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Wilco-Boss Tweedy: «Ich möchte und muss Optimist sein»

«Ode To Joy», also wie bei Beethoven «Ode an die Freude» - so heißt das neue Album von Wilco. Können Rocksongs in politisch düsteren Zeiten Hoffnung spenden? Ein langes Gespräch mit Wilco-Boss Tweedy.



Jeff Tweedy
Jeff Tweedy: «Liebe ist tatsächlich überall.».   Foto: Britta Pedersen/zb/dpa

Mit einem ihrer stärksten Alben in 25 Jahren Bandgeschichte kehren die US-Folkrocker Wilco auf die große Bühne zurück (VÖ 4.10., «Ode To Joy»). Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat ein langes Gespräch mit Frontmann Jeff Tweedy (52) geführt - kurz vor einem wieder mal herausragenden Konzert des Sextetts im Berliner Tempodrom.

Frage: «Ode To Joy» ist womöglich das stillste, vielleicht auch schönste Album, das Wilco je herausgebracht haben. Und es scheint zumindest teilweise sehr politisch zu sein. Stimmt dieser Eindruck?

Antwort: Wenn es um die Frage nach der Politik geht, sage ich gern: Kunst ist eigentlich immer politisch - weil sie Menschen bewegt und beeinflusst. Diesmal ging es aber tatsächlich stärker als früher um konkrete Kommentare durch Musik - um das, was in meiner Umgebung passiert, um das Beunruhigende des amerikanischen Lebensstils, um das Kranke daran, dass autoritäres Gehabe so akzeptiert wird. Das erleben viele «People of colour» in den USA natürlich viel stärker als ich.

Es gab also Entscheidungen, all dies auch musikalisch rüberzubringen. Etwa durch einen Schlagzeug-Sound, der Marschgeräusche imitiert - den Marsch von Protestierenden oder aber auch von Soldaten. Darüber haben wir dann unsere kleinen Folksongs gelegt. Die Platte ist ein Versuch, Gefühle zu zeigen. Die Menschen kämpfen derzeit mit ihren Emotionen, wenn andere Leute an der Grenze in Käfige gesteckt werden. Sie kämpfen damit, Freude zu empfinden, während andere voll Furcht sind. Aber ich glaube, dass es niemandem hilft, keine Freude zu empfinden.

Frage: Sie hatten früher Barack Obama und die Demokraten unterstützt. Nächstes Jahr findet nun wieder eine Präsidentschaftswahl in den USA statt. Gibt es Pläne, gegen Donald Trump aufzutreten?

Antwort:Es wird doch wohl für normal gehalten, dass Wilco sich dazu äußern. Wenn ich einen Weg finde, als guter Bürger aufzustehen, so wie es meine Familie ja schon direkt vor Ort macht, dann tue ich es. Wenn ich gefragt werde, schweige ich sicher nicht. Auch wenn Joe Biden als Präsidentschaftskandidat nicht meine erste Wahl wäre.

Frage: Während der Bandpause seit 2016 waren Sie sehr fleißig: ein Album mit akustischen Wilco-Songs, zwei Soloplatten, eine Autobiografie. Machen Sie eigentlich einen klaren Trennstrich zwischen Wilco und Ihrer Solo-Arbeit? Was sagt Ihnen, dies ist ein Wilco-Song und dies ist ein Solo-Stück?

Antwort: Nein, so arbeite ich nicht. Ich gehe jeden Tag ins Studio, wenn ich zuhause bin, und mache da etwas. Mir ist es wichtig, nicht gleich zu urteilen: Oh, das ist jetzt ein Wilco-Song. Denn ich weiß zunächst mal gar nicht, was ein Wilco-Song ist. Ein Wilco-Song wird erst daraus, wenn wir als Band in einem Raum sind.

Frage: Hatten Sie während Ihrer Solo-Arbeit mal das Gefühl, es künftig ganz allein hinzukriegen? Und wann kam dann der Punkt, an dem Sie wieder bereit für die Band waren?

Antwort: Das Projekt Wilco hat in der Welt natürlich einen anderen Stellenwert als meine Solo-Sachen. Und es hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Das sind langjährige Freunde, und es tut immer gut, in diesen größeren Zusammenhang zurückzukehren.

Frage: Wie sind Ihre Gefühle für diese Band, die es ja nun schon seit 15 Jahren in einer sehr stabilen Besetzung gibt?

