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Boulevard

Noel Gallagher ist mit sich im Reinen

Zehn Jahre nach der Trennung von Oasis hat sich Noel Gallagher mit seinen High Flying Birds auch musikalisch von Oasis losgesagt. Die wilden Zeiten des Rockmusikers sind vorbei. Der 52-Jährige wirkt gelassener. Ein Freund deutlicher Worte ist er aber noch immer.



Noel Gallagher
Noel Gallagher ist mit sich im Reinen.   Foto: Joel Goodman/London News Pictures via Zuma

Soeben veröffentlichte der frühere Oasis-Gitarrist Noel Gallagher mit seiner Band Noel Gallagher's High Flying Birds die neue Single «This Is The Place». Im September kommt die zweite von drei EPs, die der 52-Jährige in diesem Jahr veröffentlicht.

Im dpa-Interview erzählt Gallagher, warum ihn Terror, Klimawandel und Brexit nicht aus der Ruhe bringen, und erklärt, wie er sich von Oasis abgrenzt. Fragen zu seinem Bruder und Ex-Bandkollegen Liam, mit dem er sich in den vergangenen Wochen einen öffentlichen Schlagabtausch lieferte, wollte er nicht beantworten.

Frage: Spüren Sie Druck, wenn Sie Musik machen, oder Druck, überhaupt Musik machen zu müssen?

Antwort: Vielleicht unbewusst. Ich weiß es nicht, weil ich nicht genug darüber nachdenke, was ich tue, um mir über sowas Sorgen zu machen. Was ist überhaupt Druck? Was für ein Druck? Plattenverkäufe? Niemand wird so viele Platten verkaufen wie Ed Sheeran. Niemand wird so viel gestreamt wie Kanye West. Da gibt's also keinen Druck. Die Antwort lautet also nein. Ich bin jetzt an einem Punkt, wo ich das lange genug mache. Ich war in einer der größten Bands aller Zeiten, und das ist jetzt vorbei. Nun genieße ich es einfach. Ich mache das, worauf ich Lust habe. Manchen Leuten gefällt es, manchen nicht.

Frage: Wenn Sie Musik mit Ihren High Flying Birds machen, versuchen Sie sich musikalisch von Oasis abzugrenzen?

Antwort: Das passiert Stück für Stück. Mein erstes Soloalbum hatte Oasis-Elemente, weil ich einige der Songs für das nächste Oasis-Album geschrieben hatte. Aber nach und nach habe ich das aus meinem System bekommen, es abgeschüttelt. Das Witzige daran ist: Eigentlich muss ich nur die Gitarren weglassen, damit es nicht nach Oasis klingt.

Frage: Was haben Sie empfunden, als die Menschen wenige Tage nach dem Terroranschlag in ihrer Heimatstadt Manchester 2017 auf der Straße (den Oasis-Song) «Don't Look Back In Anger» gesungen haben?

Antwort: Das ist ein tragisches Kapitel, von dem man sich wünscht, dass es nie passiert wäre. Es ist natürlich schön, dass ein Song, den du vor 20 Jahren geschrieben hast, die Leute zusammenbringt. Das ist verdammt unglaublich, das ist toll. Aber mir wäre lieber, es wäre nie dazu gekommen.

Frage: Terroranschläge, Klimawandel - sorgen Sie sich um die Welt?

Antwort: Nein, ich mach mir keine Sorgen um die Welt. Die gibt es seit Millionen von verdammten Jahren, und die bleibt. Es wird vielleicht etwas heißer. Und wir verlieren womöglich den Eisbär. Aber Sorgen um die Welt mache ich mir nicht. Die Welt ist in Ordnung, nur die Leute, die das Sagen haben, nicht.

Frage: Und wie steht es um Ihre Heimat Großbritannien?

