Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: CoronavirusVideosCotubeBlitzerwarner

Boulevard

Thees Uhlmanns Comeback-Album berührt

Als «Deutschlands Bruce Springsteen» startete Thees Uhlmann vor acht Jahren eine erfolgreiche Solokarriere. Große melodische Rocksongs bietet jetzt auch sein Comeback. Die Texte aber wollte er härter und konkreter - aus Wut über das «Dreieck der Schande».



Thees Uhlmann
Thees Uhlmann, Sänger in der Astra Stube in Berlin-Neukölln.   Foto: Lisa Ducret

Thees Uhlmann trägt das Herz auf der Zunge. Er teilt gern mit, was er mag, was ihn begeistert, nervt oder traurig macht. Auf seinem neuen Soloalbum zelebriert der einstige Frontmann der Deutschpop-Band Tomte besonders freigiebig das Einflechten von Namen bekannter Persönlichkeiten: «Junkies und Scientologen» ist eine Namedropping-Platte - und sie macht (nicht nur deswegen) großen Spaß.

«Es hat mir geholfen, über Menschen zu schreiben. Aber dass es am Ende 42 sind, hätte ich nicht gedacht», sagt Uhlmann lachend im Interview der Deutschen Presse-Agentur, in dem er einen Teil der Namen Revue passieren lässt. Sein Nachdenken über unterschiedlichste, mehr oder weniger berühmte Mitmenschen führte zu spannenden Songs: mal witzig, mal wehmütig, mal wütend.

Horror-König Stephen King, der tragische schwedische Elektropop-Star Avicii neben ABBA und Jürgen Klopp, die Ramones und der U2-Prediger Bono, Katy Perry, die Scorpions im Lied «Was wird aus Hannover», Martin Luther King, Bob Dylan - und noch viele, viele mehr: Es ist eine originelle Promi-Parade, die der 45-Jährige zum kraftvollen, von großen US-Vorbildern geprägten Rock aufmarschieren lässt. Man muss Uhlmann einfach gern haben für seine Ehrlichkeit und Empathie.

Mit seinem Solodebüt hatte der in Hemmoor (Nordniedersachsen) geborene Songwriter 2011 direkt Riesenerfolg - Platz 4 der deutschen Albumcharts. Es schadete sicher nicht, dass der Sänger und Gitarrist als «Deutschlands Bruce Springsteen» vermarktet wurde, Musik und Texte ließen den Vergleich durchaus zu. Der Albumnachfolger «#2» (2013) - passenderweise Charts-Rang 2 - lief sogar noch besser.

Danach las der in Berlin lebende Uhlmann Springsteens Autobiografie «Born To Run» (2016) als Hörbuch ein. Mit dem eigenen Roman «Sophia, der Tod und ich» (Kiepenheuer & Witsch) und einer langen Lesetour schaffte er den Durchbruch als Buchautor. Am 10. Oktober bringt er ein Buch über die Toten Hosen aus Kollegen- und Fan-Sicht heraus.

Aber neue Lieder? Da war lange Fehlanzeige. Schon im Opener von «Junkies und Scientologen» geht Uhlmann nun direkt darauf ein. «Fünf Jahre nicht gesungen» heißt der Song, in dem er seinen kreativen Durchhänger thematisiert: «Ich habe alles versucht/es hat nicht gereicht/allein in der Stadt/einsam hinter dem Deich».

Uhlmann wollte viel früher als Musiker wieder zurück sein. «Ich habe Lieder geschrieben, die ich aber selbst blöd fand. Ich habe mich für meine eigenen Texte geschämt», sagt er im dpa-Interview in Berlin. «Ich habe das dann vor mir zugegeben und bin noch mal tiefer in mich 'reingegangen.»

Motiviert habe ihn auch das, was Uhlmann als «Dreieck der Schande» bezeichnet: der Brexit, Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten, der Aufstieg der rechten AfD in Deutschland. «Ich hatte so viel Wut darüber in mir und so viel Unverständnis. Deswegen dachte ich: Die Texte müssen härter und konkreter werden. Mehr Nachdenken, tiefere Gedanken - der Versuch, diesem ganzen Mist die Schönheit der Kunst entgegenzusetzen. Deshalb hat das so lange gedauert.»

Uhlmann hat kein Problem damit, sich zur Provinz zu bekennen - denn da kommt er her. Mit seiner jetzigen Wahlheimat, wo er Kindheit und Jugend seiner Tochter begleitet, ist der Mitgründer des Hamburger Indie-Plattenlabels Grand Hotel van Cleef nie ganz warm geworden. «Ich glaube, ich bin zu schwach für Berlin, ich bin zu klein für Berlin, ich bin nicht hart genug für Berlin», sagt er. «Aber aus dem Vermissen von Norddeutschland, dem Bedürfnis nach mehr Ruhe und weniger Menschen, wird bei mir schon auch Kreativität freigesetzt.»

