Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Brennpunkte

Haftstrafen für Angeklagten nach Schüssen auf Rockerboss

In einer Sommernacht auf St. Pauli werden auf eine Limousine fünf Schüsse abgeben. Der Fahrer ist ein Rockerboss, der dem Tod nur knapp entkommt. Nun wird das Landgericht Hamburg endgültig über den Fall - wohl ein Racheakt - entscheiden.



Schüsse auf Rocker
In der Nacht zum 27. August 2018 waren fünf Schüsse auf einen Hells-Angels-Boss abgegeben worden, als dieser vor einer Ampel am Hamburger Millerntor halten musste.   Foto: Mücahid Güler/dpa

In einem Prozess um beinahe tödliche Schüsse auf einen Rockerboss in Hamburg-St. Pauli sind alle drei Angeklagten wegen gemeinschaftlich versuchten Mordes in Tateinheit mit schwerer und gefährlicher Körperverletzung zu Haftstrafen verurteilt worden.

Der 29 Jahre alte Hauptangeklagte, der nach Überzeugung des Hamburger Landgerichts den Schützen aus dem Gefängnis heraus mit der Tat beauftragt haben soll, wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Sein 73 Jahre alter Vater muss neun Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Der dritte, 27 Jahre alte Angeklagte - der mutmaßliche Schütze aus Bulgarien - wurde zu sechs Jahren und neun Monaten verurteilt und soll in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen werden.

«Es handelt sich um einen feigen Racheakt basierend aus kulturell geprägten und übersteigerten Ehrvorstellungen», sagte Richterin Jessica Koerner bei der Urteilsverkündung.

In der Nacht zum 27. August 2018 waren fünf Schüsse auf einen Hells-Angels-Boss abgegeben worden, als dieser mit seinem Bentley vor einer Ampel am Hamburger Millerntor halten musste. Der damals 38-Jährige wurde lebensgefährlich an Kopf und Oberkörper verletzt und ist seitdem querschnittsgelähmt.

Gut zwei Jahre zuvor waren der heute 29 Jahre alte Hauptangeklagte - ein Deutscher - und dessen Freundin Opfer eines ähnlich heimtückischen Überfalls im Stadtteil Schnelsen geworden. Dabei hatten die beiden Deutschen schwere Schussverletzungen erlitten.

«Ein solcher Akt hat mit unserem Rechtssystem rein gar nichts zu tun, auch wenn man selbst Opfer eines solchen Verbrechens geworden ist», sagte die Richterin.

Der Hauptangeklagte entstamme «einem archaischen Wertesystem, bei dem vor allem Stärke und Männlichkeit im Vordergrund stehen». Er habe als ehemaliger Anhänger der «Mongols» nach dem Angriff auf ihn und seine Freundin nicht als Schwächling dastehen, sondern als Sieger aus der Situation hervorgehen wollen.

Die Anfang 2016 aufgelöste Rockergruppe ist mit den Hells Angels verfeindet. Der Hauptangeklagte und sein Vater, ein Deutsch-Afghane, der bei der Planung und Vorbereitung der Tat eine wichtige Rolle spielte, hätten im Verfahren jede Schuld von sich gewiesen und sich in Widersprüche verstrickt. Absicht der Tat sei es gewesen, den Hells-Angels-Boss entweder umzubringen oder ihn mit schwersten Verletzungen überleben zu lassen.

Das Verhalten des dritten Angeklagten und Schützen bewertete die Richterin hingegen als kooperativ und geständig. Seine Aussagen seien «konstant, in sich schlüssig und widerspruchsfrei» gewesen. Der 27-Jährige sei bedacht darauf gewesen, nur das wiederzugeben, woran er sich genau erinnere. «Ich habe gezielt auf seine Schulter - und dann fünfmal geschossen», hatte der Angeklagte seiner Dolmetscherin zufolge im Februar vor Gericht ausgesagt.