Antwort: Wissen Sie, die Band kam ja 2004 so zusammen, bevor ich in die Klinik ging, um nach meiner Medikamentenabhängigkeit wieder gesund zu werden. Sie sollte das damals aktuelle Material der Alben «Yankee Hotel Foxtrot» und «A Ghost Is Born» spielen. Direkt danach war es für mich sehr sehr bewegend, dass sie weiter geübt und in die Zukunft geschaut hatten, als ich weg war. Wir sind also mit einem unglaublich eng verbindenden Erlebnis gestartet. Ich musste keine neuen Freunde und Bandkollegen finden. Diese Verbindung ist in den 15 Jahren seither immer stärker geworden. Wilco umgibt insgesamt ein gemeinsames Gefühl von Dankbarkeit, das ist einfach großartig. Wir haben in Vans geschlafen oder in Hotels, wir haben Geld verdient oder auch nicht. Darauf bin ich wirklich stolz.

Frage: Lassen Sie uns über das fabelhafte Gitarrenspiel von Nels Cline sprechen, etwa auf den neuen Songs «Quiet Amplifier» oder «We Were Lucky». Ist Nels derzeit der beste Gitarrist der Welt?

Antwort: Er ist definitiv einer der besten, auch wenn er da jetzt wohl rot würde. Nels ist überhaupt eine unglaubliche Persönlichkeit, voller Großzügigkeit und Bescheidenheit. Er macht jeden besser, der mit ihm spielt.

Frage: Auch das neue Album endet mit einer dieser typisch melancholischen Wilco-Balladen. Lassen Sie den Hörer gern in trauriger oder nachdenklicher Stimmung zurück?

Antwort: Ein Lebewohl sollte sanft und zart ausfallen, es sollte zugleich etwas mit Bedeutung sein. Das ist mit einem lauten Song schwerer zu erreichen. Alle Wilco-Alben laufen auf etwas Hoffnungsvolles zu, auf eine Lösung. Außerdem mag ich die Vorstellung, dass Hörer zu unseren Platten am Ende einschlafen können und nicht zum Wachbleiben genötigt werden.

Frage: Der Plattentitel «Ode To Joy» klingt episch, hoffnungsvoll und auch etwas ironisch gleichermaßen. Was war Ihre Absicht?

Antwort: Längere Zeit war das nur der Arbeitstitel für ein Lied, nämlich für «Before Us». Dann wurde «Ode To Joy» zum Titel des ganzen Albums. Zunächst wollten wir es «The Trouble With Caring» nennen. Das klang ein bisschen seltsam. Nein, es steckt keine Ironie dahinter, es geht eher um eine gewisse Leichtigkeit - und definitiv hat es nichts mit Beethoven zu tun.

Frage: Darauf könnte man tatsächlich kommen - immerhin steht Beethovens «Ode an die Freude» musikalisch für die Idee der Europäischen Union, im Gegensatz zu all der Spaltung in der Welt, die wir derzeit beobachten.

Antwort: Das war mir bewusst, aber es ergab sich dann doch eher als glücklicher Zufall. Wenn ich den Albumtitel deswegen aber für eine schlechte Idee gehalten hätte, hätte ich ihn geändert.

Frage: Die erste Auskopplung vom neuen Album heißt «Love Is Everywhere (Beware)» - ein schöner Pop-Walzer mit beruhigenden, aber auch verstörenden Textzeilen. Ist Liebe wirklich überall?

Antwort: Absolut. Liebe ist tatsächlich überall. Wir dürfen nur nicht blind dafür werden. Ich sage meinen Kindern: Auch Leute, mit denen man tiefe politische Meinungsverschiedenheiten hat, die in einer Kultur des Rassismus aufgewachsen sind, die ignorant sind für andere - im Allgemeinen wollen doch auch diese Menschen irgendwie nützliche Wesen sein, Hoffnung haben, anderen helfen. Also ich denke, ich möchte und muss Optimist sein.

Frage: Die ersten Besprechungen zu «Ode To Joy» sind sehr vielversprechend. Stimmt der Eindruck, dass Sie dieses Jahrzehnt mit einem kreativen Kracher beenden wollten?

Antwort: Ich habe natürlich nie eine Platte herausgebracht, die ich selbst nicht schön oder bedeutsam fand. Aber bei «Star Wars» und «Schmilco» war ich zuletzt frustriert von der Bürde unserer Bandgeschichte. Also haben wir sie auf den beiden Alben quasi unter Ironie vergraben. Diesmal wollte ich auf jeden Fall vorsichtiger damit umgehen und die neue Platte als vollwertiges Statement präsentieren.

ZUR PERSON: Jeff Tweedy (52) ist Sänger und Songwriter der von ihm 1994 gegründeten Alternative-Country- und Folkrock-Band Wilco. Deren Alben «Yankee Hotel Foxtrot» (2002), «Sky Blue Sky» (2007) und «The Whole Love» (2011) gelten als drei der besten Platten der vergangenen 20 Jahre. Außerdem ist Tweedy als Solokünstler, Musikproduzent, Studio- und Labelbetreiber tätig. Voriges Jahr veröffentlichte er eine hochgelobte Autobiografie.

Veröffentlicht am:
01. 10. 2019
13:10 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
01. 10. 2019
13:10 Uhr



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