Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Brennpunkte

68.000 Frauen und Mädchen von Genitalverstümmelung betroffen

In einigen Teilen der Welt ist es immer noch grausame Praxis: 90 Prozent der Mädchen werden nach Angaben des Kinderhilfswerks Unicef in manchen Ländern beschnitten. Auch in Deutschland leben viele Betroffene. Darauf will die Familienministerin aufmerksam machen.



Neue Zahlen zu weiblicher Genitalverstümmelung
Frauenministerin Franziska Giffey und Faduma Korn, 1. Vorsitzende von «NALA e.V. Bildung statt Beschneidung» präsentieren das Ergebnis einer Unterschriftenaktion gegen Genitalverstümmelung.   Foto: Kay Nietfeld/dpa

In Deutschland leben nach Angaben von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) rund 68.000 Frauen und Mädchen, die von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen sind. Giffey legte Zahlen vor, die im Auftrag ihres Ministeriums erhoben wurden.

Demnach hat sich die Anzahl der betroffenen Frauen und Mädchen hierzulande in den vergangenen Jahren aufgrund von Zuwanderung deutlich erhöht. Die meisten stammten aus Eritrea, Somalia, Indonesien, Ägypten und Nigeria. Das Familienministerium schätzt, dass daneben bis zu knapp 15.000 Mädchen in Deutschland von weiblicher Genitalverstümmelung bedroht sind - darunter Mädchen, die auch in zweiter Generation schon hier leben. Giffey sagte, es sei nicht einfach, solche Daten zu erheben. «Es ist ein Straftatbestand, so dass wir uns hier im Rahmen einer Dunkelfeldforschung bewegen.» Die Erhebung wurde den Angaben zufolge im Auftrag des Ministeriums nach einer von dem Europäischen Institut für Gleichstellungsfragen entwickelten Methodik erstellt.

Hinter den abstrakten Zahlen stecken bewegende Schicksale. Spätestens seit dem Welterfolg «Wüstenblume», der Autobiografie der Somalierin Waris Dirie, ist das Thema einer breiten Öffentlichkeit bewusst. In Deutschland setzt sich Fadumo Korn dafür ein, dass es nicht wieder aus dem Bewusstsein verschwindet. Mit ergreifenden Worten beschrieb die vor 40 Jahren aus Somalia nach Deutschland gekommene Vorsitzende des Vereins «NALA e.V. Bildung statt Beschneidung» am Donnerstag in Berlin, was ihr als Kind widerfahren ist.

«Ich wurde mit sieben Jahren meiner Weiblichkeit beraubt.» In der Steppe Somalias sei sie ohne jegliche Narkose und Vorbereitung von zwei Frauen festgehalten worden und mit einer Rasierklinge beschnitten worden. «Man kann sich das nicht vorstellen (...) Es gibt kein Wort, das diesen Schmerz beschreiben kann, wenn man ohne Narkose seine Organe herausgeschnitten bekommt.» Sie sei dabei fast gestorben und ins Koma gefallen.

Fadumo Korn sprach von einer «mächtigen Tradition» in Ländern, in denen die Genitalverstümmelung weiterhin durchgeführt wird. Ihr sei es wichtig, für die zu kämpfen, die keine Stimme hätten. Giffey verwies darauf, dass in den jeweiligen Landessprachen auch durch bestimmte Bezeichnungen suggeriert werde, dass Mädchen mit der grausamen Prozedur etwas Gutes getan werde. So sei von «Saubermachen» die Rede oder von einem «Schritt ins Frau-Sein». Man müsse aufklären. «Weibliche Genitalverstümmelung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und eine archaische Straftat, die Mädchen und Frauen in ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung verletzt», sagte die SPD-Politikerin.