Dass er gegen eine Zahlung von 10.000 Euro auf einen Menschen schießen soll, habe er erst einen Tag zuvor erfahren. Für einen Rückzieher sei es da zu spät gewesen. Er habe sich Sorgen gemacht, dass seine Auftraggeber ihm etwas antun würden. Die versprochene Belohnung soll bei Mittelsmännern hängengeblieben sein. Der Mann leidet an einer psychischen Erkrankung und stand bei der Tat unter Drogeneinfluss.

Wegen eines Rechenfehlers musste der bereits im Juni 2019 beendete Prozess ein zweites Mal aufgerollt werden. Die zuständige Strafkammer hatte die schriftliche Urteilsbegründung einen Tag zu spät auf der Geschäftsstelle des Gerichts vorgelegt. In dem ersten Verfahren war die an der Tat beteiligte Freundin des Hauptangeklagten bereits zu zwölf Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. Die Frau hatte den Schützen in der Nacht zum Tatort gefahren und das Opfer ausfindig gemacht.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
23. 04. 2020
18:21 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angeklagte Hells Angels Körperverletzung und Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit Landgericht Hamburg Psychiatrie Psychiatrische Kliniken Psychische Erkrankungen Richter (Beruf) Rockerkönige Schussverletzungen Tödliche Schüsse Überfälle
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Berliner Landgericht

08.07.2020

Angeklagter wegen Mordes an Fritz von Weizsäcker verurteilt

Bei einem Vortrag in einer Klinik rammte ein Mann dem Chefarzt Fritz von Weizsäcker ein Messer in den Hals. Ohne Reue und Zweifel saß der Täter vor Gericht. Nun fiel das Urteil. » mehr

Urteil gesprochen

23.07.2020

Früherer KZ-Wachmann erhält Bewährungsstrafe

75 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft hat das Landgericht Hamburg einen 93-Jährigen wegen Beihilfe zum Mord in Tausenden Fällen verurteilt. Der ehemalige SS-Mann hatte auf dem Wachturm eines Konzentrationslagers ges... » mehr

Mord mit Samuraischwert

27.07.2020

14 Jahre Haft nach Mord mit Samuraischwert

Mit einem Samuraischwert bringt ein Mann in Stuttgart seinen Ex-Mitbewohner um. Mitten auf der Straße und vor zahlreichen Zeugen. Jetzt ist der 31-jährige Täter verurteilt worden. » mehr

Sechsfacher Mörder

10.07.2020

15 Jahre Haft für sechsfachen Mord in Rot am See

Eine Familie kommt in einem Haus in Rot am See zu einer Trauerfeier zusammen. Dann knallt es plötzlich im Obergeschoss, immer wieder fallen Schüsse. Am Ende sind sechs Menschen tot. Auf den Schützen wartet nun eine lange... » mehr

Polizei

25.06.2020

Getränke vergiftet: Verbindung zu weiterem Fall vermutet

In Münchner Supermärkten tauchen vergiftete Getränkeflaschen auf, drei Menschen geht es elend. Unter Verdacht steht eine psychisch kranke Frau. Nun wird bekannt, dass sie wohl noch weitere Menschen vergiftet hat. Zwei Ki... » mehr

G20-Ausschreitungen

10.07.2020

Prozess um G20-Randale: Fünf junge Männer verurteilt

Rund 220 Vermummte zogen anlässlich des G20-Gipfels über die Hamburger Elbchaussee. Aus dem Aufzug heraus wurden Autos und Gebäude angezündet. Drei Jahre danach fällt nun das erste Urteil. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

HSC Coburg: Training und Media Day

HSC Coburg: Training und Media Day | 12.08.2020 Coburg
» 25 Bilder ansehen

WG: HSC - mögliche Aufmacher

WG: HSC - mögliche Aufmacher | 12.08.2020 Coburg
» 26 Bilder ansehen

Großbrand in Tettau auf Bauernhof

Großbrand auf Tettauer Bauernhof | 09.08.2020 Tettau
» 50 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
23. 04. 2020
18:21 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.