Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Boulevard

Viele Frauen und ein Drama von Polanski sind Favoriten

Auf den ersten Blick spielten Frauen beim Festival nur eine kleinere Rolle. Doch das täuschte. Nun sieht es so aus, als könnten bei der Preisvergabe einige Frauen triumphieren. Und dann sind da noch eine Mafia-Groteske und Roman Polanski.



76. Internationale Filmfestspiele Venedig
Wer bekommt den Goldenen Löwen?   Foto: Felix Hörhager

Es könnte das Festival der Frauen werden.

Im Wettbewerb der Filmfestspiele Venedig waren in den vergangenen Tagen zwar nur zwei Beiträge von Regisseurinnen zu sehen. Dennoch dominierten auch in den anderen Werken häufig Geschichten über unabhängige, starke oder eigenständige Frauen - selbst wenn dabei ein Mann Regie führte. Deswegen deutet vieles darauf hin, dass bei der Preisverleihung an diesem Samstagabend gleich mehrere Frauen im Mittelpunkt stehen werden.

Zu den Favoriten auf den Goldenen Löwen für den besten Film zählt «Ema», ein energiegeladenes Werk über eine junge Frau, die sich nicht um Konventionen schert: Ema macht, was sie will, liebt, wen sie will, und schläft, mit wem sie will. Der chilenische Regisseur Pablo Larraín hat mit Mariana Di Girolamo nicht nur eine herausragende Hauptdarstellerin gefunden, die diese junge Frau eindrucksvoll verkörpert. Er erzählt zugleich vorurteilsfrei von den Erfahrungen dieser modernen Heldin und ihrer Beziehung zu einem Tanzchoreographen.

Möglicherweise zeichnet die Jury mit der argentinischen Filmemacherin Lucrecia Martel als Präsidentin auch die Werke der beiden Regisseurinnen im Wettbewerb aus. Immerhin legte die Australierin Shannon Murphy mit ihrem Debüt «Babyteeth» ein eigenwilliges Drama um eine krebskranke Jugendliche vor, während Haifaa Al Mansour in der deutschen Koproduktion «The Perfect Candidate» den Kampf der Frauen in Saudi-Arabien um mehr Gleichberechtigung beleuchtete.

Darüber hinaus gab es in diesem Jahrgang gleich mehrere Beiträge, die das kunstvolle und experimentierfreudige Kino feiern - auch sie könnten am Ende mit einem Preis geehrt werden. Der in Hongkong lebende Yonfan stach dabei mit seinem filigran gezeichneten Animationswerk «No. 7 Cherry Lane» besonders hervor, in dem er von der Liebe zwischen einem jungen Studenten und einer älteren Frau erzählt. Roy Andersson, der schon für «Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach» den Goldenen Löwen gewann, blickte hingegen in «About Endlessness» in die traurigen Seelen der Menschen. Das tat er einmal mehr in streng durchkomponierten Bildern und auf lakonisch-melancholische Weise.

Mutig war zudem Franco Maresco, der in seiner erst am Freitag gezeigten Dokumentation «The Mafia Is No Longer What It Used to Be» den Umgang mit der Mafia bis heute sezierte und das als überdrehte Groteske inszenierte. Vielleicht kann er das Löwenrennen auf den letzten Metern noch für sich entscheiden - anders als «Waiting for the Barbarians», das mit einem Drehbuch von Nobelpreisträger J. M. Coetzee und Johnny Depp in einer der Hauptrollen zwar mit einigen prominenten Namen aufwartete, letztendlich aber mit einer zu bemühten Geschichte um Kolonialisierung enttäuschte.

Zu den Favoriten zählen dafür noch andere Namen aus Hollywood, punktete das Festival dieses Mal doch auch mit jeder Menge Stars: Joaquin Phoenix begeisterte in der Rolle als tieftrauriger und extrem gestörter «Joker» und Noah Baumbach schickte Scarlett Johansson und Adam Driver in «Marriage Story» durch einen bitterbösen Scheidungskrieg - gerade Driver («Star Wars») ist für Phoenix eine starke Konkurrenz um den Preis als bester Darsteller.

