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US-Künstler John Baldessari gestorben

Ein Foto ist ein Foto - allerdings nicht, wenn man John Baldessari fragte. Der Konzeptkünstler griff nach vorhandenen Bildern, ordnete sie neu und schuf damit veränderte Wirklichkeiten. Mit Humor regte Baldessari sein Publikum dazu an, die Welt anders zu betrachten.



John Baldessari
John Baldessari ist tot.   Foto: Emily Wabitsch/dpa

Den Mut zur Lücke entdeckte John Baldessari beim Besuch im Museum. Die griechischen Vasen im Metropolitan Museum hatten es ihm angetan - genauer genommen der unbemalte Gips, mit dem fehlende Stücke ausgebessert wurden.

Auch Baldessari fragte sich: Wie verändert sich ein Bild, wenn Teile entfernt oder überdeckt werden? In Fotografie, Malerei und Text stellte er die Funktionsweise künstlerischer Medien in Frage und kommentierte die Gesellschaft dabei schmunzelnd. Nun ist Baldessari im Alter von 88 Jahren gestorben. Seine Stiftung habe den Tod des gebürtigen Kaliforniers am Sonntag bestätigt, berichteten US-Medien. Demnach starb Baldessari bereits am vergangenen Donnerstag.

Der Kalifornier zählte zu den einflussreichsten Künstlern der Gegenwart. 2009 erhielt er für sein Lebenswerk den Goldenen Löwen der 53. Biennale von Venedig. Drei Jahre später wurde ihm der Kaiserring der Stadt Goslar verliehen, einer der weltweit wichtigsten Preise für moderne Kunst. Der damalige US-Präsident Barack Obama zeichnete Baldessari im September 2015 mit der National Medal of Arts (für 2014) aus, der höchsten Würdigung der US-Regierung für Künstler.

Mit skurrilen Collagen und unerwarteten Bildkompositionen konnte der weißbärtige Zwei-Meter-Mann bei so manchem Betrachter ein Lächeln hervorrufen. Doch auf den zweiten Blick setzte bei vielen Verwunderung ein, wenn das Radikale an Baldessaris sichtbar wurde. Sein spöttischer Ton galt nicht selten der Kunstwelt und dem modernen Kunstbetrieb. Er wolle entschleunigen und zu neuen Blickweisen auf die Welt anregen, sagte er dem Radiosender NPR 2013. Eine Frische und Relevanz bewahrte er sich auch nach den über 1000 weltweiten Gruppen- und 200 Einzelausstellung seiner Karriere.

Die Kunst der Lücke wurde dabei zu Baldessaris Taschenspielertrick. «Manchmal entfernt er das Ding, das am offensichtlichsten mitten in deinem Blickfeld liegt, zwingt dich, fast zum ersten Mal alles andere anzugucken, um einen neuen Sinn für das Gesehene zu schaffen», fasste Michael Govan, Direktor des Los Angeles County Museum of Art (LACMA) zusammen. Genau das bedeute Konzeptkunst schließlich, zu dessen wichtigsten Vertretern Baldessari zählte: Der Künstler legt dem Publikum nur die Idee vor, erst im Kopf des Betrachters wird sie zur Kunst.

Eine große Lücke klaffte auch in der Kunstszene im kalifornischen National City nahe der mexikanischen Grenze, wo Baldessari 1931 geboren wurde. Mit handgemalten Phrasen auf Leinwand versuchte er in jungen Jahren, die Sprache in ein Objekt zu verwandeln und Texte wie Bilder zu nutzen. «Pure Beauty» (Wahre Schönheit) setzte er etwa auf eine Leinwand im Jahr 1968. Der Küstenstaat blieb auch nach dem Studium sein Zuhause, wo er lebte (Santa Monica), unterrichtete (Los Angeles) und arbeitete (Venice). Die Kunstszene Kaliforniens prägte er entscheidend mit, zu seinen Schülern zählten unter anderem David Salle, Mike Kelley und Tony Oursler.

Die Kunst schien ihn erst ins Nirgendwo zu führen - Baldessari hatte keine Galerie, kein Publikum, keine Käufer. So verbrannte er 1970 nahezu alles, was er vorher erschaffen hatte, und versprach sich selbst den Neuanfang: «Ich werde keine langweilige Kunst mehr machen», heißt sein Film von 1971 übersetzt, in dem er diesen Satz wieder und wieder aufschreibt, bis das Band ausläuft. Sein Abschied von der Malerei war ein Tod seiner alten Kunst - die Asche bewahrte er in einer Urne auf - und eine Neugeburt in der Fotografie und anderen Medien.

Seine Ideen trieb Baldessari unter anderem in Fotomontagen weiter, die er drittklassigen Filmen entnahm und in neuen Kontext brachte. Die Serie «Frames and Ribbon» von 1988, bei der er bunte Aufkleber über menschliche Gesichter in Schwarzweißfotos setzte, blieb wohl seine bekannteste. Baldessari selbst sagte, er werde wohl in Erinnerung bleiben als «der Typ, der Punkte auf die Gesichter von Leuten setzte». Die runden Sticker, die im Kunsthandel an verkaufte Arbeiten geklebt werden, waren ein satirischer Kommentar über den Kunstmarkt. Als minimalistische Maltechnik schufen sie gleichzeitig neue Farbfelder über der altbekannten Palette aus der Schwarzweißfotografie.

John Baldessari versuchte sich in fast jedem künstlerischen Medium, darunter auch in Performances, Videos und an einer Smartphone-App. Geltende Regeln und das Grundverständnis darüber, wie ein Medium funktioniert, hebelte er regelmäßig aus. Humor war dabei nie Selbstzweck, sondern Trittstein zum Nachdenken über die Weise, wie Menschen die Welt betrachten. «Ich vergleiche meine Arbeit immer mit der eines Krimi-Autors», sagte er dem «Interview Magazine» 2013. «Du willst nicht gleich wissen, wie das Buch ausgeht.»

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dpa

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Veröffentlicht am:
06. 01. 2020
10:20 Uhr

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06. 01. 2020
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