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Realität statt Traumwelten: Mirjam Pressler ist tot

Ein Leben ohne Bücher, für Mirjam Pressler nicht vorstellbar. Schon als Mädchen verschlang sie Geschichten - und wurde später selbst zu einer der bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Der Tod der Schriftstellerin und Übersetzerin ist ein großer Verlust.



Mirjam Pressler gestorben
Die Autorin Mirjam Pressler ist tot.   Foto: Sven Hoppe

Alleinerziehend und plötzlich ohne Job - was für eine Katastrophe! Als Mirjam Pressler vor fast 40 Jahren ihren Jeans-Laden in München verlor, hatte sie erst mal große Existenzangst.

Zu Unrecht, wie sich bald herausstellen sollte. Denn statt Kunden bei der Wahl der richtigen Hose zu beraten, verlegte sie sich aufs Bücherschreiben - und wurde prompt zu einer der erfolgreichsten und bedeutendsten Schriftstellerinnen und Übersetzerinnen in Deutschland. «Das war ein ganz großes Glück - rückblickend», beschrieb es Pressler einmal selbst. Nun ist die mit vielen Preisen bedachte Autorin tot. Nach langer, schwerer Krankheit starb Mirjam Pressler am Mittwoch im Alter von 78 Jahren in Landshut.

Schon ihr erstes Buch «Bitterschokolade» aus dem Jahr 1980 wurde ein Erfolg. Die Geschichte eines Mädchens mit Bulimie wurde preisgekrönt und erreichte eine Auflage von 400 000 verkauften Exemplaren. Mehr als 30 Kinder- und Jugendbücher sowie Bücher für Erwachsene folgten, etwa «Novemberkatzen» oder «Nathan und seine Kinder». Sie bekam den Deutschen Jugendliteraturpreis und viele andere Ehrungen.

Ihre Sprachen waren Hebräisch, Englisch, Niederländisch, Jiddisch, «ein bisschen» Spanisch und Französisch. Pressler übersetzte mehr als 300 Titel, darunter Romane von Zeruya Shalev oder Amos Oz. Besonders am Herzen lagen ihr die Tagebücher der Anne Frank. Sie übertrug sie ins Deutsche und setzte sich intensiv mit der Geschichte des jüdischen Mädchens auseinander, das sich vor den Nazis versteckt hatte. Presslers eigene Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt.

Kurz vor Weihnachten hatte die Autorin das Große Bundesverdienstkreuz erhalten, wegen herausragenden Einsatzes für die Völkerverständigung insbesondere zwischen Deutschland und Israel und für die Erinnerung an das nationalsozialistische Unrecht. Dazu passt ihr letzter Roman: «Dunkles Gold» erscheint am 13. März und dreht sich um einen geheimnisvollen, jüdischen Schatz von Erfurt. Das Buch spanne einen Bogen von den mittelalterlichen Pestpogromen bis zu aktuellen antisemitischen Entwicklungen in Deutschland, so der Verlag.

Pressler baue Brücken zwischen Generationen und Kulturen, zwischen uns und unserer Geschichte, befand im Juni 2017 die Jury des Münchner Literaturpreises. In der Laudatio hieß es: «Ihre Geschichten sind Bestandsaufnahme dessen, was zunächst niemand wissen will.» Sie handelten von Gewalt, Angst, Einsamkeit, Behinderung, Essstörung, Zerstörung. «Keine heile Welt, keine Fantasie- oder Fantasy-Welt, die als Setting für Kinder- und Jugendbücher so oft herhalten müssen, sondern Leben. Viel Leben.»

Pressler schrieb über das Leid, das der Nationalsozialismus über die Menschen brachte, ebenso wie über ihre persönliche Verbundenheit mit Israel und über Probleme von Kindern und Jugendlichen. Ihre Helden sind nicht strahlend und ohne Makel - sie sind Außenseiter, oft einsam und allein und sie haben es nicht leicht.

«Es gibt sie nicht, diese heile Kinderwelt», konstatierte Pressler nüchtern. In ihren Büchern finden sich deshalb keine Traumwelten, sondern Realitäten. «Das ergibt sich auch aus meiner Biografie.» Sie wurde 1940 während des Zweiten Weltkriegs als uneheliches Kind einer Jüdin in Darmstadt geboren, wuchs in einer Pflegefamilie und im Kinderheim auf und kam mit elf Jahren ins Internat. Das Schreiben war eine Art Therapie. In der Tageszeitung «Welt» nannte sie es mal «die Erlösung des sprachlosen Kindes, das ich einmal war».

Eine Kindheit ohne Bücher - für Pressler unvorstellbar. «Mir tut wirklich jedes Kind leid, das nicht liest. Wie sollen sie ein Bild von der Welt bekommen, wenn sie nicht lesen?», fragte sie. «Ich war immer eine leidenschaftliche Leserin und ich liebe Bücher.» Zwischen 100 und 200 Exemplare verschlang sie pro Jahr. Immer ein Buch vor der Nase - so hielt sie es schon als kleines Mädchen, selbst beim Holzhacken, wie sie der «Welt am Sonntag» mal verriet. «Es gab einen Sägebock zum Holzsägen und einen Klotz, auf dem ich das Holz mit dem Beil klein hackte. Meine Bücher hatte ich auf den Sägebock gestellt - so konnte ich beim Hacken lesen.»

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dpa

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Veröffentlicht am:
16. 01. 2019
17:26 Uhr

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16. 01. 2019
17:26 Uhr



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