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Forscher setzen Kirche im Missbrauchsskandal unter Druck

Mehr als vier Jahre lang haben Wissenschaftler die dunkle Seite der deutschen katholischen Kirche unter die Lupe genommen und Missbrauchsfälle dokumentiert. Dennoch bezeichnet der Studienleiter die nun vorgestellten Zahlen nur als «Spitze eines Eisbergs».



Kardinal Reinhard Marx
«Wir sind erschrocken und tief erschüttert über das, was möglich war im Volk Gottes, durch Priester, die den Auftrag des Evangeliums hatten, Menschen aufzurichten», sagt der Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.   Foto: Arne Dedert » zu den Bildern

Eine erschütternde Studie über jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen bringt die katholische Kirche in Deutschland unter Reformdruck.

Die in Fulda vorgestellte Untersuchung zeigt nicht nur die erheblichen Verfehlungen katholischer Kleriker in den vergangenen Jahrzehnten auf, sondern benennt auch problematische Strukturen, die Missbrauchsfälle auch heute begünstigen könnten. Der Leiter der Studie, Harald Dreßing, betonte, die Missbrauchsthematik sei daher keineswegs überwunden. «Das Risiko besteht fort», sagte er.

Die Studie ergab unter anderem, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 meist männliche Minderjährige missbraucht haben sollen.

Zum fortbestehenden Risiko sagte Dreßing, Gründe dafür könnten beispielsweise der Missbrauch der ausgeprägten klerikalen Macht, die Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit (Zölibat) sowie ein innerkirchlich «problematischer Umgang» mit dem Thema Sexualität sein - vor allem mit der Homosexualität. Der forensische Psychiater vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim betonte, wenn die Kirche die Missbrauchsthematik in Zukunft wirklich überwinden wolle, dann müsse sie sich mit diesen Themen «ernsthaft und mit dem Mut zur Veränderung» befassen.

Angesichts einer enormen Dunkelziffer seien die nun ermittelten Zahlen und Quoten allenfalls «die Spitze eines Eisbergs». Dreßing beklagte einen mangelnden Aufklärungswillen in weiten Teilen der Kirche. Das Ausmaß des Missbrauchs als auch «der Umgang der Verantwortlichen damit» sei «erschütternd» gewesen. In Kirchenakten habe man Hinweise auf den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen bei 4,4 Prozent aller Kleriker gefunden, die zwischen 1946 und 2014 tätig gewesen seien und über die Akten vorgelegen hätten, sagte Dreßing.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, sagte, man müsse die von den Forschern genannten Strukturfragen beantworten. Machtansammlung, die nicht kontrolliert werde, könne «möglicherweise Menschen in Versuchung führen». Der Münchner Kardinal betonte zugleich, die Forscher hätten bestätigt, dass der Zölibat und Homosexualität «für sich genommen» keinen Missbrauch hervorriefen, «aber sie können Teil eines Gesamtproblems sein. Und das muss man angehen, das werden wir diskutieren».

Marx hatte am Montag angedeutet, dass die Bischöfe im Laufe der Woche bei ihrer Herbst-Vollversammlung in Fulda auch über mögliche Strukturänderungen in der Kirche beraten wollten - die Studie sorge für «einen Wendepunkt». Er konstatierte: «Viele Menschen glauben uns nicht mehr. Und ich habe dafür Verständnis.» Details möglicher Reformen nannte er nicht - er sagte nur: «Wir müssen, was die Prävention und die Auswahl der Priester angeht, neue Wege gehen.»

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) sagte, die Studie müsse Ausgangspunkt einer «schonungslosen Aufklärung» sein. Justizministerin Katarina Barley (SPD) forderte, die Kirche müsse jede Tat anzeigen. «Der Rechtsstaat kann nur funktionieren, wenn ihm Taten gemeldet werden.» Im Jahr 2010 hatten die katholischen Bischöfe in diesem Zusammenhang bereits ihre Vorschriften verschärft, seither wird nach Kirchenangaben automatisch bei jedem Verdacht auf sexuellen Missbrauch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Die Anzeigepflicht entfalle nur, wenn das Opfer dies ausdrücklich wünsche, heißt es.

Marx sagte, allzulange sei in der Kirche «Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht» worden. «Für dieses Versagen und für allen Schmerz bitte ich um Entschuldigung.» Er schäme sich «für das Vertrauen, das zerstört wurde; für die Verbrechen, die Menschen durch Amtspersonen der Kirche angetan wurden». Und er empfinde Scham für «das Wegschauen von vielen».

Kritiker bemängelten, der tatsächliche Umfang des Missbrauchs in der katholischen Kirche habe in der Studie nicht annähernd abgebildet werden können. Den Autoren der vor viereinhalb Jahren von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Untersuchung sei etwa kein Zugang zu Originaldokumenten in den Kirchenarchiven eingeräumt worden. Zudem fehlten Aussagen von Opfern, auch seien Missbrauchsfälle etwa in katholischen Heimen, Anstalten und Psychiatrien oder in den zahlreichen Ordensgemeinschaften nicht berücksichtigt worden.

Obendrein werden in der Studie keine Namen genannt. Auch auf einzelne Bistümer runtergebrochene Zahlen gibt es nicht - aus vertraglichen Gründen, wie Dreßing sagt. Der Kriminologe Christian Pfeiffer bezeichnete dieses Vorgehen der Bischöfe in der «Passauer Neuen Presse» als «organisierte Verantwortungslosigkeit». Die Studie sei zwar exzellent aufgearbeitet. «Aber das Entscheidende fehlt: Wir wissen nicht, wer die Verantwortlichen sind.»

Angesichts des Skandals werden Forderungen nach einer staatlichen Untersuchungskommission und erheblich höheren Entschädigungszahlungen für die Missbrauchsopfer laut. Der bei der Bischofskonferenz für Missbrauchsfragen zuständige Trierer Bischof Stephan Ackermann sagte, man stelle das Anerkennungsverfahren für Opfer «auf den Prüfstand». Zurückhaltender äußerte sich Marx zur Idee, die weitere Aufarbeitung der Missbrauchsfälle staatlichen Behörden zu übergeben. Er halte weitere Untersuchungen für nötig - allerdings sollten diese Untersuchungen von den einzelnen Bistümern in Auftrag gegeben werden.

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25. 09. 2018
16:27 Uhr

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