Spannend wird außerdem, wie Lucrecia Martel und die anderen Jurymitglieder mit Roman Polanski umgehen. Martel hatte zu Festivalbeginn ausführlich erläutert, warum die Einladung des Regisseurs, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wird, für sie so schwierig ist. Doch der 86-jährige Oscargewinner bewies mit «J'accuse», warum er zu den größten Regisseuren seiner Generation zählt: Das Drama um die Dreyfus-Affäre und einen politischen Justizskandal in Frankreich erzählt er atmosphärisch und mit einem guten Gespür für subtile Spannung. Eigentlich müsste es auch für dieses Werk eine Auszeichnung geben.

Veröffentlicht am:
06. 09. 2019
13:41 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Chilenische Regisseure Drehbücher Film & Kinofestivals Filme Filmemacher Goldener Löwe Joaquín Phoenix John M. Coetzee Johnny Depp Mafia Regisseure Roman Polanski Saudi-Arabische Frauen Scarlett Johansson Schauspieler Twitter
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
76. Internationale Filmfestspiele Venedig

08.09.2019

Mutige Entscheidungen: Preise für «Joker» und Polanski

Nach einem durchwachsenen Wettbewerb endet das Filmfestival mit einigen Überraschungen: Der Goldene Löwe geht an die Hollywoodproduktion «Joker» über die Entstehung der gleichnamigen Comicfigur. Vor allem aber der Preis ... » mehr

Goldener Löwe für «Nomadland»

13.09.2020

«Nomadland» gewinnt Goldenen Löwen beim Filmfest Venedig

Zum erst fünften Mal geht der Hauptpreis des Festivals an den Film einer Frau - ein Werk mit Oscargewinnerin Frances McDormand in der Hauptrolle. Die deutschen Hoffnungen werden dagegen enttäuscht. » mehr

Kate Winslet

16.09.2020

Filmfest in Toronto: Kate Winslet und Anthony Hopkins geehrt

Beim Toronto International Film Festival werden alljährlich herausragende Filmschaffende mit dem Tribute Actor Award geehrt. In diesem Jahr wurden zwei britische Schauspieler ausgezeichnet. » mehr

Goldener Löwe

07.09.2019

Spannung vor der Preisvergabe beim Filmfest Venedig

Wer bekommt den Goldenen Löwen? Ein klarer Favorit sticht nicht hervor. Mit Spannung wird auch erwartet, wie die Jury mit Roman Polanskis Film umgeht. » mehr

Chloé Zhao

20.09.2020

US-Drama «Nomadland» gewinnt beim Filmfest in Toronto

Im bewegenden Drama «Nomadland» spielt Frances McDormand eine Frau, die allein in ihrem Van durch den amerikanischen Westen reist. Nach dem Erfolg beim Filmfestival Venedig kann sich das Team um Regisseurin Chloé Zhaos ü... » mehr

Regisseur Christian Petzold

28.08.2020

Christian Petzold freut sich auf Venedig

Der 59-Jährige Regisseur Christianpetzold wird beim Filmfest in Venedig in der Jury Platz nehmen. Er glaubt, dass das Festival dieses Jahr ruhiger ausfallen wird als sonst. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

"It'z Jazz around the Globe" in Coburg

"It'z Jazz around the Globe" in Coburg | 26.09.2020 Coburg
» 111 Bilder ansehen

Busfahrer streiken in Coburg Coburg

Streik der Busfahrer in Coburg | 25.09.2020 Coburg
» 10 Bilder ansehen

ICE kollidiert mit Schafherde Sonneberg

ICE kollidiert mit Schafherde | 23.09.2020 Sonneberg
» 23 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
06. 09. 2019
13:41 Uhr



^