Unterstützung für Betroffene könnten etwa Hebammen leisten. Zudem verwies Giffey auf das bundesweite Hilfetelefon «Gewalt gegen Frauen», das rund um die Uhr auch mit mehrsprachigen Ansprechpartnern erreichbar ist. Die Vorlage der Zahlen nutzte sie auch, um auf die Rechtslage in Deutschland hinzuweisen. In Deutschland ist Genitalverstümmelung strafbar. Täter könnten auch belangt werden, wenn die Tat im Ausland stattgefunden habe. Zudem bestehe die Möglichkeit des Passentzugs, wenn eine Person eine weibliche Beschneidung im Ausland plane. In der Praxis gab es Giffey zufolge aber bisher nur wenige Fälle, in denen das zum Tragen kam.

Die frauenpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Nicole Bauer, sagte, die Bundesregierung tue aktuell nicht genug, um betroffene Mädchen und Frauen zu schützen. «Es muss endlich mehr Aufklärung zu diesem Thema geben, auch als Teil der Integrationskurse, und wirksame Gesetze.» Für Betroffene brauche es zudem ein Register von spezialisierten Ärzten, deren Expertise etwa bei Geburten zu Rate gezogen werden könne.

© dpa-infocom, dpa:200625-99-560005/4

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
25. 06. 2020
13:56 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bundesfamilienminister FDP-Fraktion Familienminister Familienministerien Franziska Giffey Frauen Gewalt gegen Frauen Menschenrechtsverletzungen Ministerien Mädchen Regierungseinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland SPD Straftatbestände UNICEF Waris Dirie
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Protest

27.07.2020

Polen könnte von Konvention gegen Gewalt an Frauen abrücken

Kündigt Polen das Übereinkommen des Europarats gegen Gewalt gegen Frauen auf? Ein Vorstoß des Justizministers sorgt für Diskussionen - und für Kritik aus Berlin, Straßburg und Brüssel. » mehr

Coronavirus ? Eltern als Krisenmanager

28.04.2020

Familienminister wollen Kitas «behutsam» öffnen

Millionen Eltern betreuen ihre Kinder derzeit zuhause. Viele fühlen sich von der Politik allein gelassen, weil Geschäfte und Schulen öffnen, aber Kitas dicht bleiben. Die Familienminister von Bund und Ländern haben berat... » mehr

Opfer häuslicher Gewalt

25.11.2019

Gewalt in der Partnerschaft: Die Zahlen steigen

Männer, die ihre Frauen schlagen, Ex-Partnerinnen, die zur Stalkerin werden - die Zahlen bei der Partnerschaftsgewalt steigen, zeigen aktuelle Daten. Meistens trifft es Frauen. Daran wurde zum Internationalen Tag gegen G... » mehr

Mit Kindern Zuhause

19.05.2020

Mahnung in der Krise: Frauen bei Wirtschaftshilfen beachten

Die Bundesregierung will die Wirtschaft in der Corona-Krise unterstützen. Doch manche befürchten, dass Frauen bei den Zahlungen zu kurz kommen könnten. Manche Berufe sollen deshalb stärker in den Fokus gerückt werden. » mehr

Annette Widmann-Mauz

10.07.2020

Widmann-Mauz pocht auf Studie über Rassismus in der Polizei

Seehofer will nicht, dass Wissenschaftler untersuchen, wie groß das Rassismus-Problem in der Polizei ist. Neben Polizeiverbänden sieht das auch eine CDU-Kollegin deutlich anders. » mehr

Kita

16.06.2020

Zweifel an Wirkung von «Gute-Kita-Gesetz»

Seit einem halben Jahr bekommen die Länder über das sogenannte Gute-Kita-Gesetz viel Geld vom Bund für bessere Kitas. Gewerkschaften und Kinderschützer sehen bis jetzt aber keine großen Fortschritte und haben Zweifel, ob... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Muggendorfer Gebirgslauf

Muggendorfer Gebirgslauf | 05.08.2020
» 24 Bilder ansehen

Der Coburger Bahnhof der Zukunft Coburg

Der Coburger Bahnhof der Zukunft | 03.08.2020 Coburg
» 21 Bilder ansehen

Fridays for Future und Critical Mass in Coburg Coburg

Fridays for Future und Critical Mass in Coburg | Coburg
» 32 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
25. 06. 2020
13:56 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.