonntag». Die 71-Jährige hatte zusammen mit ihrem Mann Jan Assmann für ihre Verdienste um die Erinnerungskultur in Deutschland im vergangenen Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Frankfurt erhalten.

Menasses Hausverlag Suhrkamp hält zu seinem langjährigen Autor. Dieser habe «im Rahmen nicht-fiktionaler Texte und öffentlicher Äußerungen» Fehler gemacht und sich dafür entschuldigt. «Dem kann der Verlag nichts hinzufügen», erklärt Suhrkamp-Sprecherin Tanja Postpischil am Dienstag in Berlin. «Am Stellenwert seines Werks ändert die aktuelle Diskussion nichts.»

Auch Literaturwissenschaftler Drügh hält die Auszeichnung Menasses mit der Zuckmayer-Medaille für richtig. Schließlich gehe es dabei um die Gesamtwürdigung seines Schaffens.

Veröffentlicht am:
08. 01. 2019
16:06 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Aleida Assmann Autor Bestseller Europäische Union Fehler Jan Assmann Malu Dreyer Robert Harris Robert Menasse Romane SPD Suhrkamp Verlag Walter Hallstein
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Aleida Assmann

06.01.2019

Aleida Assmann will Debatte um Nationsbegriff

Die Kulturwissenschaftlerin und Autorin stellt viele Fragen und sorgt sich. Ihrer Ansicht nach sei eine Demokratien kein Bollwerk gegen autoritäre Bewegungen. » mehr

Robert Menasse

07.01.2019

Menasse bekommt Zuckmayer-Medaille

Kontrovers wurde über die Verleihung der Zuckmayer-Medaille an den Autor Robert Menasse diskutiert - wegen dessen Umgang mit Zitaten. Jetzt gibt es eine neue Stellungnahme aus Rheinland-Pfalz. » mehr

Herman Wouk

17.05.2019

«Die Caine war ihr Schicksal»: Autor Herman Wouk gestorben

Er schrieb Bestseller wie «Die Caine war ihr Schicksal» und «Der Feuersturm». Noch mit über 100 Jahren war Herman Wouk in Kalifornien als Schriftsteller tätig. Nun ist der Autor gestorben. » mehr

Dreyer + Menasse

18.01.2019

Festakt nach Fehler: Zuckmayer-Medaille für Robert Menasse

So heftige Kritik war selten bei einer Preisverleihung. Aber eine Entschuldigung sollte auch angenommen werden, sagt die rheinland-pfälzische Regierungschefin Dreyer. » mehr

Judith Kerr

23.05.2019

Kinderbuchautorin Judith Kerr mit 95 Jahren gestorben

Das Kinderbuch «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl» machte sie in Deutschland bekannt; die Engländer liebten ihre Bilderbuchgeschichten um einen Tiger und den Kater «Mog». Nun ist Judith Kerr im Alter von 95 Jahren gest... » mehr

Robert Menasse

04.01.2019

Buchpreisträger Menasse in der Kritik

Hat der Wiener Autor und Träger des Deutschen Buchpreises bewusst Zitate gefälscht? Die Staatskanzlei in Mainz entscheidet nun, ob sie bei der geplanten Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille an Robert Menasse bleibt. Au... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Bulldog-Treffen Ebern

Bulldog-Treffen in Ebern | 14.07.2019 Ebern
» 9 Bilder ansehen

Samba-Festival 2019 Coburg

Samba-Festival Coburg | 14.07.2019 Coburg
» 49 Bilder ansehen

Samba-Umzug

Samba-Festival 2019 | 14.07.2019 Coburg
» 82 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
08. 01. 2019
16:06 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".