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Rassismus als Konstante: «Die Nickel Boys»

Selten sind sich alle Experten im «Literarischen Quartett» des ZDF so einig: «Die Nickel Boys» von Colson Whitehead ist ein Meisterwerk. Der Roman schildert mit enormer Wucht den Rassismus in den USA als historisches und immer noch grausam aktuelles Phänomen.



Colson Whitehead
Colson Whitehead 2014 beim Literaturfestival lit.Cologne.   Foto: Rolf Vennenbernd

Zur falschen Zeit am falschen Ort - nämlich als Anhalter im (gestohlenen) Wagen eines Mannes, den Polizisten auf der Landstraße mit «Nigger»-Schmähungen festnehmen: Dieser böse Zufall bringt das relativ geordnete Leben des sanften Elwood Curtis im Florida der 60er Jahre komplett aus den Fugen.

Was der 16-jährige, von Martin Luther Kings Bürgerrechts-Ideen begeisterte Schwarze danach als vermeintlicher Autodieb in einer «Besserungsanstalt» erlebt, ist an teils schwer erträglichem Horror kaum zu überbieten.

Colson Whitehead, Träger des amerikanischen National Book Award und des Pulitzer-Preises für Literatur, legt mit seinem 224-Seiten-Roman «Die Nickel Boys» (Hanser) den Finger in die wohl schlimmste Wunde der US-Gesellschaft. Das Jahrhunderte alte, bis heute wütende Krebsgeschwür Rassismus seziert er mit Präzision, Empathie und einem großartigen Gefühl für Spannungsmomente.

Es ist eine «Geschichte von unglaublich erschütterndem Leid» und «einer ungeheuren Düsterkeit», wie der Gastgeber des «Literarischen Quartetts» im ZDF, Volker Weidermann, in der Juni-Sendung sagte. Dort waren sich die Experten einig wie nur selten: Dieser Roman sei «unfassbar anrührend» und «ein zu Recht zorniges Buch über Rassismus» (Thea Dorn), «eine der schmerzlichsten Leseerfahrungen» (Joachim Meyerhoff).

Der 49-jährige Afroamerikaner Whitehead bedient sich dafür einer Sprache, die seine auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte um Elwood Curtis und dessen Freund Jack Turner in all ihren Schrecken meist sachlich ausmalt, hin und wieder aber auch vor Wut explodiert. Der New Yorker hatte schon für den vielfach ausgezeichneten Vorgänger «Underground Railroad» (2016) die US-Südstaaten als Kulisse seiner Rassismus-Schilderungen gewählt, damals in einem Szenario des 19. Jahrhunderts. Diesmal siedelt er die Handlung rund 100 Jahre später an - und lässt sie in die unmittelbare Gegenwart hineinragen.

Dass die alltägliche Diskriminierung der farbigen Mitbürger in den USA eines Präsidenten Donald Trump nicht verschwunden ist, sondern - im Gegenteil - eine bittere Konstante, muss Whitehead in diesem Roman gar nicht explizit erwähnen. «Rassismus oder schlechter Service?», geht einem seiner Protagonisten auch Jahrzehnte nach den Erlebnissen im Erziehungsheim «Nickel Industrial School for Boys» noch durch den Kopf, als ihn eine weiße Kellnerin zu ignorieren scheint. Das latente Gefühl, als Schwarzer ein Mensch zweiter Klasse zu sein, wird dieser Mann niemals los.

Curtis, dieser hochbegabte, idealistische schwarze Schüler, wächst Anfang der 60er Jahre in einem Klima von Rassentrennung, Erniedrigung und friedlichem Bürgerrechtler-Aufbruch in Florida auf. Dann wirft die zufällige Bekanntschaft mit dem Autodieb Rodney all seine zarten Aufstiegspläne über den Haufen.

Der zweite Teil des Whitehead-Romans wiegt den Leser mit der Ankunft im äußerlich adretten «Nickel» zunächst in trügerischer Sicherheit. Doch schon bald ändert sich alles mit Curtis' Versuch einer Streitschlichtung. Die drastische Darstellung rassistischer Gewalt von Anstaltsaufsehern in der (ausgerechnet) «das Weiße Haus» genannten Prügelbaracke trifft mitten in die Magengrube.

Es gibt auch manchen Leerlauf im gefängnisartigen Alltag der beiden befreundeten Protagonisten Curtis und Turner - eine willkommene Beruhigung zwischen diversen Ausbrüchen primitivster Gemeinheit und irrsinniger Brutalität im «Nickel». Der im Jahr 2014 angesiedelte Prolog des Romans - die Ausgrabung der verscharrten Leichen ermordeter Schüler - klärt sich im Laufe der Handlung, die in einem Fluchtversuch kulminiert. Wie dieses Drama zweier zuletzt fast gebrochener schwarzer Jungs mit einer sensationellen Wendung ausgeht, sollte auf keinen Fall verraten werden - Spoilern verboten!

Im Nachwort schreibt Colson Whitehead: «Dieser Roman ist fiktiv, alle Charaktere sind erfunden, inspiriert wurde er jedoch durch die Geschichte der Dozier School for Boys in Marianna, Florida.» Es macht dieses Buch nur noch bewegender, dass die Ereignisse so ähnlich in den USA tatsächlich stattgefunden haben. Die Qualität von «Die Nickel Boys» stünde aber auch ohne jeden Authentizitäts-Nachweis außer Frage. Traurige Realität - gespiegelt in «großer Literatur», wie die Schriftstellerin Thea Dorn im ZDF-«Quartett» lobte.

Colson Whitehead: Die Nickel Boys. Übersetzt von Henning Ahrens. Carl Hanser Verlag, München, 224 Seiten, 23 Euro, ISBN 978-3446262768.

Veröffentlicht am:
02. 07. 2019
13:25 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
02. 07. 2019
13:25 Uhr



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