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«Rough And Rowdy Ways»: Bob Dylan schließt den Kreis

Gute Nachricht für Dylan-Fans: Er kann es noch. Mit «Rough And Rowdy Ways» veröffentlicht der Literaturnobelpreisträger das kaum noch erwartete große, kluge Alterswerk. Seine neuen Lieder verknüpfen die triste Gegenwart mit den 60ern.



Bob Dylan
Mit Bob Dylan ist immer noch zu rechnen.   Foto: Sony Music/dpa

Die Abgesänge waren verfrüht. Viele Fans und Kritiker hatten zuletzt bezweifelt, dass Bob Dylan nach «Tempest» (2012) noch ein meisterliches Album in sich trägt. Ein Alterswerk mit eigenen Liedern, das seine 60-jährige Karriere nach dem Literaturnobelpreis von 2016 angemessen abrundet.

Mit «Rough And Rowdy Ways» gibt Dylan nun auf seine typische Art Entwarnung: Die zehn Stücke mit über 70 Minuten Gesamtlaufzeit präsentieren ihn als knorrigen, oft rätselhaften Songdichter und Sänger in fantastischer Form.

Die Vorboten des späten Triumphs waren vielversprechend. Mit «Murder Most Foul» veröffentlichte Dylan im März aus dem Homeoffice in Malibu überraschend ein Epos, in dem er fast 17 Minuten lang einen breiten Bogen schlug: vom «allerübelsten Mord» am jungen Präsidenten und Hoffnungsträger John F. Kennedy in Dallas 1963 über das zwiespältige Lebensgefühl der 1960er Jahre bis zur daraus resultierenden Gewalttätigkeit der US-Gesellschaft von heute.

Dutzende Namens- und Song-Anspielungen enthielt das virtuos mäandernde Lied - eine Spotify-Playlist mit über 60 Titeln zeugt davon. Auch «I Contain Multitudes» und «False Prophet» waren erlesene Geschenke für alle «Dylanologen» und ihre tiefschürfenden Analysen.

Nun also ein Monumentalgemälde von Album, mit den drei bereits bekannten, längst liebgewonnenen Liedern und sieben weiteren. Eingespielt mit bewährter Band, kommen die Stücke im klassischen Dylan-Spätwerkstil daher - zwischen üppiger Ballade («I've Made Up My Mind To Give Myself To You»), kargem Folk («Black Rider») und rauem Gitarren-Blues («Goodbye Jimmy Reed», «Crossing The Rubicon»).

«Mother of Muses/sing for me», so erfleht der 79-Jährige Inspiration von einer Schutzgöttin der Künste. Die demütige Bitte hat offenkundig gewirkt - nicht nur im zutiefst bewegenden Gospel «Mother Of Muses», dem vielleicht allerschönsten Song einer insgesamt herrlich melodischen Platte.

Auch das betörende Akkordeon-Stück «Key West (Philosopher Pirate)» gehört in die Reihe jener Lieder, die wohl nur der weise alte Rabe Robert Allen Zimmerman alias Bob Dylan erfinden kann. Mit zu Tränen rührender Scharfsichtigkeit schaut der alte Herr zurück auf sich und sein zerrissenes Land - der Ausblick ist noch einigermaßen tröstlich: «Key West is fine and fair/If You lost Your mind/You'll find it there». Dylan singt hier so zärtlich wie selten zuvor - auf das berüchtigte Nuscheln, Krächzen und Zetern verzichtet er zugunsten einer geradezu altersmilden Performance.

In den 60ern und 70ern verweigerte Dylan nach seinem Engagement in der Bürgerrechtsbewegung («The Lonesome Death Of Hattie Carroll», «Hurricane») eine dauerhafte Hauptrolle als Protestsänger. Jetzt begleitet er das politische Drama in den USA mit vieldeutigen Songzeilen und erschütternden Aussagen in einem seiner raren Interviews. «Das hat mich ohne Ende krank gemacht - zu sehen, wie George so zu Tode gequält wurde», erzählte er der «New York Times» über die grauenvolle rassistische Polizeibrutalität gegen George Floyd in seinem Geburtsstaat Minnesota. «Lasst uns hoffen, dass der Floyd-Familie und der Nation rasch Gerechtigkeit widerfahren.»

Auch «Murder Most Foul» (Dylans erster Nummer-eins-Singlehit in den USA) sei trotz all der Sixties-Bezüge ja mehr gewesen als nur ein Rückblick auf vergangene Zeiten, betonte der Musiker: «Für mich ist der Song nicht nostalgisch. Ich betrachte 'Murder Most Foul' nicht als eine Verherrlichung der Vergangenheit oder als eine Art Abschied von einem verlorenen Zeitalter. Es spricht für den Augenblick.» Zumal es in der Welt «heute definitiv viel mehr Angst und Nervosität als früher» gebe. Die Apokalypse lauert stets um die Ecke - wohl nicht umsonst wird Anne Frank in einem der neuen Lieder erwähnt.

Wie schon auf dem ebenfalls sehr starken Album «Tempest» - und im Gegensatz zu den teils uralten Stücken aus Jazz oder Swing, die er zuletzt lediglich lau nachsang - findet Dylan grandiose eigene Bilder und Vergleiche für Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. So sei «I Contain Multitudes» eher grundsätzlich der Vergänglichkeit gewidmet, sagte er im Interview. «Ich denke über den Tod der menschlichen Spezies nach. Die lange, seltsame Reise des nackten Affen. (...) Ich denke in allgemeinen Begriffen darüber nach, nicht auf eine persönliche Art und Weise.»

In knapp einem Jahr, am 24. Mai 2021, wird «His Bobness» 80 Jahre alt. Der geniale Songwriter ist, wenn ihn nicht eine Corona-Pandemie ausbremst wie im Frühjahr, als Live-Musiker immer noch rastlos unterwegs auf seiner «Never Ending Tour» - demnächst also mit großartigen neuen Liedern.

Und er ist, wie die 39. Studioplatte «Rough And Rowdy Ways» nun beweist, weiterhin im Vollbesitz seiner kreativen Kräfte, mit Songs, die er «wie in Trance» geschrieben habe. Ein Phänomen. Auf die Frage, wie er denn so fit bleibe, sagte Dylan: «Ich versuche einfach, auf einer geraden Linie zu gehen und auf ihr zu bleiben, auf der Ebene zu bleiben.» Hoffentlich noch sehr lange. Die Welt kann es brauchen.

Veröffentlicht am:
19. 06. 2020
11:50 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
19. 06. 2020
11:50 Uhr



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