Antwort: Es gab so viel Hysterie wegen Brexit und so. Aber Sorgen mache ich mir nicht. Großbritannien gibt es verdammt lange. Wir haben tolle Leute hier, die tolle Sachen machen, eine großartige Kultur. Wenn der Brexit kommt, wird es eine Zeit lang scheiße, das ist unausweichlich. Aber ich glaube, irgendwann wird wieder alles so sein, wie es mal war. Ist es gut, dass das passiert? Nein! Es ist für'n Arsch, denn in den drei Jahren, in denen über Brexit gestritten wurde, hätten wir andere Dinge machen können. Aber es wird schon werden. Ich mach weiter mein verdammtes Ding. Ich schätze, alle anderen Leute gehen auch weiter zur Arbeit.

Frage: Über die Jahre haben sie sich mit vielen Leuten öffentlich angelegt. Bereuen Sie manchen Streit?

Antwort: Ja, einige. Denn die bringen dir verdammt viel Ärger. Ich habe nie etwas bereut, was ich gemacht habe, aber vieles, was ich gesagt habe - das meiste wohl in den 90er Jahren. Ich war in den 90ern fast nur betrunken und nicht haftbar für irgendwas, das ich gesagt habe. Wenn man mir blöde Fragen stellt, gebe ich blöde Antworten - und am Ende hab ich jemanden beleidigt. Aber heute ist es auch ziemlich leicht, jemanden zu beleidigen. Die Leute sind so verdammt empfindlich heute. Es ist, als würde die ganze Gesellschaft nur darauf warten, beleidigt zu sein.

Frage: Am letzten Spieltag der vergangenen Saison waren Sie nach dem Gewinn der Fußball-Meisterschaft ihres Lieblingsvereins Manchester City in der Umkleidekabine des Stadions und haben mit den Spielern «Wonderwall» gesungen. Ein besonderer Moment für Sie?

Antwort: Im Gegensatz zu «Don't Look Back In Anger» wird «Wonderwall» aus den richtigen Gründen gesungen. Das macht immer Spaß. In die Umkleidekabine zu gehen war hingegen etwas merkwürdig. Dahin wird man normalerweise nicht eingeladen, und eigentlich will man da auch nicht rein - all die Typen in ihren verdammten Unterhosen und Badelatschen unterhalten sich in 25 verschiedenen Sprachen. Aber das war ein besonderer Tag. Ich bin seit über 40 Jahren Fan dieses Vereins. Diesen Moment mit meiner Frau, meinen Kindern und meinem besten Kumpel zu erleben - besser geht's nicht.

Frage: Sie haben oft davon gesprochen, dass Sie einer Arbeiterfamilie entstammen. Sind Sie trotz des Ruhms noch derselbe Typ wie früher?

Antwort: Das bin ich, weil ich für meinen Lebensunterhalt arbeite. Meine Kinder werden nicht zur Arbeiterklasse gehören. Warum sollten die arbeiten? Ich mach das, damit sie es nicht müssen. Es ist andere Arbeit als früher, aber ich sitze nicht rum. Niemand schreibt die Songs für mich. Niemand spielt die Konzerte. Niemand gestaltet das Artwork. Niemand hat eine der verdammten Ideen. Ich mache alles selbst. Ich hab mein eigenes Label und bringe meine eigenen Platten raus. Ich krieg das nicht auf dem Tablett serviert. Insofern gehöre ich immer noch zur Arbeiterklasse.

Frage: Wo stehen Sie mit 52 Jahren? Sind Sie mit sich im Reinen?

Antwort: Jeder hat gute und schlechte Tage. Aber auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich sagen, dass ich täglich etwa eine 8,5 erreiche. Das ist verdammt gut. Wenn du mit über 50 nicht mit dir im Reinen bist, dann hör mal: Was hast du dein ganzes verdammtes Leben gemacht?

ZUR PERSON: Noel Thomas David Gallagher wurde 1967 in Manchester geboren. Als Songwriter, Gitarrist und zweiter Sänger feierte Gallagher mit Oasis vor allem in den 90er Jahren viele Erfolge. Die Rockband machte aber auch Schlagzeilen wegen Streitereien zwischen Noel und seinem Bruder Liam, dem Sänger von Oasis. Nach der Trennung 2009 gründete er Noel Gallagher's High Flying Birds.

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Veröffentlicht am:
06. 08. 2019
12:29 Uhr

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06. 08. 2019
12:29 Uhr



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