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Boulevard

Mit Fotos gegen die Cosa Nostra: Letizia Battaglia

Blut, Leichen, Schockzustand: Letizia Battaglia hat den Horror der sizilianischen Mafia wie keine andere dokumentiert. Sie weiß: Die Gefahr ist noch da. Ein Gespräch mit der Grande Dame des Fotojournalismus.



Letizia Battaglia
Letizia Battaglia hat den Horror der sizilianischen Mafia wie keine andere dokumentiert.   Foto: Stephanie Pilick

Das Jahr 1980 war gerade sechs Tage alt, als Letizia Battaglia eines ihrer ergreifendsten Fotos schoss. Zufällig beobachtete sie in ihrer Heimatstadt Palermo, wie ein verzweifelter Mann einen leblosen Körper aus einem Auto zog. Doch jede Hilfe kam zu spät.

Bei dem Toten handelte es sich um den von der Mafia ermordeten Präsidenten Siziliens, Piersanti Mattarella. Der verzweifelte Mann hingegen war sein Bruder Sergio - heute ist er Präsident Italiens.

Es sind bewegende Situationen wie diese, die Battaglia in ihrer Karriere immer wieder festgehalten hat und die sie zu einem Star des italienischen Fotojournalismus haben werden lassen. Ihr Engagement bescherte ihr jüngst sogar eine Hauptrolle in der Dokumentation «La mafia non è più quella di una volta» (Die Mafia ist nicht mehr das, was sie einmal war). Der Film erhielt kürzlich den Spezialpreis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig.

Die heute 84-Jährige Battaglia hat einen Großteil der Siebziger- und Achtzigerjahre damit verbracht, die Verbrechen in ihrer Heimat in Schwarz-Weiß-Fotografien zu dokumentieren.

«Meine Bilder sind Anklagen», sagt die Frau mit dem markanten Pagen-Haarschnitt im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Ich bin eine Botin des Widerstands, des Widerstands gegen Gewalt, Korruption, Armut, gegen das moralische und politische Chaos.»

Immer wieder hat Battaglia Leichen fotografiert - zumeist Opfer der Cosa Nostra, wie die sizilianische Mafia genannt wird. «Wenn Sie sich an den Schauplatz eines Mordes begeben, werden Sie mit dem ganzen Leid der Welt konfrontiert. Denn wenn jemand ermordet wurde, wenn jemandem das Leben mit Gewalt genommen wurde, dann ist es etwas ganz und gar Inakzeptables», sagt Battaglia.

Ihr Job sei mitunter furchterregend, insbesondere für eine Frau in einer feindseligen, männlich dominierten Welt. «Ich bin bedroht, geschubst und bespuckt worden. Man hat meine Kameras zerstört und ich habe schreckliche anonyme Briefe erhalten. Ich hatte oft Angst, aber ich habe trotzdem weitergemacht», berichtet sie.

Battaglia, deren Nachname auf Deutsch «Schlacht» bedeutet, hat eine lange Geschichte des Kämpfens hinter sich. Jenseits der Fotografie machte sie sich als feministische Aktivistin, Publizistin und linke sizilianische Politikerin einen Namen.

Das Fotografieren hat sich Battaglia selbst beigebracht. In den Fotojournalismus begab sie sich zunächst nur deshalb, weil sie für sich und ihre Töchter sorgen musste, nachdem sie sich von einem reichen Ehemann getrennt hatte, dessen Unterhaltszahlungen sie ablehnte. Ihre Bildkompositionen sieht sie von den Gemälden der Alten Meister beeinflusst: «Ich mag Kunst, ich mag das 16. Jahrhundert und die Renaissance. Meine Komposition kann von dem inspiriert sein, was ich in Michelangelo, in einem Museum oder in einem zeitgenössischen Künstler entdeckt habe.»

Viele Jahre arbeitete Battaglia für die linke sizilianische Tageszeitung «L'Ora», bis diese 1992 eingestellt wurde. Etwa zur gleichen Zeit hörte Battaglia auf, die Opfer der Mafia und ihre trauernden Angehörigen zu fotografieren. Der für sie entscheidende Schlusspunkt war die Ermordung der beiden Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die als Italiens bekannteste «Mafia-Jäger» galten und die sie persönlich kannte.

Die beiden Männer wurden 1992 bei der Detonation riesiger Bomben getötet. Battaglia erinnert sich, dass sie vor Borsellinos zerstückeltem Körper stand und zum ersten Mal das Gefühl hatte, den Moment nicht auf Film festhalten zu können. «Ich hatte einfach nicht die Kraft dazu. Ich war erschöpft, schockiert von jahrelanger Gewalt, Demütigung, Scham, und das Scheitern der italienischen Regierung machte mich fassungslos», sagt sie.

Heute glaubt Battaglia daran, dass sich die Dinge in dem von ihr so geliebten Sizilien verbessert haben, obwohl die Cosa Nostra nach wie vor mächtig sei und ganze Wirtschaftszweige infiltriere. «Sicherlich haben wir heute eine modernere, gerechtere Gesellschaft, aber wir sind immer noch nicht befreit von der Mafia, sie ist immer noch hier. Sie trägt mittlerweile Anzug und Krawatte. Es sind keine Rüpel aus Corleone mehr.»

Auch mit über 80 Jahren hat Battaglia den Widerstand gegen die Mafia nicht aufgegeben. 2017 gründete sie in Palermo ein internationales Zentrum für Fotografie. Obwohl das Zentrum mit Finanzierungsproblemen kämpft, finden dort Ausstellungen, Workshops und Diskussionen statt.

Doch nicht nur für ihre Mafia-Fotos wird Battaglia gefeiert - sie gilt auch als Chronistin der sizilianischen Gesellschaft. Sie hat das Leben von Palermos Elendsvierteln bis hin zu den Palästen der Aristokraten eingefangen. Mittlerweile widmet sie sich vor allem dem Fotografieren von Frauen und Kindern, auf der Suche nach Reinheit und Unschuld. Was das Fotografieren von Männern betrifft, so hält sie es mit Galgenhumor: «Ich habe nur diejenigen fotografiert, die ermordet wurden.»

Veröffentlicht am:
25. 09. 2019
09:04 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
25. 09. 2019
09:04 Uhr



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