Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: CoronavirusVideosCotubeBlitzerwarner

Boulevard

Nofretete für lau: Geschlossene Museen locken digital

Das Coronavirus hat die Kulturszene brach gelegt. Museen sind geschlossen, Opernhäuser dicht, Konzerte abgesagt. Künstler wie Einrichtungen suchen neue Wege zum Publikum.



Nofretete
Das Neue Museum mit Nofretete und die benachbarten Häuser locken normalerweise jährlich Millionen Besucher auf die Museumsinsel.   Foto: Rainer Jensen/dpa » zu den Bildern

Nofretete ist allein zu Haus. Wo sich sonst Besucher um den riesigen Glaskasten mit der weltbekannten Büste der ägyptischen Königsgemahlin drängen, herrscht seit Tagen gähnende Leere.

Das Neue Museum mit Nofretete und die benachbarten Häuser locken sonst jährlich gut drei Millionen Besucher aus aller Welt auf die Museumsinsel im Herzen Berlins. Das Coronavirus sorgt nicht nur hier für verschlossene Türen. Bundesweit haben Museen geschlossen, sind Theater und Opernhäuser dicht, werden Konzerte abgesagt.

Doch «Einschränkungen machen kreativ», sagt Berlins Kultursenator Klaus Lederer. Und so bemühen sich Kulturschaffende in der ganzen Republik, ihre Künste in eine digitale Welt zu überführen. Zumindest einen Vorteil gibt es am heimischen Computer: der Eintritt ist frei.

Der Online-Genuss ist dabei nicht immer von großen Häusern abhängig. Dort geht der bekannte Pianist Igor Levit zwar ein und aus. Seit Beginn der Coronakrise überträgt er aber mit sehr einfachen Mitteln über seine Social-Media-Accounts fast täglich Konzerte von Flügeln daheim oder unterwegs. Mit Bach, Beethoven oder Schubert erreicht Levit dabei bis zu 300.000 Zuschauer. Er will damit «unser inneres Leuchten behalten. Auch darum geht es.»

Im Konzerthaus Berlin organisierte Intendant Sebastian Nordmann ein hochkarätig besetztes Konzert per Livestream, unter anderem mit dem Pianisten Lang Lang, Geiger Daniel Hope, Sopranistin Olga Peretyatko oder Sänger Max Raabe. Häuser mit Weltruhm wie die Bayerische Staatsoper in München oder die Berliner Staatsoper Unter den Linden haben sich ganze Online-Spielpläne für Ballett und Oper verpasst. «Il Trovatore» oder «Lucia di Lammermoor», «Falstaff», «Tristan und Isolde» oder «Schwanensee» schaffen es damit direkt in die Social-Distance-Area von Kulturliebhabern. «Carmen» etwa verfolgten so 160.000 Zuschauer auf der ganzen Welt.

Die Berliner Philharmoniker bieten während der Schließung ihres Saals mehr als 600 Konzerte als Streaming an. Mit der Aktion #UnitedWeStream kämpft die international beliebte Clubszene der Hauptstadt um «Berghain» oder «Watergate» um ihr Überleben und streamt täglich DJ-Sets live über das Internet.

Viele Museen befassen sich schon seit Jahren weit abseits von außergewöhnlichen Schließungsnotwenigkeiten mit neuen digitalen Wegen. «Da geht es nicht so sehr darum, ein Museum digital zu besuchen, sondern darum, wie digitale Medien genutzt werden können, um einen Museumsbesuch noch attraktiver und interessanter zu machen», weiß Monika Hagedorn-Saupe vom Institut für Museumsforschung in Berlin. Die Diplompädagogin und Mathematikerin koordiniert das vom Bund mit 15 Millionen Euro geförderte Projekt Museum4punkt0.

In vielen Museen etabliert sich virtuelle Realität neben Skulpturen, Installationen oder Gemälden. So erlaubt etwa das Frankfurter Städel Museum per Virtual-Reality-App und Smartphone einen Gang durch historische Sammlungsräume. Das Mainzer Museum für Antike Schifffahrt lockt virtuell in einen antiken Superfrachter. Und das Deutsche Museum in München schickt Besucher per VR-Brille und Controller zum Fluggleiter Otto Lilienthals oder gleich mit dem Lunar Roving Vehicle auf die Mondoberfläche. Der Mondrover ist Teil des Modellprojekts, mit dem Museen Möglichkeiten der Virtual Reality (VR) austesten.

«Jeder kennt Mona Lisa oder Nofretete, hat sie im Katalog gesehen», sagt Hagedorn-Saupe. Solche Highlights müssten nicht im Internet kontextualisiert werden. «Aber anderen Dinge müssen halt überhaupt erst einmal bekannt gemacht werden.» Das lockt Menschen ins Museum. «Heute muss man online präsent sein, um auf sich aufmerksam zu machen, damit die Leute sagen: Mensch, das möchte ich mir angucken.»

Ein Ziel von Museum4punkt0 sei, die Erkenntnisse «möglichst vielen Museen zur Nutzung zur Verfügung zu stellen». Aber was kann ein kleineres Museum jetzt machen? Das Coronavirus hat ja keine Zeit für digitale Vorläufe gelassen. «Kleine Geschichten erzählen», rät Hagedorn-Saupe. «Museen könnten jeden zweiten Tag oder einmal die Woche ein neues Objekt aus dem Haus auswählen und das online vorstellen.» Ein Kunstwerk des Tages, ein Objekt der Woche. «Wir haben ja alle unsere Smartphones.» Schon damit ließen sich ohne viel Aufwand oder riesigen Bedarf an Speicherkapazitäten kleine Präsentationen produzieren. Auch Kooperationen mit lokalen Medien seien möglich.