Die von einer Band mit Produzent Simon Frontzek eingespielten Songs sind so melodisch und mitreißend wie von früheren Uhlmann-Alben gewohnt - seine Texte sind reifer, klarer, teils auch politischer. «Der Deutsche ist erst zufrieden/wenn jemand am Boden liegt/und dann lobt er sich selbst/und tritt noch mal rein», giftet Uhlmann. Oder er verurteilt Frauenfeindlichkeit im Hip-Hop. «Wenn's dann einen Shitstorm der Szene gegen mich gibt: Das halte ich schon aus», sagt er im Interview und schimpft noch ein bisschen auf die Macho-Rapper.

Skepsis, Trotz, auch Melancholie klingen oft durch in den neuen Uhlmann-Songs: «Mein ungebrochenes Unverständnis gegenüber der Welt», so nennt er das im gut sechsminütigen, epischen Titelstück. Aber am Ende bleibt doch Hoffnung - aufs «Morgenrot», auf die Zukunft.

Thees Uhlmann hat mit «Junkies und Scientologen» ein hellwaches, kluges Deutschrock-Album zur Stunde gemacht. Die Erfolgschancen nach so langer Abwesenheit beurteilt er vorsichtig: «Vielleicht ist Rockmusik ja tot. Wir haben auch keine Schauwerte zu bieten - keine nackten Frauen und keine Konfettikanone auf der Bühne. Aber unsere Fans wissen, dass sie von mir nicht verarscht werden.»

Veröffentlicht am:
22. 09. 2019
12:46 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Abba Alternative für Deutschland Bob Dylan Bono Bruce Springsteen Buchautorinnen und Buchautoren Deutsche Presseagentur Donald Trump Facebook Hip-Hop Jürgen Klopp Katy Perry Liedermacher und Singer-Songwriter Martin Luther Martin Luther King Musiker Präsidenten der USA Rockmusik Rocksongs Scientologen Scorpions (Band) Songs Stephen King Sänger Thees Uhlmann
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Bob Dylan

08.05.2020

Bob Dylans erstes Album mit neuen Songs seit 2012

Kurz nach seinem 79. Geburtstag veröffentlicht Songschreiber-Legende und Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan endlich mal wieder ein Album mit eigenen neuen Liedern. Drei sehr unterschiedliche Vorab-Songs lassen für «Rou... » mehr

Bruce Springsteen

23.09.2019

Bruce «The Boss» Springsteen wird 70

Aus der ärmlichen US-Provinz in den Rock-Olymp: Die Karriere von Bruce Springsteen ist eine atemberaubende Heldensaga, hier wurde ein «American Dream» wahr. Jetzt feiert der weltweit verehrte Musiker seinen 70. Geburtsta... » mehr

Bob Dylan

27.03.2020

Bob Dylan: 17 Minuten Erinnerung an die Sixties

Ist Bob Dylans Kreativität mit Mitte/Ende 70 doch noch nicht versiegt? Diese Frage vieler Fans beantwortet das Songwriter-Genie mit seinem epischen neuen Song «Murder Most Foul» zwar noch nicht endgültig. Aber man darf i... » mehr

Thees Uhlmann

17.09.2019

Thees Uhlmann wünscht Stephen King den Nobelpreis

Der Musiker ist offenbar ein Fan des amerikanischen Grusel-Autors. Er hat ihm sogar einen Song auf seiner neuen Platte gewidmet. » mehr

Bill Withers

03.04.2020

Sänger und Songwriter Bill Withers gestorben

«Just the Two of Us», «Ain't No Sunshine» oder «Lean on Me»: Die Songs von Bill Withers sind Klassiker. Geschrieben hat er sie alle kurz nacheinander, bevor er schon 1985 das Musikbusiness verließ und sich ins Privatlebe... » mehr

Brian Fallon

31.03.2020

Brian Fallon: Liebe, Trauer und Schmerz

Auf seinem dritten Soloalbum erzählt Brian Fallon mit viel Gefühl kleine Geschichten von Liebe, Trauer und Schmerz. Im Interview verrät der Frontmann von The Gaslight Anthem, warum ihm Trends egal sind und welchen Einflu... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Segelflieger muss notlanden Coburg

Segelflieger muss notlanden | 01.06.2020 Coburg
» 21 Bilder ansehen

Corona: AfD-Demo und Gegendemo in Coburg

Corona: AfD-Demo und Gegendemo in Coburg | 30.05.2020 Coburg
» 11 Bilder ansehen

Demo in Coburg

Anwohner-Demo in Coburg | 30.05.2020 Coburg
» 9 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
22. 09. 2019
12:46 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.