Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: CoronavirusVideosCotubeBlitzerwarner

Boulevard

Pompejis Wende - «Der Notstand ist beendet»

Osterzeit ist Ferienzeit - und nach Pompeji strömen wieder die Touristen. Jahrelang stand die Ausgrabungsstätte für Verfall und Zusammenbruch. Nun gibt es wieder spektakuläre Funde, lang gesperrte Gebäude sind wieder geöffnet. Was ist passiert?



Pompejis Wende
Der italienische Archäologe Francesco Muscolino in einem Raum im Archäologischen Park Pompeji.   Foto: Lena Klimkeit » zu den Bildern

Als Mauern und ganze Gebäude in Pompeji am Fuße des Vesuvs einstürzten, war der Aufschrei groß. Die antike Stadt wurde zum Inbegriff von Misswirtschaft, Inkompetenz, Bürokratie, sie galt als Sinnbild für politisches Desinteresse und Mafia-Machenschaften.

Mittlerweile kann sich die Ausgrabungsstätte bei Neapel wieder sehen lassen und macht positive Schlagzeilen mit spektakulären Funden. «Der Notstand ist beendet», sagt Francesco Muscolino.

Muscolino ist Archäologe in Pompeji und führt an einem sonnigen Tag durch die Gassen, in denen Vergangenheit zur Gegenwart wird. Die hohen Räume lassen den Reichtum der Bewohner vor fast zwei Jahrtausenden erahnen: Die Wände sind mit farbenprächtigen Fresken verziert, die Fußböden mit detailreichen Mosaiken. Das frühere Forum säumen noch immer einige wuchtige Säulen der Verwaltungsgebäude der antiken Stadt, die 79 n. Chr. unter einer meterhohen Ascheschicht unterging. «Die Menschen wussten nicht, dass der Vesuv eine Gefahr darstellt», sagt Muscolino. Auch heute sieht er zwar wenig gefährlich aus, wie er als Riese über den Überresten der Häuser in den Himmel ragt. «Aber er bedroht noch immer.»

Die Schicht aus Lava, Schlamm und Asche konservierte die Stadt für Jahrhunderte. Pompeji gehört neben dem Kolosseum und dem Forum Romanum zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Italiens. 2018 besuchten mehr als 3,6 Millionen Menschen die Ausgrabungsstätte - und zur Osterzeit zieht der Ansturm wie überall im Land an. Vor einigen Jahren wurden die Besucher Zeugen des katastrophalen Zustands der Unesco-Weltkulturerbestätte. Viele der antiken Häuser waren aus Sicherheitsgründen nicht mehr zugänglich. Lateinische Inschriften wie das bekannte «Cave canem» (Achtung vor dem Hund) verblassten. Die EU-Kommission stellte 105 Millionen Euro bereit, um den totalen Verfall der Ruinenstätte zu verhindern.

Dieses sogenannte Große Projekt Pompeji habe die große Wende gebracht, sagt die Archäologie-Professorin Monika Trümper von der FU Berlin. «Es sah vor, Pompeji quasi einmal komplett systematisch zu restaurieren, aber auch andere Maßnahmen zu implementieren.» Im Zuge des Projekts seien fast alle Straßen wieder zugänglich für Besucher. «So dass man wirklich durch die ganze Stadt flanieren kann.»

Anfang des Jahres wurde die Schola Armaturarum wiedereröffnet, die Ausgrabungsstätte feierte es als Zeichen der «Wiederbelebung». Das Gebäude war 2010 eingestürzt und damit zum Symbol für den Kollaps der Stätte geworden. Mittlerweile ist Pompeji an vielen Stellen sogar barrierefrei: Einige Gehwege, die die aus großen Steinen gelegten Straßen säumen, können mit dem Rollstuhl oder Kinderwagen befahren werden. Nur noch wenige verwahrloste Hunde streunen durch die Ruinen. Es gibt Papierkörbe für die Mülltrennung.

«Das mag alles banal klingen, aber das macht wirklich den Besuch dieser Stätte sehr angenehm», sagt Trümper, die unter anderem zur Badekultur in Pompeji forscht. Zudem gibt es immer wieder Ausstellungen und Aktionen im Theater: Im Sommer gibt es Aufführungen, zum Beispiel Shakespeares «Der Sturm».