Einige haben ihre Tore bereits ganz weit digital geöffnet. Das Neuen Museum mit Nofretete oder das benachbarte Pergamonmuseum lassen sich mit virtuellen Rundgängen erkunden. Solche Entdeckungstouren bieten auch das Städel Museum in Frankfurt/Main, das Museum für Hamburgische Geschichte, Schloss Sanssouci in Potsdam, das Ozeaneum in Stralsund, Münchens Deutsches Museum, das Nürnberger Museum Industriekultur, Zeppelin-Museum Friedrichshafen, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Bauhaus Dessau, das Düsseldorfer Museum Kunstpalast oder die Kunsthalle Bremen. Dafür arbeitet Google Arts & Culture nach eigenen Angaben mit weltweit mehr als 2000 Institutionen zusammen, darunter eben auch viele Museen in Deutschland.

Wie wichtig solche digitalen Angebote sein können, erlebt gerade der Leiter der Uffizien in Florenz, Eike Schmidt, im Corona-gebeutelten Italien. «Die Bevölkerung will sich nicht nur den ganzen Tag vor den Fernseher setzen und im Sekundentakt über die aktuellste Nachrichtenlage informiert werden. Sie hat einen wirklichen Durst nach Kunst und Kultur», sagte der Kunsthistoriker der Münchner «Abendzeitung». Nun stellen Aufsichten ihre liebsten Säle und Kunstwerke online vor. «La mia sala» heißen die kurzen Filme auf Facebook oder Instagram. Schmidt sieht die Situation auch als Chance: «Das ist ja das Tolle an unserer digitalisierten Welt, dass wir unsere Kontakte in einer Form halten können, die zuvor nicht möglich war.»

Veröffentlicht am:
19. 03. 2020
11:41 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Abendzeitung Bayerische Staatsoper Berghain Berliner Museumsinsel Berliner Philharmoniker Daniel Hope Deutsches Museum Digitaltechnik Facebook Google Intendantinnen und Intendanten Klaus Lederer Konzerte und Konzertreihen Konzerthäuser Kunsthalle Bremen Lang Lang Ludwig van Beethoven Max Raabe Museen und Galerien Museum Industriekultur (Osnabrück) Museum für Hamburgische Geschichte Nofretete Oper Opernhäuser Pergamonmuseum Staatliche Kunsthalle Karlsruhe Staatsoper Unter den Linden Städel Museum
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Carlos Santana

10.03.2020

Coronavirus trifft Kulturbetrieb hart

Der Kulturbetrieb wird vom neuartigen Coronavirus schwer getroffen. Es hagelt Absagen von Köln bis München, von Berlin bis Wien. Theater- und Opernaufführungen fallen wochenlang aus. » mehr

Berliner Staatsoper Unter den Linden

01.04.2020

Opern feiern Premieren und Kultstücke im Netz

Sie sind geschlossen und dennoch fast täglich geöffnet: Große Opernhäuser stellen hochkarätige Produktionen kostenlos ins Netz. » mehr

"Das Rheingold"

13.06.2020

«Rheingold» auf dem Parkdeck der Deutschen Oper Berlin

Die Deutsche Oper hat wieder eine Neuproduktion auf die Bühne gebracht. Die Aufführung fand im Freien statt - auf einem Parkdeck. » mehr

Gemäldegalerie

04.04.2020

Staatliche Museen: «Absagen allerletztes Mittel»

Die Verluste sind immens. Geschlossene Türen heißt: keine Besucher. Berlins Staatliche Museen locken sonst Millionen etwa auf die Museumsinsel. Was bedeutet die Lücke für wichtige Ausstellungen? » mehr

Peter Jonas

23.04.2020

Großer Opern-Revolutionär: Sir Peter Jonas gestorben

Fast 15 Jahre lang stand Peter Jonas an der Spitze der Bayerischen Staatsoper. 2006 zog er sich zurück - der Kontakt zur Oper und ihrem Ensemble riss jedoch nicht ab. Jetzt muss die Oper die traurige Nachricht von seinem... » mehr

James-Simon-Galerie

30.01.2020

Berlins Staatliche Museen locken mehr Besucher

Die Anziehungskraft der Staatlichen Museen im Hotspot Berlin ist ungebrochen. Und ein neuer Publikumsmagnet soll schon bald seine Tore öffnen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Lagerhalle in Geiselwind brennt völlig aus Geiselwind

Lagerhalle brennt völlig aus | 23.06.2020 Geiselwind
» 31 Bilder ansehen

BMW und Motorrad stoßen auf der B 173 zusammen Redwitz an der Rodach

BMW und Motorrad stoßen auf der B 173 zusammen | 23.06.2020 Redwitz an der Rodach
» 8 Bilder ansehen

Motorradunfall bei Sonnefeld

Motorradunfall bei Sonnefeld | 23.06.2020 Sonnefeld
» 7 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
19. 03. 2020
11:41 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.