Und gegraben wird natürlich auch noch immer, etwa im Bereich Regio V, wo im vergangenen Jahr wichtige Funde gemacht wurden. Auf Facebook & Co. kann man sich darüber informieren - der Archäologiepark nutzt die sozialen Medien für die Selbstdarstellung. Auf dem Instagram-Profil des wissenschaftlichen Direktors der Grabungen des Regio V, Massimo Osanna, finden sich zahlreiche Bilder, die neue Entdeckungen dokumentieren. Zum Beispiel das Fresko, das den Göttervater Zeus in Gestalt eines Schwans zeigt, wie er der griechischen Mythologie nach die Königstochter Leda verführt.

Der Fund der Überreste eines verschütteten Pferdes außerhalb der Stadtmauern sei sicher die erstaunlichste Entdeckung im vergangenen Jahr gewesen, sagt Osanna, der von 2014 an bis Anfang Januar 2019 Direktor des Archäologieparks war und Professor an der Universität Neapel Federico II. ist. Und noch immer schlummern Schätze unter der Vulkanasche. «Es wird Generationen dauern, um alles auszugraben», sagt Osanna. Bislang seien zwei Drittel von Pompeji freigelegt. «Es wird also genug für die Generationen der Zukunft geben.»

Die Unesco forderte die Verantwortlichen des Archäologieparks unlängst auf, eine langfristige Strategie für die Erhaltung und Restaurierung zu entwickeln. Der Blick richtet sich auch darauf, wie man mit den vielen Besuchern umgeht - die vielleicht eine der größten Bedrohungen für den Erhalt von Pompeji sind. Viele Probleme habe man in den vergangenen Jahren bewältigt, sagt Trümper. «Was bleibt, ist in jedem Fall die Abnutzung, die Zerstörung durch undiszipliniertes Verhalten.»

Veröffentlicht am:
17. 04. 2019
12:32 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Ausgrabungsstätten Europäische Kommission Facebook Forum Romanum Gebäude Griechische Mythologie Lava Notstände Stadtbefestigung Touristenmagnete UNESCO Universität Neapel Vesuv Vulkanasche
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Antike Metropole

07.10.2019

Antike Metropole in Israel entdeckt

Rund 6000 Menschen lebten einst in der Metropole, die in Israel entdeckt wurde. Die Ausgrabungsleiter nennen sie «das New York der Frühbronzezeit». » mehr

Aztekengrab

19.12.2019

Auf der Suche nach dem Aztekengrab

Unter der Millionenmetropole Mexiko-Stadt liegen die Überreste von Tenochtitlan. Von hier aus regierten die Azteken ihr riesiges Reich. Tempel und Opfergaben wurden bereits entdeckt, doch jetzt wollen die Forscher einen ... » mehr

Tel Aviv

16.09.2019

Deutsch-israelisches «Weiße-Stadt-Zentrum»

Zum 100. Geburtstag des Bauhauses eröffnet in Tel Aviv das «White City Center», Zentrum für Denkmalschutz und Architektur. Deutschland unterstützt das Projekt mit drei Millionen Euro - um das deutsch-jüdische Erbe am Mit... » mehr

Garibaldi-Platz

23.05.2020

Ständchen gegen Spende: Mariachis in Mexiko bitten um Hilfe

Mexikos Mariachis stecken in Schwierigkeiten. Anti-Corona-Maßnahmen entziehen ihnen die Lebensgrundlage. Die Musiker warnen, ein wichtiger Teil mexikanischer Kultur könne verloren gehen - und bieten gegen Spenden Lieder ... » mehr

"Amphitryon"

14.10.2019

Joachim Meyerhoff glänzt in Molières «Amphitryon»

Wer bin ich? Um diese Frage dreht sich Herbert Fritschs bunt-barocke Inszenierung der Komödie «Amphitryon». » mehr

Marcel Lepper

01.05.2020

Dunkle Kapitel von Goethe- und Schiller-Archiv erforschen

Die Nachlässe von Goethe und Schiller, Liszt und Nietzsche gehören zu den Schätzen im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar. Der Chef in spe will sich aber nicht nur mit der Verehrung des ältesten Literaturarchivs Deutsc... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Lagerhalle in Geiselwind brennt völlig aus Geiselwind

Lagerhalle brennt völlig aus | 23.06.2020 Geiselwind
» 31 Bilder ansehen

BMW und Motorrad stoßen auf der B 173 zusammen Redwitz an der Rodach

BMW und Motorrad stoßen auf der B 173 zusammen | 23.06.2020 Redwitz an der Rodach
» 8 Bilder ansehen

Motorradunfall bei Sonnefeld

Motorradunfall bei Sonnefeld | 23.06.2020 Sonnefeld
» 7 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
17. 04. 2019
12:32 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.